Avantgarde oder Hefeteig?

»Revolutionäre haben die Plicht,
anderen dabei zu helfen, ebenfalls Revolutionäre zu werden,
aber nicht die Plicht, ›Revolution zu machen‹. Und das ist nur dann möglich,
wenn der Revolutionär oder die Revolutionärin zuerst
bei sich selbst mit der Veränderung anfängt.«
– Murray Bookchin –

Sobald Anarchisten damit anfangen, in diesem ganzen Szenario ihre eigene Rolle zu bestimmen, geraten sie in ein fürchterliches Dilemma*. Wir haben gesehen, wie zornig Anarchisten kritisieren können. Wir wurden Zeugen ihrer schönen Visionen. Wir hörten auch, was sie so treiben. Was wir aber noch nicht wissen, ist, wie sie sich selbst in jenem Prozeß der Umwälzung sehen, als der Anarchie letztlich verstanden werden muß.

Sie könnten es sich ganz einfach machen: »Erstens, wir sind Anarchisten. Zweitens, wir haben den Durchblick. Drittens, die meisten Menschen haben keinen Durchblick. Viertens, Unterdrücker haben auch den Durchblick, wollen aber Unterdrücker bleiben und sind deshalb unsere Feinde. Fünftens, wir kämpfen die Feinde nieder. Sechstens, damit das geht, bilden wir Durchblicker eine verschworene Gemeinschaft. Siebtens, die zeigt den Menschen ohne Durchblick, wo‘s lang geht. Achtens, wenn die nicht wollen, helfen wir ihnen auf die Sprünge. Neuntens, nach der Revolution schaffen wir dann alles Schlechte ab. Zehntens, wer das Gute nicht will, ist unser Feind.« (Und so weiter, ab Punkt fünf …)

»Alles wird gut, wir wissen den Weg, folgt uns!« – kann das das Strickmuster anarchistischen Wirkens sein?

Ich hoffe, meine Leser haben die Ironie bemerkt und wissend geschmunzelt. Es wäre nicht nur zu einfach, sondern vor allem: nicht die Spur anarchistisch. Bei diesen ›zehn Geboten‹ fehlte nur noch das »Amen!«. Warum aber dann dieses Denkmuster? Weil es Menschen gab und gibt, die allen Ernstes so denken und handeln, wenngleich sie das natürlich anders ausdrücken. Bei Jesuiten, US-Präsidenten, Fundamentalisten, Marxisten-Leninisten oder Faschisten kann uns so eine Auffassung nicht verwundern, aber es gab und gibt tatsächlich auch Anarchisten, die ähnliche Vorstellungen im Kopf haben.

»Am Anfang war der Zorn« – so lautete nicht zufällig der erste Satz dieses Buches. Zorn – Aulehnung – Umsturz, das mag zwar verständlich sein, aber zu kurz gedacht. In dieser gedanklichen Verkürzung lauern Gefahren, die das Ziel gefährden. Ein umstürzlerischer, von Zorn getriebener Empörer neigt dazu, seine eigene Rolle zu überhöhen. Indem er reagiert, nimmt er die Realität nur eingeschränkt wahr. Es ist, als ob jemand Scheuklappen trüge, unter geistiger Kurzatmigkeit litte und dabei einen sozialen Marathonlauf absolvieren müßte. Ist die Optik verzerrt und die Perspektive beengt, sieht man sich selbst groß, wichtig und verklärt: Ich bin Revolutionär. Ich mache die Revolution. Revolution ist, was ich vorgebe.

Zwangsbeglückung

Eine solche Vorstellung geht davon aus, daß eine kleine Gruppe von Durchblickern die moralische und politische Plicht hat, den Rest der Menschheit zu führen und ihn – notfalls mit Zwang – zu beglücken. Die Rolle, die Revolutionäre hierbei spielen, nennen wir Avantgarde. Das ist ein militärischer Ausdruck, und er bedeutet »Vorhut«.

