Einführung

Einiges zur Verwirrung

»Das Wort ›Utopie‹ allein genügt zur Verurteilung einer Idee.«
– Jack London –

WAS EIN ANARCHIST IST, weiß jeder: ein gewalttätiger Mensch, ein Terrorist zumeist, außerdem schmuddelig, die Unordnung liebend, Chaos verbreitend wo er geht und steht. Seine Lieblingsbeschäftigung besteht im Werfen von Bomben, die er üblicherweise unter einem wallenden, schwarzen Umhang verbirgt, das Gesicht von einem aus der Mode gekommenen Schlapphut verdeckt. Notfalls greift er auch zu Dolch oder Revolver – Hauptsache, er kann seinen Blutdurst stillen.

Oder aber er ist krank, erblich gar. Ein wissenschaftliches Standardwerk des 19. Jahrhunderts deiniert Anarchisten schlicht als »Idioten oder angeborene Verbrecher, die noch dazu allgemein humpeln, behindert sind und asymmetrische* Gesichtszüge tragen«. Anarchie als Geisteskrankheit also – das erklärt und entschuldigt alles.

Sodann die Variante der Verblendung: Anarchisten seien »kleinbürgerliche Chaoten«, die den »objektiven Gang der Geschichte« noch nicht erkannt hätten; lauter zwar in ihren Absichten, aber letztendlich doch »voluntaristische* Helfershelfer der Konterrevolution«. Deshalb gehörten sie als »Linksabweichler« auch am besten »liquidiert«. Diese Tonart schlugen in der Vergangenheit mit Vorliebe Marxisten aller Richtungen an, die inzwischen angesichts des Scheiterns ihrer ›objektiven Geschichtswahrheiten‹ jedoch in Schweigen verfallen sind. Schließlich die moderne Deinition – eine Mischung aus Psychoanalyse und Düsternis: Anarchisten wären demnach frühkindlich geschädigte Psychoten*, die ihre privaten Probleme in abgrundtiefen Haß auf die Gesellschaft umwandeln und sich zur Rechtfertigung eine ›Philosophie des Nichts‹ schmiedeten. Sie seien ebensosehr zu bedauern wie zu bekämpfen. Tragisch, niemand scheint sie lieb zu haben, die Anarchisten.

Sie ahnen schon, all dies ist Unsinn, und Sie ahnen richtig. Das macht die Sache allerdings nicht einfacher, denn eine korrekte Deinition ist schon deshalb schwierig, weil Anarchismus keine einheitliche Bewegung ist, sondern eine vielfältige und damit auch widersprüchliche. Das liegt in ihrem Wesen, denn ihr Wesen ist Freiheit, und Freiheit ist nicht uniform.

So gibt es unter Anarchisten denn auch alle möglichen Überzeugungen und Strategien der Veränderung. Von Ökologen* über Gewerkschafter, Pädagogen*, Siedler und Alternativunternehmer bis hin zu den Befürwortern revolutionärer Gewalt und Anhängern strikter Gewaltfreiheit ist alles vertreten. Es inden sich unter ihnen Atheisten* und Religiöse, Asketen*

und Schlemmer, Materialisten* und Esoteriker*. Für die einen ist der entscheidende Hebel zur Überwindung der Herrschaft die Erziehung, für die anderen der zivile Ungehorsam oder die direkte Aktion; diese wollen mit dem gleichen Ziel Gegenstrukturen aufbauen, jene die Arbeiterschaft gewinnen; Selbstverwaltung ist das Credo* von manchen, auch Unterwanderung ist für viele angesagt und wieder andere schwören auf Propaganda, Aufklärung oder das vorgelebte Beispiel. Schließlich gibt es auch Individualisten, denen der Rest der Menschheit ziemlich schnuppe ist und last but not least noch immer welche, die davon träumen, diesem Rest der Menschheit ihre Vorstellungen lieber mit Gewalt aufzuzwingen – mehr oder minder sanft. Die Spezies der blutrünstigen Bombenwerfer allerdings, die das Anarchismusbild so nachhaltig geprägt hat und die Phantasie der Bürger so angenehm-gruselig belügelt, ist, wie wir noch sehen werden, seit langem ausgestorben.

