Geschichte und Kontinuitäten des deutschen Kolonialismus

von Kien Nghi Ha, aus Lotta

Kolonialismus ist in Deutschland, sobald er als kritische Analysekategorie gebraucht wird, ein unnahbarer, geradezu unheimlicher Begriff. Wie die Rassismuskritik löst die Erinnerung an koloniale Unterdrückungen bei Weißen Deutschen das Bedürfnis nach augenblicklicher Distanzierung aus. Meist schlagen sich solche Entlastungsstrategien in der Sehnsucht nach einem endgültigen Schlussstrich nieder.

Die Weigerung der deutschen Dominanzgesellschaft, sich mit den kolonialen Grundlagen ihrer eigenen Kulturgeschichte und politischen Identität auseinander zu setzen, hat weitreichende Folgen. Sie reflektiert einen Prozess, in dem weder die Unterwerfung des Anderen noch die Frage nach der kolonialen Konstruktion der deutschen Nation zur Sprache kommt. Diese Frage erscheint um so gefährlicher und unzulässiger, je stärker der Blick auf die ungeklärte Aktualität deutscher Kolonialkultur gelenkt wird. Bisher hat das gesellschaftliche Schweigen und Verschweigen das Feld des notwendig Sagbaren weitgehend verdrängt.

Post/koloniale Selbstverleugnungen
Die Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte wurde lange Zeit in der BRD stark vernachlässigt. Erstaunlicherweise fing die westdeutsche Geschichtswissenschaft erst Ende der 1960er Jahre in einem umfangreicheren Maß damit an, sich mit dieser Epoche auseinander zu setzen. Ebenso bezeichnend war, dass bereits Mitte der 1970er Jahre das Forschungsinteresse wieder erlahmte. Die neueren Anstöße für eine wissenschaftliche Aufarbeitung des deutschen Imperialismus kamen daher zunächst auch nicht aus den hiesigen Universitäten, sondern von den Schwarzen (deutschen) Gelehrten und Aktivist/-innen der transatlantischen Black Diaspora Studies, der anglo-amerikanischen German Studies und der transnational ausgerichteten postkolonialen Kritik.

Demgegenüber beschäftigt sich das Gros der kolonial historischen Forschung mit der Kolonialisierung außereuropäischer Gebiete, wodurch der wechselseitige Prozess von äußerer Fremd- und innerer Selbst-Kolonialisierung aufgespalten wird und die Produktion entgrenzter Räume im Prozess der Kolonialisierung unter belichtet bleibt. Studien, die die Kontinuität und Transformation kolonialer Denkweisen, Bilder und Strukturen bis in die gegenwärtige Bundesrepublik hinein analysieren, sind immer noch recht selten.

Ich möchte daher im Folgenden auf die widersprüchlichen Überlagerungen von Raum – Traum – Trauma als Ausgangs bedingungen kolonialer Politik eingehen und dabei vor allem skizzieren, wie sich der Kolonialisierungsprozess auf die politische Kultur Deutschlands auswirkte. Noch immer sind wir mit einer historischen Situation konfron tiert, die durch diskriminierende Praktiken und eine fehlende Erfahrung der inneren De-kolonialisierung gekennzeichnet ist. Grundsätzlich ist daher festzuhalten, dass das heutige Ausmaß und die spezifische Ausrichtung rassistischer Gewaltverhältnisse nicht von der kolonialen Erfahrung abgetrennt werden können. Die Kolonialpolitik hat zu einer strukturellen, kulturellen und nicht zuletzt auch administrativen Verankerung von Abwertungs- und Aggressionspotentialen gegen People of Color beigetragen. Die Alltäglichkeit rassistischer Verhältnisse äußert sich nicht nur in skandalisierbaren Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen – etwa im Umgang mit deutschen Behörden und Gesetzen.