Absolute Avantgarde-Gläubige waren die Marxisten-Leninisten, die in ihrem Parteikonzept diese Vorstellung bis zum Exzess vorangetrieben haben. Die Rolle des Revolutionärs als Führer ist in ihrer Theorie unumstritten. In ihrer Praxis wird dies an Extrembeispielen wie den Massakern der »Roten Khmer« in Kambodscha oder dem Anspruch der »Roten Armee Fraktion« in der Bundesrepublik deutlich, indet sich aber ebenso in der oberlehrerhaften Nettigkeit der mausgrauen Führungsopas der Ex-DDR wieder, wie in dem unduldsamen Herrschaftsanspruch des charismatischen Kuba-Diktators Fidel Castro, der sich selbst máximo líder nennen ließ: oberster Führer.

Dabei darf man ruhig unterstellen, daß die Avantgardisten reinsten Gewissens von sich glauben, sie täten etwas Gutes. Unrechtsbewußtsein indet man deshalb auch bei denjenigen ›Revolutionären‹ nicht, die die unaussprechlichsten Scheußlichkeiten auf dem Gewissen haben. Schließlich tun sie das Richtige für ein gutes Ziel, und wenn diejenigen, für die sie dieses Opfer bringen, ihre Segnungen nicht erkannt haben, so ist das deren Pech.

Das Konzept einer Avantgarde bedingt notwendigerweise den Führungsanspruch einer Elite. Das führt in der Praxis zu einer neuen Herrschaft. Diese Herrschaft ist mit Privilegien verbunden. Nach diesem Muster hätten wir, selbst wenn der Umsturz glückt, nach kurzer Zeit wieder die alten Verhältnisse, nur mit neuen Gesichtern. Das wäre natürlich keine Revolution.

Es wäre selbst dann keine Revolution, wenn unter dem neuen Regime etwa soziale Verbesserungen einträten, der Reichtum gerechter verteilt, der Hunger besiegt oder das Analphabetentum bekämpft würde. Nicht, daß dies geringzuachten wäre. Nur ein Zyniker* wird ›übersehen‹, daß China heute seine Bevölkerung ernährt und die Menschen in Kuba lesen und schreiben können. Aber bitte: das alleine ist keine Revolution. Das bringt der Privatkapitalismus hier und da auch fertig. Solange es nach wie vor Ausbeutung, Herrschaft, Unterdrückung, Willkür, Privilegierte und Ungerechtigkeit gibt, sind die Verhältnisse eben nicht ›grundlegend umgewälzt‹ worden – und genau das heißt ›Revolution‹.

Überdies stellt sich die Frage, ob man überhaupt jemanden gegen seinen Willen beglücken kann. Wird die ›Revolution‹ von einer Avantgarde ›durchgesetzt‹, ist sie wie ein übergestülpter Hut. Sie ist nicht in den Menschen, sie kommt nicht aus ihnen heraus, fußt nicht auf ihren Erfahrungen, Erwartungen und Überzeugungen. Mit anderen Worten: sie ist schwach, und daran ändert auch die Begeisterung nichts, mit der die Menschen nach Umstürzen auf den Straßen tanzen und die mutigen Revolutionäre auf ihren Schultern zu tragen plegen. Diese strukturelle Schwäche einer Revolution mißt sich daran, was nach vier, fünf Jahren von dieser Begeisterung noch übriggeblieben ist! Schwäche wird dann meist durch ›Sicherheitsorgane‹ kompensiert*. Es ist kein Zufall, daß, je kleiner die Elite der Avantgarde ist, desto größer der Apparat von Einrichtungen zum ›Schutze der Revolution‹ ausfällt. Ob das nun Dscherschinskis Tscheka*, Mielkes Stasi, Ceaucescus Securitate oder Castros Volkstribunale waren – niemand nimmt ihnen ab, sie seien nur dazu da gewesen, feindliche Agenten, Spione und Saboteure zu verfolgen.

Es gibt also zwei gute Gründe, warum das Konzept der Avantgarde für eine anarchistische Revolution nicht taugt: Erstens ist es unfrei, und zweitens führt es nicht zu einer Revolution.

Warum aber haben dann Anarchisten ein Dilemma?