Nun betrachten Anarchisten diese Vielfalt keineswegs als Makel, im Gegenteil, sie sehen darin eine Chance und Bereicherung – die Vorwegnahme jener Vielfalt, die sie in einer künftigen Gesellschaft anstreben. In der Tat nimmt der Anarchismus für sich in Anspruch, die einzige Gesellschaftsstruktur zu sein, die der Tatsache Rechnung trägt, daß Menschen eben sehr unterschiedlich sind.

Was aber haben Anarchisten denn dann eigentlich gemeinsam? Gibt es überhaupt eine Berechtigung, von ›Anarchismus‹ und ›Anarchisten‹ zu sprechen, wenn alles so schön beliebig ist? Versuchen wir es der Einfachheit halber mit einer vorläuigen Kurzdeinition, die sich lediglich auf die Gemeinsamkeiten beschränkt:

Anarchisten streben eine freie Gesellschaft der Gleichberechtigung an, in der es keine Herrschaft von Menschen über Menschen mehr gibt. Die Mitglieder einer solchen Gesellschaft sollen befähigt und ermutigt werden, ihre privaten und gesellschaftlichen Bedürfnisse ohne Hierarchie und Bevormundung mit einem Minimum an Entfremdung* selbst in die Hand zu nehmen. So soll eine andere Ordnung entstehen, in der Prinzipien wie die ›freie Vereinbarung‹, ›gegenseitige Hilfe‹ und ›Solidarität‹ an die Stelle heutiger Realitäten wie Gesetze, Konkurrenz und Egoismus treten könnten. Autoritärer Zentralismus würde durch Föderalismus ersetzt: die dezentrale Vernetzung kleiner und überschaubarer gesellschaftlicher Einheiten. Menschenverachtende und umweltzerstörende Gigantomanie* wären dann absurd; an ihre Stelle träten freie Zweckzusammenschlüsse, die die Menschen auf der Basis gleicher Rechte und Plichten direkt miteinander eingingen. Besonders originell an diesen Vorstellungen ist die Idee, daß es auf einem geograischen Gebiet nicht mehr nur eine Gesellschaft gibt, einen für alle gleichermaßen verbindlichen Staat, sondern eine Vielfalt parallel* existierender gesellschaftlicher Gebilde. »Anarchie ist eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften«, wie es der anarchistische Philosoph Gustav Landauer einst formulierte. Kurzum, und etwas einfacher gesagt: Anarchie ist nicht Chaos*, sondern Ordnung ohne Herrschaft.

In der praktischen Umsetzung dieser eher abstrakten Ideen sind sich wohl die meisten Anarchisten darin einig, daß gewisse Institutionen einer solchen freiheitlichen Gesellschaftsform hinderlich sind, um es einmal freundlich auszudrücken. Zunächst der Staat als Institution und autoritäres Ordnungsprinzip, ebenso aber auch der ›Staat im Kopfe‹: Herrschaftsideologie und Autoritätsgläubigkeit. Ferner die ihn tragenden Säulen wie Kapital, Polizei, Kirche, Justiz, Patriarchat, die angepaßten Massenmedien, die herkömmliche Erziehung, die klassische Kleinfamilie und dergleichen mehr, womit wir bei den »Lieblingsgegnern« angelangt sind, mit denen sich Anarchisten traditionsgemäß und vorzugsweise auseinandersetzen.