Nicht zuletzt deshalb müssen wir uns nach wie vor mit den Fortwirkungen des kolonialen Rassismus auseinandersetzen, in denen beispielsweise auch die normalisierende Praxis der „Rassifizierung“ als menschlich angeboren und damit unhintergehbar erscheint. Dass Menschen eine unleugbare, weil angeborene „rassische“ Identität und Zugehörigkeit haben, ist jedoch eine koloniale Erfindung, die meist nicht als solche wahrgenommen wird. Eine lange Reihe deutscher Philosophen und Wissenschaftler wie Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, um nur zwei der berühmtesten Masterminds zu nennen, leisteten im Namen der europäischen Aufklärung bedeutende Beiträge zur Durchsetzung rassentheoretischer Diskurse im westlichen Allgemeinwissen. Ein Strang dieser pseudo-wissenschaftlichen Entwicklung endete in der weltweit führenden deutschen „Rassenhygiene“, die sich bereits im kolonialen Kaiserreich an den Universitäten formierte und gerade im Bildungsbürgertum und in der sozialen Elite ihre treusten Anhänger/-innen fand. In der Zeit des Nazismus nahm die „Rassenhygiene“ eine wesentliche Rolle in der industriellen Vernichtungspolitik ein, da sie biopolitische Techniken der Identifizierung, Selektion und Konzentration der zu vernichtenden Bevölkerungsgruppen erarbeitete und sich als ideologisch zuverlässiger Apparat der deutschen Nazis erwies.

Laboratorien der Moderne
Der deutsche Beitrag zur kolonialen Globalisierung spielt sich im Rahmen eines über mehrere Jahrhunderte anhaltenden weltpolitischen Zerstörungs- und Transformationsprozesses ab. Bemerkenswert ist, wie durch die Kolonialisierung in den Metropolen selbst koloniale Räume und Praktiken entstanden, die im Rahmen eines „Kolonialismus ohne Kolonien“ bis in die heutige Zeit tradiert wurden. Die Kolonialisierung wirkte sich nicht nur verheerend auf die Menschen und Gesellschaften in den neu geschaffenen Kolonien aus. Sie veränderte auch die deutsche Gesellschaft, deren Lebenswelten und Institutionen sich den Erfordernissen eines koloniali sierenden Staates anpassten. Die Kolonien wurden nicht nur als Rohstofflieferanten, Siedlungsräume, Absatz- und Kapitalmärkte genutzt, sie dienten zudem als „Laboratorien der Moderne“ und „Schule der Nation“. Entsprechend waren die Auswirkungen der Selbstkolonialisierung auf die militärische, politische, kulturelle, ideologische, ökonomische, wissenschaftliche, technische und städtebauliche Sphäre der Wilhelminischen Gesellschaft unübersehbar.

Nicht zuletzt ist hier an die epochale Bedeutung der Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85 zu erinnern, in der auf Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck 14 vorwiegend europäische Kolonialmächte einen ganzen Kontinent unter völliger Missachtung der Interessen der dort lebenden Menschen unter sich aufteilten. Bei diesem Verhandlungsmarathon wurde nichts Geringeres als die zukünftige Gestalt und die Spielregeln der europäischen Einverleibung Afrikas festgelegt. Die damit vertraglich geregelte geopolitische Neuordnung ermöglichte ein gigantisches, systematisch angelegtes Kolonialprojekt, das ausgehend von den am Reißbrett entworfenen Grenzen ein neues Zeitalter und vollkommen künstlich erzwungene Retortengesellschaften hervorbrachte. Die weltpolitische Bedeutung dieses G14-Ereignisses ist schwer zu überschätzen, da der bereits im Gang befindliche „Wettlauf um Afrika“ nun multilateral organisiert wurde und sich in Richtung eines temporären und brüchigen Macht- und Interessensausgleiches der europäischen Imperien entwickelte, der bis zum Ersten Weltkrieg hielt.

