Geht mal auf´n Kaffee bei Ali und Fatma statt die ganze Zeit vor irgendwelchen Internetrassistenblogs zu hocken

Quelle: LCM

Offener Brief an die PEGIDA, Marzahner, Bucher und alle anderen „besorgten Bürger“

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Der überwiegende Teil meiner Freunde kommt aus ärmeren Familien. Ich bin in Gegenden aufgewachsen, die auch nicht schöner sind als Berlin-Hellersdorf, Marzahn, Buch oder Dresden-Prohlis. Ich weiß, wie scheiße es sich anfühlt, wenn man sich das ganze Blingbling nicht leisten, kann, das man jeden Tag im Fernseher sieht. Ich weiß, wie derbe es nervt, wenn man auf Hartz-IV ist und die ganze Zeit Münzen zählen muss. Oder wie beschissen es ist, wenn man zwar arbeitet, aber irgendeine dumme notwendige Anschaffung, eine kaputte Waschmaschine, ein Fahrrad fürs Kind oder sonstewas die gesamten Ersparnisse auffrisst, die man sich mühsam zur Seite gelegt hat. Und dann beschließen irgendwelche Penner, von denen man das ganze Jahr ohnehin nichts zu erwarten hat, einem auch noch einen Asyl-Container in den Bezirk zu stellen.

Nur, liebe Marzahner, Hellersdorfer, Bucher, Dresdner: An nichts, aber auch gar nichts von alledem sind Flüchtlinge schuld. Im Gegenteil: Flüchtlinge wollen überhaupt nicht in Massenquartieren wohnen, in denen ohne Berücksichtigung kultureller Unterschiede zusammen eingepfercht werden, bewacht von irgendwelchen sadistischen Irren, ohne irgendeine Perspektive, weil sie sich weder frei bewegen können, noch arbeiten dürfen.

Flüchtlinge, liebe Hellersdorferinnen und Bucher, liebe Marzahner und Dresdnerinnen, kommen auch nicht hier her, um euch das Wenige wegzunehmen, das ihr habt. Sie kommen hier her, weil in ihren Ländern Krieg oder Bürgerkrieg toben. Oder weil ihre Länder so abgefuckt sind, dass sie dort nicht viel mehr machen können, als zu warten, bis sie und ihre Kinder verhungert sind. Oder weil sie politisch verfolgt werden. Liebe „besorgte Bürger“, glaubt ihr ernsthaft, jemand nimmt die Reise in die militärisch bewachte Festung Europa auf sich, nur aus Spaß? Eine Reise, bei der jedes Jahr tausende Menschen irgendwo im Meer ersaufen, ohne dass man von Euch je gehört hätte, dass ihr darüber „besorgt“ seid.

Jetzt höre ich euch sagen: Aber was geht mich das an, ich habe meine eigenen Sorgen, sollen die Habenichtse doch in ihrem Land bleiben. Vergesst lieber nicht, warum die Länder der europäischen Peripherie, die Länder des Trikonts oder die Nachfolgestaaten so abgefuckt sind, dass da keiner bleiben will. Das hat viel mit Kriegen zu tun, die der Westen führt, auch die Bundeswehr. Das hat mit Waffenexporten zu tun, die aus Deutschland kommen und über Saudi-Arabien oder Katar oder die Türkei in Krisengebieten landen. Das hat viel zu tun mit einer Wirtschaftsordnung, die aus der ungleichzeitigen Entwicklung von Volkswirtschaften Profit schlägt, mit einer Ökonomie des Elends, in deren Spiel aus Exportproduktion, Subventionen und Krediten die kapitalistischen Zentren gewinnen und der Trikont verliert.

Kurz: Ihr, die ihr keinen Widerstand dagegen hinbekommt, dass US-amerikanische, europäische, deutsche Armeen andere Länder auch in eurem Namen zerstören, ihr wollt jetzt noch die hetzen, die aus diesem Elend hier her fliehen? Habt ihr denn überhaupt keine Würde? Legt euch doch mit richtigen Gegnern an, mit Staat und Kapital, nicht mit denen, die ihr als Sündenböcke durch die Straße jagen könnt.

Ihr sagt und denkt: „Weil die Ausländer soviel kosten, bleibt so wenig für uns.“ Erstens „kosten“ die „Ausländer“ gar nichts, wenn man schon im Rahmen dieses dummen Arguments bleiben will, sondern, weil sie immer schon stärker ausgebeutet wurden, und immer schon noch mehr abgezogen wurden als ihr, bringen sie diesem deutschen Staat sogar noch ein Plus an Einnahmen.