Das alles ginge aber noch nicht wesentlich über das symbolhafte Bild jenes rebellierenden Sklaven hinaus, das wir eingangs bemüht haben. Anarchisten würden in der Tat verantwortungslos handeln, wenn sie sich darauf beschränken wollten, Negatives zu zerschlagen, ohne etwas Positives an seine Stelle setzen zu können. So zeichnen sich wirkliche Anarchisten immer auch dadurch aus, daß sie an Modellen für eine neue, freiheitliche Gesellschaft arbeiten und diese in praktischen Experimenten beispielhaft zu verwirklichen versuchen – auch wenn das im Rahmen der bestehenden autoritären Wirklichkeit nur unvollkommen gelingen will.

»Nett, aber naiv«, so könnte man den Tenor aller wohlwollenden Kritiker zusammenfassen. »Das ist vielleicht ein schöner Wunschtraum, aber nicht zu verwirklichen. Der Mensch ist dazu nicht geschaffen, er ist egoistisch, er braucht Autorität und die strenge Hand von Moral, Gesetz und Ordnung. Und selbst wenn er so leben könnte – die Herrschenden würden ein solches System niemals zulassen, und da diese nicht zu besiegen sind, wird es beim Traum bleiben.«

Anarchisten behaupten natürlich das Gegenteil: für sie ist eine solche Gesellschaft nicht nur erstrebenswert, sondern auch möglich. Und sie erklären auch, warum: Gerade weil der Mensch egoistisch sei, so lautet eine ihrer Thesen, sei Anarchie eine adäquate Lebensform.

Oder, daß Herrschaft und Autorität nicht dasselbe wären und erstere die Herausbildung einer wohlverstandenen und positiven, nämlich freiwilligen ›Autorität‹ überhaupt erst verhindere. Und natürlich brauche der Mensch so etwas wie ›Moral‹ und eine ›Ordnung‹, aber nicht unbedingt die, die wir heute haben. Unsere Gesetze seien das ziemliche Gegenteil von Moral – Anarchie hingegen die moralisch höchste Form der Ordnung, weil sie sich ihre Regeln und Grenzen freiwillig setze. Vor allem aber müsse es nicht eine Art der Ordnung und eine Ethik* geben – es könnten derer ruhig mehrere neben- und miteinander bestehen.

So etwas klingt in den Ohren staatlich geprägter Menschen – und das sind wir alle – paradox*. Diese vermeintlichen Paradoxien sollen uns jetzt nur am Rande interessieren, denn sie sind theoretisch, bestenfalls plausibel, und haben letztlich keine Beweiskraft. Beweiskraft hat das Beispiel, das Experiment. Wußten Sie, daß es in diesem Jahrhundert bereits große, funktionierende anarchistische Gemeinwesen gab, ganze Länder umfassend, mit Großstädten, Dörfern und Industrie, in denen von der U-Bahn über die Milchwirtschaft bis hin zum Schulwesen eine moderne Massengesellschaft nach an-archischem Muster funktionierte?

Oder war Ihnen bekannt, daß es anarchistischen Guerillaarmeen in den zwanziger Jahren gelang, riesige Landstriche zu befreien, um in ihnen den Aufbau einer Gesellschaft in freier Selbstverwaltung zu versuchen? Kein Mensch ahnt heute, daß das Mittel des ›zivilen Ungehorsams‹, das Kolonialmächte in die Knie zwang und Regierungen stürzte, voll und ganz inder Tradition des gewaltfreien Anarchismus steht. Und wer weiß schon, daß es Anarchisten waren, die vor über siebzig Jahren bereits einen Sechsstundentag in der Schwerindustrie erkämpften? Auf unseren Streifzügen durch die verzweigten Pfade anarchistischer Experimente werden wir derartigen Beispielen in solch unterschiedlichen Ländern wie Argentinien und Indien, Deutschland, der Ukraine, Spanien und der Mandschurei begegnen.