Berliner Afrika-Konferenz“ oder „Kongo-Konferenz“
Ohne Übertreibung kann behauptet werden, dass der geopolitische Ursprung des heutigen Afrikas sowie der Grundstrukturen seiner gegenwärtigen Kartographie in der deutschen Hauptstadt zu finden sind. Deutschland stieg infolge der Herrschaft über die sogenannten Schutzgebiete „Deutsch-Ostafrika“, „Deutsch-Südwestafrika“, „Deutsch-Kamerun“ und „Togoland“ zu einer kolonialen Großmacht auf. Demgegenüber ist das koloniale Designprodukt „Afrika“ von seiner historischen, politischen und kulturellen Entstehung her ein geistiges Erzeugnis, das von Anfang an mit dem Stempel „Made in Germany“ versehen ist. Das koloniale und postkoloniale Afrika war demnach niemals ein ferner, „dunkler“ Kontinent, sondern das Ergebnis europäischer Projektionen, Wunschvorstellungen und Machtkompromisse, die nicht zuletzt durch die Diplomatie des deutschen Gastgebers hergestellt wurden.
Insbesondere Berlin hatte kein Interesse daran, dass die mit Deutschland konkurrierenden Großmächte wie Frankreich und England das riesige Gebiet des Kongobeckens mit seinen vielfältigen Ressourcen und ökonomischen Möglichkeiten ausbeuteten und den deutschen Aufstieg zur Weltmacht erschwerten. Dass der Kongo als Kompromisslösung in den Privatbesitz des belgischen Königs Leopold?II. überging, der dort ein besonders grausames Ausbeutungs- und Terrorregime etablierte, dem etwa die Hälfte der Bevölkerung, schätzungsweise bis zu 10 Millionen Afrikaner/-innen, innerhalb von etwas mehr als 20 Jahren zum Opfer fiel, ist auch ein Ergebnis der deutschen Verhandlungsstrategie.

Obwohl die Berliner Afrika-Konferenz symbolisch und realpolitisch eine herausragende Wegmarke ins imperialistische Zeitalter darstellt, wurde in der BRD die Fiktion der Verleugnung und Unsichtbarmachung der maßgeblichen deutschen Beteiligung lange Zeit erinnerungs- sowie sprachpolitisch gepflegt. Man tat so, als ob das koloniale Gipfeltreffen, das heutzutage als politischer Mega-Event bezeichnet werden müsste, nie in Berlin stattgefunden hätte. Entgegen dem internationalen Verständnis, das dieses Kolonialereignis als „Berlin Conference (1884)“ bezeichnet, wird in Deutschland der Begriff „Kongo-Konferenz“ bevorzugt. Somit wird nicht nur ein wichtiger Entstehungs- und Ausgangsort des europäischen und deutschen Kolonialismus unkenntlich gemacht, sondern auch erinnerungspolitische Räume werden dem Vergessen anheimgegeben. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass koloniale Strukturen, Dimensionen und Überlieferungen nicht nur bei der Verteidigung rassistischer Werte und kolonialer Bilder zum Vorschein kommen, sondern sich auch in der Nichtanerkennung, Unsichtbarmachung und Externalisierung ausdrücken.

Imperial Germany
Infolge der gesamtgesellschaftlichen Aufgaben- und Arbeitsteilung wurden viele Gesellschaftsbereiche in Deutschland durch die Kolonialisierung außereuropäischer Räume Bestandteil einer kolonialen Infrastruktur. Das koloniale Moment trat damit als gesellschaftlich organisierende Kraft in Erscheinung. Es entstand eine zusammen hängende Kette kolonialer Orte und Produktionsstätten in Deutschland, die nach imperialistischen Interessen organisiert wurden. Der Aufstieg zu einer globalen Imperial macht ging mit der Ausbildung eines kolonialen Apparates einher. Gerade in Berlin, das als Reichshauptstadt des „Imperial Germany“ fungierte, entstand ein neues Machtzentrum. Dieser Ort wurde zum Ausgangspunkt eines kolonialen Weltreiches, das mittels verschiedener staatlicher Organe wie dem Reichstag, dem Reichskolonialamt oder dem Oberkommando der Kolonialtruppen über die außereuropäischen Gebiete und ihre Bewohner/-innen zu herrschen versuchte. Die Opposition gegen die Kolonialpolitik war in der deutschen Gesellschaft wie im Reichstag denkbar gering: Ein nicht unwesentlicher Teil der Sozialdemokratie betrachtete die Schaffung von Kolonien zuweilen als zivilisatorische „Kulturtat“ und forderte einen „besseren“ Kolonialismus. In den bürgerlichen Kreisen und unter den Eliten war die Kolonialbegeisterung nahezu einmütig. Man berauschte sich an der Vorstellung von einer deutschen Weltmacht und gefiel sich in der Rolle des „Herrenmenschen“.