In der Zwickmühle

Sie tun sich schwer, ein anderes Konzept für ihre Rolle in der Menschheit zu inden, und das ist zugegebenermaßen ja auch nicht leicht. Objektiv betrachtet erfüllen Anarchisten ja tatsächlich einige der Voraussetzungen, Avantgarde zu sein: Sie haben ein Konzept einer anderen, möglicherweise besseren Gesellschaft und stehen mit dieser Idee ziemlich alleine – wer wollte das bestreiten? Sie versuchen, diese Gesellschaft zu erreichen und heben sich dadurch von den meisten anderen Menschen ab. Sie treiben diese Entwicklung voran und werden dadurch zu einer Gruppe, die anders ist. Sie versuchen, andere Menschen zu überzeugen und zum Mitmachen zu bewegen, entwickeln Modelle, Strategien und Aktionen und werden damit zum Vorboten dessen, was sie als Zukunft ansehen.

Vom Vorboten zur Avantgarde aber ist es nur noch ein kleiner Schritt. Auf diesen kleinen Unterschied kommt es jedoch an. Es ist der Unterschied in der eigenen Einschätzung. Er fußt auf der Vorstellung von dem, was eine ›Revolution‹ ist und folglich der Rolle, die ein ›Revolutionär‹ hierbei zu spielen hat. Die Frage also nach dem Selbstverständnis der Anarchisten.

Heute sehen die meisten Anarchisten die Revolution als einen Prozeß, der sich in stetigen Entwicklungen und plötzlichen Explosionen vollzieht. In der Vergangenheit war das Augenmerk fast gänzlich auf diese ›Explosionen‹ gerichtet, die man mit Revolution gleichzusetzen plegte. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um Revolten, Umstürze, die manchmal unumgänglich werden, damit die Umwälzung einen Widerstand durchbricht, um ihren Weg fortzusetzen. Revolution aber ist nicht, wenn‘s knallt, sondern, wenn‘s sich wendet. Starrt man nur auf den Knall, dann mag die Idee der Avantgarde ganz tauglich sein, denn für den Knalleffekt ist sie allemal gut.

Früher hingen fast alle revolutionären Bewegungen dem ›Knalleffekt‹ an, auch die große Mehrheit der Anarchisten. Zwar kann man einem Bakunin nicht gerade vorwerfen, er hätte sich nicht ausgiebig Gedanken über die künftige Gesellschaft gemacht, aber entstehen sollte sie bei ihm doch überwiegend aus der Revolte heraus. Folglich sieht er anarchistische Revolutionäre durchaus in einer gewissen Avantgardefunktion. Immerhin tut er das kritisch und betrachtet dies als eine Art notwendiges Übel, dem Zügel anzulegen seien, wenn er schreibt:

»Sie läßt der revolutionären Bewegung der Massen ihre volle Entwicklung und ihren Aufbau von unten nach oben durch freiwillige Föderationen und die unbedingte Freiheit, aber sie wacht stets darüber, daß hierbei nie Autoritäten, Regierungen und Staaten wieder gebildet werden können.« Dagegen wäre nicht viel einzuwenden, außer der kritischen Frage, was denn die »revolutionäre Bewegung der Massen« sei und warum die Anarchisten nicht dazugehörten, sondern offenbar irgendwo daneben oder darüber stünden?

Eine andere Vorstellung von Revolution

Woher aber sollte ein solch gewaltiger Stimmungsumschwung »der Massen« kommen? Not und revolutionäre Drohgebärde alleine genügten dazu offenbar nicht. Und auch der ›Knall‹ bringt nicht unbedingt ›Wende‹.

Während Marx und seine Nachfolger emsig an einer Steigerung ihres Avantgarde-Modells arbeiteten, beielen die Anarchisten schon bald Zweifel an ihren bisherigen Konzepten. Bereits bei Kropotkin, Malatesta, Nettlau und dem spanischen Anarchisten Tarrida del Mármol inden wir differenziertere Vorstellungen von Revolution. Um die Jahrhundertwende schließlich fand der Anarchismus in Gustav Landauer einen der tiefsten Denker, der aus der Vielschichtigkeit revolutionärer Prozesse auch praktische Konsequenzen zog.