„Kosten“ tut das Recht auf Asyl, das ein Erbe des Zweiten Weltkriegs ist und in Deutschland ohnehin schon so eingeschränkt ist, dass es kaum noch etwas bedeutet als leere Worte. Die „Kosten“ dieses Rechts plärrt ihr die ganze Zeit hinaus, ganz so, als würdet ihr in eurem kindischen Glauben an den Staat wirklich annehmen, wenn der gute Staat es nicht für die „Kanacken“ ausgeben müsste, würdet ihr es unterm Weihnachtsbaum finden. Wenn ihr schon so denkt, dann arbeitet euch doch mal an ein paar anderen „Kosten“ ab. Warum haben wir euch nicht schreien hören, als die Bankenrettung 50 Milliarden Euro verschlang? Wo ist euer Protest gegen die konstante Milliarden Euro teure Aufrüstung in diesem Land? Nichts haben wir von euch gesehen, wenn es um Widerstand gegen den Afghanistan-Krieg ging, der dutzende Milliarden „kostete“. Nur beim Asyl, da werdet ihr auf einmal zum Sparmeister.

Nun, liebe Hellersdorfer, liebe Dresder, wir müssen noch über etwas anderes reden. Euer Problem ist nicht, dass ihr mit zuvielen Ausländern zusammenleben müsst. Euer Problem ist, dass es da, wo ihr wohnt zu wenige Ausländer gibt. Studien belegen, dass Fremdenhass vor allem da aufkommt, wo sehr wenig Kontakt zu „Fremden“ besteht. Ihr sucht euch auf irgendwelchen Internet-Blogs von verbitterten rassistischen Schwachmaten selbstgeschriebene Lügenartikel zusammen und konstruiert euch ein Bild vom „Ausländer“, das mit der Realität nichts zu tun hat. Ein kleiner Tip am Rande: Nicht alles, was man irgendwo im Internet findet, ist deswegen auch schon wahr.

In Sachsen, da, wo ihr mit Eurem PEGIDA-Kram gegen „Islamisierung“ demonstriert, gibt es 0,1 Prozent Muslime. 0,1 Prozent – das ist für euch „Islamisierung“. Nun werdet ihr sagen: „Naja, aber wieviele gibt es in Berlin.“ Ja, da habt ihr ganz recht, da gibt es mehr, sogar 6,5 Prozent. Nur: Wir in Berlin, in Kreuzberg, in Neukölln, im Wedding, wir demonstrieren nicht gegen „Islamisierung“ und „kriminelle Ausländer“. Weil die „Ausländer“ hier unsere Nachbarn sind, unsere Freunde, ihre Kinder mit unseren Kindern zur Schule gehen. Weil wir jeden morgen bei Ali und Fatma unsern Kaffee trinken und uns nicht rund um die Uhr auf irgendwelchen Hirnfickblogs von ultrahässlichen Internetrassisten erfundene Horrorpropaganda über „kriminelle Ausländer“ reinwürgen, bis wir vor Angst in die deutschen Höschen koten. Solltet ihr auch mal probieren.

Vielleicht könntet auch ihr langsam merken: Ihr demonstriert, weil ihr die Ursachen eurer alltäglichen Sorgen in einen Sündenbock verlagert, den ihr manchmal „Muslime“, manchmal aber auch einfach „Ausländer“ nennt. Ihr nehmt die Probleme, die ihr habt, und gegen die ihr zurecht was tun wollt, aber anstatt nach den wirklichen Ursachen zu suchen, sucht ihr euch die schwächsten Glieder der Gesellschaft, „Flüchtlinge“ und „Ausländer“, und wollt in ihnen den Ursprung alles übel sehen.

„Wenn ihr nicht aufpasst, dann werden die Medien euch dazu bringen, diejenigen zu hassen, die unterdrückt werden, und die Unterdrücker zu lieben“, hat Malcom X einmal gesagt. Ihr passt nicht auf. Und für euch brauchts nicht mal die Medien. Bei euch reichen ein paar mittelmäßige Neonazis, Rassisten, Stammtischtrottel, rechte Hooligans und ähnliche intellektuelle Glanzlichter. Von denen lasst ihr euch dann erklären, wer an alllem Schuld ist? Von denen? Läuft bei euch.

Ihr lasst euch von Springer-Presse, von PI-News, NPD, Die Rechte und wie sie sonst alle heißen, einreden, die „Ausländer“ oder neuerdings die Muslime wären an eurem Unglück schuld. Sind sie aber nicht. Genauso wie ihr, und genauso wie wir, sind die meisten Flüchtlinge, die hier herkommen, und die meisten Ausländer, die hier leben, Habenichtse. Und das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Schämen muss man sich nur, wenn man den richtigen Feind nicht erkennt und stattdessen ohnehin schon entrechtete Menschen zu Sündenböcken erklärt. Hört mit dem Scheiss auf, ihr macht euch lächerlich.

Küsschen,

Euer Eric von Hooligans gegen Dummheit (HoGeDu)

Weil der Text so krass rumging, haben uns die FreundInnen vom Lower Class Magazine nochmal angerufen und wir haben bei nem Bier erklärt, worum´s uns ging. Hier das Interview.

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