Die Kolonialbewegung sammelte sich in Massenorganisationen wie der Deutschen Kolonialgesellschaft und dem Alldeutschen Verband. Neben ausgiebiger Lobbyarbeit und Propaganda versuchten diese Organisationen, die Germanisierung der okkupierten Überseegebiete durch Siedlungsmigration zu befördern. Auf der anderen Seite brachte die koloniale Zwangsverbindung auch eine Verstärkung Schwarzer Präsenzen in den deutschen Städten mit sich. Die Anwesenheit Schwarzer Menschen erregte mit der Zeit zunehmend migrations- und biopolitische Debatten über die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit von Akkulturation, Niederlassung und „Mischehen“. Neben der Kolonialmigration wanderten auch im Import- und Exportgeschäft Konsumprodukte über transkontinentale Handelsrouten nach Deutschland. Die ökonomischen Verflechtungen zwischen Peripherie und Zentrum ließen einen Wirtschaftskreislauf und eine Infrastruktur für Kolonialwaren aller Art entstehen. Die Schauplätze dieser Kolonialwirtschaft, ihre Fabriken, Handelshäuser und Ausstellungsräume wurden Teil des städtischen Raums und der deutschen Alltagswelt. Ökonomische Interessen begünstigten auch die Entwicklung einer deutschen Kolonialkultur und Kulturindustrie, die das Konsuminteresse nach exotischer Fremdheit und rassistischen Stereotypisierungen bediente. Durch Reiseromane, Zeitungsberichte, Fotografien, später auch Filme, Werbeplakate, Völkerschauen und andere Medien der Populärkultur wurden koloniale Phantasien massenhaft erfahrbar gemacht. In diesen Praktiken der Fremdrepräsentation avancierte die koloniale Begegnung zu einer alltäglichen Ware und gleichzeitig zu einem Raum der hierarchischen Inszenierung.

Die kolonialen Zuschreibungen und rassistischen Prozesse der Machtungleichheit negierten faktisch die Möglichkeiten der offenen Begegnung. Unter diesen Bedingungen wurden die Selbst- und Fremdbilder rassistisch formatiert und in ein starres Verhältnis von Zugehörigkeit und Fremdheit, von Über- und Unterordnung gebracht. Solche defor mierten Weltbilder haben sozialdarwinistischen Über legen heitsgefühlen, aber auch missionarischem wie kolonial päda gogi schem Eifer Vorschub geleistet. Statt als kritisches Korrektiv dienten akademische Disziplinen wie Botanik, Tropenmedizin, Geographie, Anthro pologie und Sprachwissenschaften häufig als willige Kolonialtechniken.

Zwischen Nostalgie, Revisionismus, virtuellen Kolonien und Größenwahn
Am Ende des Ersten Weltkrieges waren die imperialistischen Expansionspläne Deutschlands zunächst gescheitert. Das Land musste seine Kolonialterritorien in den Friedens erhandlungen von Versailles abtreten. Mit dieser formalen Schlussakte schien die Kolonialzeit in Deutschland besiegelt zu sein. Tatsächlich trat die deutsche Kolonialpolitik lediglich in eine neue, revisionistische Phase ein. Dieser Kolonialismus ohne Kolonien erfüllte sich in einem Feld der virtuellen Realität. Indem die nostalgisch verklärten Kolonialerinnerungen die Zukunftspläne für die Wiedererlangung außereuropäischer Räume vorbereiteten, drohte die Phantasie immer real zu werden. Die Reminiszenzen an die „gute alte Zeit“ verstärkten den Wunsch, diesen Zustand möglichst bald wieder herzustellen, um die deutsche Nation zur alten Stärke zurückzuführen.

Der Verlust der „Schutzgebiete“ wurde allgemein als eine schmerzhafte Amputation der Nation empfunden. Er traf das deutsche Selbstverständnis als Welt macht ins Mark. Kolonialrevisionistische Diskurse rekurrierten auf weit verbreitete Einstellungsmuster in der Bevölkerung: Neben Massen kundgebungen in vielen Städten beteiligten sich 1919 auch mehr als 3,8 Millionen Deutsche an einer Unterschriftenaktion, um gegen den „Raub der Kolonien“ zu protestieren.

