Journalismus im Dienste der Angst

Quelle: www.stefan-niggemeier.de

Ach, wie mutig sie ursprünglich sein wollten in Köln; ein Zeichen wollten sie setzen. Beim Rosenmontagszug in zwei Wochen sollte es einen Wagen geben, der sich mit dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ auseinandersetzt. Eine Skizze des Wagens kursierte schon länger. Sie zeigt einen Clown, der seinen Bleistift in die Mündung einer Schusswaffe rammt; der Terrorist dahinter schaut doof aus seiner Sturmhaube, während ihm Idefix auf den Schuh pinkelt. Und hinter dem Clown steht: „Pressefreiheit! Meinungsfreiheit!“Charlie_Karneval.jpgDas Motiv ist nicht sonderlich provokativ, nicht mal besonders kreativ nach allem, was man in den vergangenen Wochen an Karikaturen zu diesem Thema gesehen hat. Dem Festkomitee Kölner Karneval ist es nun aber plötzlich doch zu heikel. Am Mittwochabend beschlossen die Organisatoren ganz überraschend, dass es den geplanten Wagen doch nicht geben wird:

Wir möchten, dass alle Besucher, Bürger und Teilnehmer des Kölner Rosenmontagszuges befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben. Einen Persiflagewagen, der die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt, möchten wir nicht.

Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen: Ein Festwagen, der für Presse– und Meinungsfreiheit steht, wird zurückgezogen, weil er – angeblich – die „Freiheit und Leichtigkeit des Karnevals“ einschränkt. Das ist nicht nur für sich genommen eine denkwürdige Begründung, sie ist noch mal kurioser, wenn man die Genese dieses Wagens kennt. Das Festkomitee hatte kürzlich erst mit viel Tamtam über das Motiv abstimmen lassen, auf Facebook. 14 Entwürfe standen zur Auswahl. Und dieser, der mit dem Clown, gewann den Wettbewerb. Die Reaktionen waren, laut Festkomitee, überwiegend positiv:

Wir sind sehr dankbar über die zahlreichen Rückmeldungen der Menschen zu dem geplanten Wagen. In den sozialen Netzwerken und in den Medien wurde das Thema des geplanten Wagenbaus vielfach diskutiert. Zudem haben uns in den letzten Tagen zahlreiche Rückmeldungen per Email und auf dem Postweg erreicht. Viele Menschen stimmen uns zu und bekräftigen das Vorhaben, ein Zeichen zu setzen.

Viele Menschen stimmten also zu. Es waren sogar Islamwissenschaftler an der Bewertung der Motive beteiligt, damit keine religiösen Gefühle verletzt werden. Lediglich „einige Rückmeldungen“ besorgter Bürger habe es gegeben, „die wir sehr ernst nehmen“, schreibt das Festkomitee. Sonst aber betonen die Organisatoren, wie sehr sie zu dem Motiv stehen, wie unbedenklich und gleichzeitig wichtig es sei, so als Signal, und dass es auch seitens derer keine Bedenken gegeben habe, die für die Sicherheit des Umzugs zuständig sind:

Nach Auskunft hochrangiger Vertreter der Polizei und weiterer Behörden gegenüber dem Festkomitee besteht und bestand keinerlei Risiko für den Kölner Rosenmontagszug, weder für Teilnehmer noch für Besucher – auch ausdrücklich nicht wegen des Charlie-Hebdo-Wagens.

Kein Risiko also. Keine Bedenken. Aber gottseidank kann man sich, wenn gerade mal keine Panik herrscht, darauf verlassen, dass irgendwelche Medien Panik erzeugen, zum Beispiel der „Kölner Stadtanzeiger“, der gestern, noch vor dem Rückzug des Wagens, titelte:
Bildschirmfoto-2015-01-29-um-12.26.38Die Überschrift ist bemerkenswert, wenn man den Text darunter liest, in dem eher entwarnt wird. Dort sagt zum Beispiel der Kölner Polizeisprecher, dass es „keinerlei Hinweise auf eine konkrete Gefahr“ gebe, und dass man sich zum Sicherheitskonzept des Umzuges (aus gutem Grund) nicht äußere.

Aber das ist dem „Stadtanzeiger“ natürlich wurscht.