Nach seiner Meinung ist jeder Umsturz zum Scheitern verurteilt, der nicht auf der breiten Überzeugung derjenigen beruht, für die er gedacht sein soll. Folglich müßten die Bedingungen für eine Revolution vorher bereits geschaffen werden. Es gälte, die nötigen Tugenden praktisch zu erlernen, Erfahrungen zu sammeln, Gegenmodelle vorzubereiten und Vertrauen in die eigene Kraft zu gewinnen. Nicht bei einer Avantgarde, sondern in Form einer breiten, sozialen Bewegung. Diese wäre dann sowohl in der Lage, den ›Knall‹ wie die ›Wende‹ herbeizuführen und der Clou an der Sache sei, daß, je tiefer diese Bewegung reiche, desto kleiner und unblutiger am Ende der Knall ausfallen müsse. Wobei Landauer übrigens Wert darauf legt, die Tiefe der Bewegung nicht nur an ihrer Größe, sondern vor allem an ihren Qualitäten zu bemessen.

Das ist, vereinfacht gesagt, das ›Strickmuster‹ moderner anarchistischer Revolutionstheorie, auf das Landauer natürlich nicht als einziger gekommen ist. Interessanterweise entwickelten die klassenkämpferischen Anarchisten zur gleichen Zeit mit dem Anarchosyndikalismus ein Gewerkschaftsmodell, das der gleichen Grundidee folgt; soziale Bewegung, Knall und Wende, und: je tiefer die Bewegung, desto gebremster der Knall.

Eine solche Bewegung kann, je nach Situation, in Opposition und Kampf gegen die bestehende Gesellschaft entstehen – wie der Syndikalismus -, oder sich parallel zu ihr entwickeln und weitgehend abkoppeln. Diese Idee des teilweisen Ausstiegs, in dem Freiräume für soziale Experimente als Urzellen einer künftigen Gesellschaft entstehen können, ist das Originelle an Landauers praktischen Konsequenzen, die er aus seiner Revolutionstheorie ableitete. Insofern ist er ebenso ein Inspirator der Kibuzzim in Palästina wie der colectividades libertarias in Spanien und sogar ein Urahn des heutigen ›Projektanarchismus‹, der sich vermehrt seit den achtziger Jahren ausbreitet.

Menschen mit so unterschiedlichen praktischen Ansätzen zur Befreiung wie Martin Buber, Max Nettlau, Rudolf Rocker, Augustin Souchy oder Erich Mühsam stehen in der Tradition der Landauerschen Revolutionsvorstellung. Diese ›Grammatik der Revolution‹ läßt sich bei Gandhis lautlosem Aufstand ebenso wiederentdecken wie in der Spanischen Revolution, bei der anarchopaziistischen Grassroot-Bewegung wie in Murray Bookchins Öko-Anarchismus oder bestimmten Bereichen der neuen sozialen Bewegungen bis hin zu bolo‘bolo*. Erich Mühsam, der Dichter, faßte sie in den schönen Aphorismus »Wirklichkeit wächst aus Verwirklichung«.

Abschied vom einsamen Helden

Ein solches Revolutionskonzept bietet auch denjenigen, die sich für Revolutionäre halten, die Chance zu einem anderen Selbstverständnis. Sie wären damit von der Schizophrenie entbunden, letztendlich »diktatorische Befreier« zu sein:

Nicht Revolutionäre ›machen‹ die Revolution, sondern die Menschen, die ihr Leben ändern wollen. Wenn die nicht mitmachen, wäre es keine Revolution, sondern ein Putsch, bestenfalls eine Revolte. Revolutionäre bewegen sich inmitten dieser Menschen und helfen dabei, Ansätze zu inden, aufzubauen und voranzutreiben. Diese Ansätze können die unterschiedlichsten Formen haben: von geistigem Wirken über Gegenmodelle, soziale Bewegungen, Widerstand, bis hin zur Organisation der Revolte, wenn sie notwendig wird. Wichtig ist, daß sich diese Ansätze nicht isolieren, daß sie an den realen Problemen und Bedürfnissen der Menschen ansetzen und Zugänge schaffen, damit sie wachsen.

Hier wäre der Platz des Revolutionärs, hier könnte er wirken. Je mehr er inmitten solcher Menschen wirkte, desto weniger höbe er sich von ihnen ab. Er wäre Teil ihrer Bewegung, nicht ihr Lenker. In einem solchen Prozeß lernten die Menschen ebenso von ihm, wie er von den Menschen lernen könnte – er veränderte sich.