Es gab aber auch andere Wege, das deutsche Kolonialtrauma zu kompensieren. Noch während der Kolonialzeit begann man damit, der deutschen Kolonialwelt auf der Berliner Straßenlandkarte ein Denkmal im kollektiven Gedächtnis zu setzen. Das Zentrum dieser symbolhaften geopolitischen Aneignung in Wedding besteht hauptsächlich aus dem „Afrikanischen Viertel“, das durch pazifische und chinesische Ortsbezeichnungen komplettiert wird. Einen wichtigen Impuls für das zwischen 1899 und 1958 entstandene Kolonialviertel gab der berüchtigte Hamburger Kaufmann Carl Hagenbeck, der mit Tierhandel und Menschenzoos ein florierendes Geschäft betrieb und dort einen Kolonialpark errichten wollte. Wie die Kolonial ausstellung 1896 im großen Maßstab bewies, lockten die so genannten Völkerschauen Zuschauermassen an.

Das Bedürfnis nach Kolonialbesitz drückte sich auch in der politischen Kultur der Weimarer Republik aus. Nur die Kommunistische Partei distanzierte sich von diesem nationalen Konsens. In einem Akt, in dem der Wunsch traum die Realität trotzig ersetzte, wurde das Reichs kolonial amt 1919 zu nächst in ein Reichskolonialministerium umgewandelt und ein Jahr später dem Reichsministerium für Wiederaufbau zugeordnet.

Deutschland hielt sich in der Folgezeit bereit, durch die Weiterentwicklung der Tropenmedizin und der Kolonialtechnik auch künftig weltweit agieren zu können. In kolonial politischen Richtlinien und in wirtschaftlichen Mobilmachungsplänen wurde die entwicklungspolitische Durchdringung der ehemaligen Kolonien mit Ärzten, Pionieren und Ingenieuren angeregt. Deutschland strebte immer noch nach einem „Platz an der Sonne“. So entstanden Phantasien, die Sahara zu begrünen und agrarwirtschaftlich zu nutzen. Übertroffen wurde diese koloniale Utopie nur noch durch das beispiellose Atlantropa-Projekt. Aus dem Wunsch nach afrikanischen Besitzungen entwickelte sich die Idee, das Mittelmeer trockenzulegen und zu einem großdeutschen Kontinent namens „Eurafrika“ zu vereinen.

Koloniale Diskurse in der BRD
Zu den größten Bewunderern dieser manischen Großprojekte zählten die Anhänger/-innen der Kolonialbewegung. Da ihr Wirkungskreis weit über die eigenen Mitglieder hinausreichte, blieb die Kolonialbewegung ein wichtiger politischer Faktor in der Weimarer Republik. Ein Großteil dieser Kolonialgesellschaften schloss sich 1922 zur Kolonialen Reichs arbeitsgemeinschaft zusammen, die erst 1974 abgewickelt wurde. Einer ihrer Vizepräsidenten war Konrad Adenauer.
Auch nach dem Ende der NS-Zeit sind koloniale Argumentations- und Denkmuster in der BRD trotz aller gesellschaftlichen Umbrüche wirkungsmächtig geblieben. So soll der frühere Bundespräsident Heinrich Lübke bei einem Staatsbesuch in Afrika seine Gäste in „sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ eingeteilt haben. Zwar erscheint inzwischen fraglich, ob dieser Ausspruch tatsächlich von Lübke stammt, belegt ist hingegen, dass der Bundespräsident bei einem Staatsbesuch in Madagaskar den Ein heimischen paternalistisch riet: „Die Leute müssen ja auch mal lernen, dass sie sauber werden“. Der sich in einer solchen politischen Kultur wiederfindende koloniale Habitus, den viele Weiße Deutsche lediglich als lustige Anekdote abtun, mag der Sozialisation seiner Generation in der Kolo nial zeit geschuldet sein. Die Hierarchisierung und konstruierte „Rassen pyramide“, die solche Diskurse erst ermöglichen, stehen zudem symptomatisch für das problematische deutsche Verhältnis zu seinen früheren Siedlungskolonien. Die in der BRD geäußerten Sorgen über die jüngsten Land reformpläne in Namibia zuungunsten der deutschstämmigen Großgrundbesitzer erwecken den Eindruck einer „Schutzmacht“, die sich für ihre deutsche Kolonie und ethnischen Landsleute einsetzt. Ebenso ist daran zu erinnern, dass es zu Südafrika in der Apartheidzeit nicht nur eine gut funktionierende Franz-Josef-Strauß-Connection gab, sondern auch weitläufige Bestrebungen, sich für die Interessen der 120.000 deutschstämmigen Siedler/-innen zu engagieren.
Abschließend möchte ich die zentrale Frage nach der kolonialen Präsenz in zugespitzter Weise veranschaulichen. In der Gegenwart erscheint für viele der deutsche Kolonialismus nur noch als historische Erscheinung und die Rede vom „Neokolonialismus“ wie ein Relikt aus der endlich pazifizierten 1968er-Zeit. Aber sind die Gefahren eurozentristischer Diskurse und selbstreferentieller Machtlogiken, zu denen auch das Primat nationaler Interessen gehört, tatsächlich gebannt? Gehört das deutsche Streben nach einem „Platz an der Sonne“ einer endgültig abgeschlossenen Epoche an? Statt beruhigende Gewissheiten zu behaupten, erscheint es mir sinnvoller, von einer Realität auszugehen, in der es unter veränderten inner- und weltgesellschaftlichen Voraussetzungen möglich ist, kolonial ähnliche Dominanz verhältnisse weiterzuentwickeln und die Welt weiterhin nach den Bedürfnissen des globalen „Westens“ neu zu gestalten.