Aus einer ungenannten Quelle will die Zeitung „erfahren“ haben, dass der Wagen „unauffällig von getarnten Beamten eines Spezialeinsatzkommandos (SEK)“ begleitet werden soll, worüber sich die getarnten, unauffälligen Beamten sicher gefreut haben, dass das nun auffällig in der Zeitung stand. Zumal es nicht mal etwas Besonderes ist, wie der Leiter des Umzugs der Zeitung sagt: Der Rosenmonatszug sei ein Millionenevent, bei dem „in jedem Jahr“ Polizei dabei sei, zumindest „seit in der Session 2009 ein Wagen mitrollte, der sich mit dem US-Gefangenenlager Guantanamo beschäftigte“.

Dass der Umzug beschützt wird, ist also offenbar Usus. Dennoch verkauft der „Stadtanzeiger“ das als besondere Neuigkeit. Und auch der „Express“ jazzte die Sache mit dem angeblichen Polizeischutz hoch. Auch hier sagt der Polizeisprecher, dass er nichts sagt, dass es aber auch keine Bedenken gebe. Und wieder taucht irgendeine anonyme Quelle auf, dieses Mal „ein ranghoher Beamter“, der darüber plaudert, wie der Wagen angeblich vor Terroristen geschützt werden solle. Dabei dementiert das Festkomitee ausdrücklich, dass überhaupt irgendein einzelner Wagen besonders geschützt werden sollte:

Dies wurde heute in verschiedenen Medien falsch dargestellt und verursachte somit Verunsicherung bei einigen Lesern.

Und noch etwas stand im „Kölner Stadtanzeiger“ und im „Express“, was das Festkomitee nun dementiert:

In den Medien wurde heute publiziert, dass Gruppen oder Karnevalsgesellschaften gegenüber dem Festkomitee Ängste geäußert hätten, vor oder hinter dem geplanten „Charlie-Hebdo-Wagen“ zu gehen. Auch das ist schlichtweg falsch. Gegenüber dem Festkomitee wurden solche Ängste nicht kommuniziert. Dies war bis heute nicht der Fall.

Es waren also offenbar alle, von vereinzelten besorgten Bürgern mal abgesehen, ganz ruhig und besonnen, da die Lage und der harmlose Wagen ja nach Auskunft der Behörden unbedenklich waren – bis bei diversen Medien die Panikmaschine ansprang, auch bei den so genannten Regionalnachrichten von Sat.1, wo schon die Anmoderation karnevalesk doof ist:

Feiern, Trinken, Lachen – der Kölner Rosenmontagszug steht ja vor allem für eins: für Spaß und Halli Galli. Aber jetzt bekommt diese heile Welt einen Riss. Der Charlie-Hebdo-Wagen, der an die tödlichen Anschläge in Paris erinnern soll, soll nämlich wohl sogar vom SEK begleitet werden – aus Angst vor einem möglichen Islamisten-Attentat. Mit welchem Gefühl wir also dieses Jahr Karneval feiern können (…)

Und wie krampfhaft Sat.1 anschließend im Beitrag versucht, ein Gefühl von Angst heraufzubeschwören! Was aber dummerweise kaum jemand bestätigen möchte. Der Polizeisprecher (wieder) nicht. Das Festkomitee (auch wieder) nicht. Und auch die obligatorische Straßenumfrage liefert nicht das, was sich Sat.1 wohl gewünscht hätte. Eine Frau sagt, dass sie zwar ein mulmiges Gefühl habe in Menschenmengen, dass sie das aber nicht vom Feiern abhalte. Eine andere Frau sagt ungefähr dasselbe: Eine gewisse Angst, joah, aber trotzdem müsse man mitmachen, Spaß am Leben haben. Nur eine einzige Frau, wie als Alibi in den Beitrag eingeschnitten, sagt diesen einen Satz: „Ich hätte da schon Bedenken.“ Mehr nicht.

In einem Beitrag der WDR-Lokalzeit Köln, auch von gestern, ist die Tonalität ganz anders, viel entspannter. Die Session, bei der der WDR gedreht hat, ist ausgelassen, alle freuen sich, es ist nirgends von Bedenken die Rede oder von Polizeischutz, alle sind jut druff. Aber, wie gesagt, da sind halt genug andere Journalisten, die Angst und Bedenken haben. Oder vielleicht auch keine Bedenken, sondern Bock auf eine Geschichte, die sich gut verkauft, weil man mit Angst gut Geschäfte machen kann. In diesem Sinne und zur Freude aller Freiheitsgegner: Kölle Alaaf!

 

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