Es klingt lächerlich, aber manchen Edelrevoluzzern muß es einfach mal gesagt werden:

Revolutionäre sind auch bloß Menschen! Vor allem sind sie nichts Besseres, und ob das, was sie glauben zu wissen, so richtig und gut ist, muß sich erst noch herausstellen. Ihre Aufgabe ist es jedenfalls nicht, den Rest der Menschheit zu ›beglücken‹, sondern sich mit ihnen gemeinsam etwas zu erkämpfen, was man bei einem verzeihlichen Hang zur Romantik meinethalben ›Glück‹ nennen kann.

Dieses ›Glück‹ muß aber auch das Leben des Revolutionärs betreffen. Er tut das, was er tut, nicht in erster Linie für andere, sondern für sich. Selbstlose Helden sind unglaubwürdig, und wenn der Held selbst nichts mit den Zielen, für die er kämpft, anzufangen weiß, ist er auf dem Holzweg. Sein letztes Ziel muß es bleiben, sich als ›Revolutionär‹ selbst entbehrlich zu machen. Sobald eine Revolution wirklich stattgefunden hat, müssen ›Revolutionäre‹ verschwinden, weil sie überlüssig geworden sind. Geschieht das nicht, ist irgendwas faul. In dem Augenblick aber, wo Revolutionäre vorgeben, nichts für sich und alles nur ›für das Volk‹ zu tun, werden sie zu einer Avantgarde. Die Revolution wird unglaubwürdig und fängt an zu stinken.

Pilze in Sauerteig

Anarchisten verstehen heute ihre Rolle im revolutionären Prozeß daher kaum noch als Avantgarde. Diejenigen, die es immer noch tun, sind entweder bei einem halbverstandenen Bakunin stehengeblieben oder begeistern sich an roten Mythen aus der Mottenkiste des Leninismus, die mit Anarchie nichts zu tun haben. Vielleicht nehmen sie sich auch nur ein bißchen zu wichtig.

Wenn Anarchisten heute ihr Wirken in modernen Revolutionsszenarien mit Worten beschreiben sollen, greifen sie interessanterweise nicht mehr auf Metaphern aus dem Militärwesen zurück, sondern eher auf Analogien aus der Natur. So vergleichen sie sich heute gerne mit der Hefe in einem Teig, die sich mit dem Mehl vermischt, gärt, Anstoß gibt, ein Wachstum bewirkt und schließlich eine neue Qualität hervorbringt: aus dem Teig ist Brot geworden. Die Freunde des wissenschaftlichen Vergleichs umschreiben das Wirken des Revolutionärs in der Gesellschaft lieber mit der Funktionsweise eines Katalysators – das ist ein Beschleuniger chemischer Prozesse, der durch seine Anwesenheit den Anstoß zu einer chemischen Reaktion gibt, zu einer Veränderung also. Wobei die Symbolik noch weiter geht: nicht der Katalysator ›macht‹ die Veränderung, sondern lediglich die beteiligten Substanzen sind am Prozeß beteiligt. Und das passende Bild zu einer revolutionären Organisation ist nicht länger der Verschwörerzirkel, sondern wahlweise das Mycel oder das Rhizom. Sowohl das »Pilzgelecht« als auch das »Wurzelwerk« durchdringen das Erdreich, lockern es auf, sind extrem widerstandsfähig und schwer zu bekämpfen.

Um bei der Metapher mit dem Hefeteig zu bleiben: Anarchisten sind dazu übergegangen, lieber viele ›kleine Brötchen zu backen‹, anstatt theatralisch mit der Faust auf einen Sack Mehl zu hauen.

Literatur:
Gustav Landauer: Revolution Berlin 1977, Karin Kramer, 160 S.
ders.: Erkenntnis und Befreiung Frankfurt/M. 1976, Suhrkamp, 106 S.
ders.: Zwang und Befreiung Köln 1968, Hegner, 274 S.
Siegbert Wolf: Gustav Landauer zur Einführung Hamburg 1988, Junius, 137 S.
Max Nettlau: Die Eugenik der Anarchie Wetzlar 1985, Büchse der Pandora, 207 S.
Rudolf Rocker: Gefahren der Revolution Hamburg 1980, Die Freie Gesellschaft, 34 S.
Helmut Rüdiger: Der Sozialismus wird frei sein Berlin 1991, Oppo, 93 S.
Harry Pross: Zwänge Berlin 1981, Karin Kramer, 184 S.

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