Zweifellos ist das wiedervereinte Deutschland zu einem wichtigen Akteur auf dieser Weltbühne geworden. Gerade in der kritischen Kulturarbeit und Wissenschaft ist es daher sinnvoll, etwa in der heutigen Migrations- und Integrationspolitik wie auch in anderen Bereichen für die stille Wiederkehr kolonialer Paradigmen als Farce oder Tragödie zu sensibilisieren und immer wieder gesellschaftliche Konventionen gegen den Strich zu bürsten. Einige Episoden aus dem politischen Alltagsgeschäft zeigen in dieser Hinsicht eine erstaunliche Selbstgefälligkeit, die unbeantwortete Fragen nach den weiteren Entwicklungen aufwerfen.

Wenn nicht alles täuscht, sind mit den „Verteidigungspolitischen Richtlinien“ der Bundesregierung von 1992 und 2003, die eine weltweite Sicherung nationaler Interessen vorsehen, die militärischen und machtpolitischen Komponenten in der deutschen Außenpolitik revitalisiert worden. Inzwischen ist die deutsche Armee als Global Player nach den geflügelten Worten ihres damaligen sozialdemokratischen Ministers Peter Struck vom 5. Dezember 2002 auch bereit, „die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch [zu] verteidigen“.

Ende Mai 2010 hatte der inzwischen zurückgetretene Bundespräsident Horst Köhler die Ansicht vertreten, dass ein Land wie Deutschland, „mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandels abhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“ Zwar wurde sein Rücktritt oft mit der, wie es hieß, unglücklichen Formulierung dieser Äußerung begründet, die die politische Opposition kurzfristig als Plädoyer für verfassungswidrige Wirtschaftskriege kritisierte. Letztlich waren sich viele politische und mediale Meinungsführer darin einig, dass Köhlers Fehler vor allem darin bestanden habe, zu wenig Stehvermögen und Ausdauer gezeigt zu haben. Einige werteten Köhlers Rücktritt sogar als Verrat an Deutschland in Zeiten der Krise. Meist wurde behauptet, dass die eigentliche Schuld bei seinen politischen Gegnern und deren maßloser Kritik läge, die eine Reihe von Missverständnissen gegen ihn ausgenützt hätten.

Das größte Missverständnis in Köhlers Position läge darin, dass er mit dieser Stellungnahme eigentlich den Somalia-Einsatz der Bundeswehr rechtfertigen wollte. Merkwürdigerweise wurde in der Diskussion suggeriert, dass Köhlers Begründung für militärische Auslandseinsätze auf dem afrikanischen Kontinent den normalen Gepflogenheiten der außenpolitischen Debatte entspräche. Nach derzeitiger Planung wird zukünftig vor allem Afrika als Zielgebiet deutscher Kriegseinsätze angesehen, die offiziell als „friedenserzwingende Missionen an jedem Ort der Welt“ beschrieben werden. Mit der Durchsetzung westlicher Militärgewalt steigt die Gefahr, dass durch geopolitische Interventionen eine Weltordnung (re-)etabliert wird, die einen Kreislauf von Herrschaft und Viktimisierungrevitalisiert, in der die aufeinander weisenden Kategorien von Raum – Traum – Trauma erneut als Glieder einer kolonialen Produktionskette miteinander verbunden werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s