Freilich, nichts von alledem existiert mehr, und viele dieser großen und kleinen Experimente blieben in der Praxis weit hinter den hohen Idealen des Anarchismus zurück. Wahr ist aber auch, daß kein einziges von ihnen an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde ging – sie wurden samt und sonders militärisch zerschlagen. Wahrlich ein ›schlagender‹ Beweis; allerdings keiner, der die Unmöglichkeit einer anarchistischen Gesellschaft beweisen könnte.

Heute existiert Anarchismus nur als Konzept*, als soziale Bewegung, und in bescheidenen praktischen Ansätzen. Der endgültige Beweis, ob Anarchie eine funktionsfähige Struktur ist, steht mithin noch aus; ebenso, ob sie eine wünschenswerte Lebensform ist. Das könnten schließlich nur diejenigen Menschen beantworten, die in ihr leben.

Literatur:
Autorenkollektiv: Was ist eigentlich Anarchie? Berlin 1986 (6. Aul.), Karin Kramer, 162 S.
Horst Stowasser: Leben ohne Chef und Staat Berlin 1993 (10. Aul.), Karin Kramer, 194 S., ill. Nicolas Walter Betrifft: Anarchismus Berlin 1984, Libertad, 160 S.
Daniel Guerin: Anarchismus. Begriff und Praxis Frankfurt 1969, Suhrkamp, 164 S.
April Caner: Die politische Theorie des Anarchismus Berlin 1988, Ahde, 305 S.
Paul Eltzbacher: Der Anarchismus Berlin o.J. [1900], Libertad, 305 S.
Justus F. Wittkop: Unter der Schwarzen Fahne Frankfurt 1973, Fischer, 270 S., ill.

 

Der Begriff »Anarchie«

»Warum mir aber in neuester Welt Anarchie gar so gut gefällt?
Ein jeder lebt nach seinem Sinn, das ist nun also auch mein Gewinn!
Ich laß‘ einem jeden sein Bestreben, um auch nach meinem Sinn zu leben.«
– Johann Wolfgang v. Goethe –

DAS WORT ANARCHIE ist so alt wie die abendländische Zivilisation. Seit es Herrschaft gibt, gibt es auch Ideen herrschaftsfreien Lebens, und seit den alten Griechen ist uns das Wort an archia [αν αρχια] überliefert. Es bedeutet »keine Herrschaft«, also die Abwesenheit von Macht und Hierarchie. Ein provokantes Wort, das in den Köpfen der Menschen augenblicklich schlimme Visionen erzeugt: Chaos, Unordnung, Verwilderung, Zerstörung. So ist die Bedeutung des Wortes heute weitgehend auf die Ängste reduziert, die den Normalbürger bei dieser Vorstellung befallen; sein eigentlicher Wortsinn ging dabei komplett verloren. Was blieb, waren grifige ›Übersetzungen‹ wie »Gesetzlosigkeit«, »Zügellosigkeit«, »Chaos«. Das ist etwa genauso korrekt, wie wenn man die Begriffe »Zahnarzt« mit »Folter«, »Liebe« mit »Sünde« oder »Ökologie« mit »Rückschrittlichkeit« übersetzen würde.

In der Umgangssprache mag dies ja noch als spontaner Ausdruck eines Angstgefühls hingenommen werden. Es geht jedoch um mehr als nur um Unwissenheit oder Ungenauigkeit. Seit Jahrhunderten wird im ofiziösen Sprachgebrauch dieser negative Begriff von Anarchie verwendet; seit dem 19. Jahrhundert in der offensichtlichen Absicht, den Anarchismus als Philosophie oder politische Bewegung zu diskreditieren*. Aus diesem Grunde haben ganze Generationen von Politikern und Literaten, Kommunisten und Adligen, Pfarrern und Hausdamen diesen Begriff von Anarchie verbreitet. Für sie verbindet sich das Wort mit einem kalten Schauer und dem Gedanken an Weltuntergang, und diese apokalyptische* Vision gaben sie millionenfach weiter.

Selbst in seriösen Nachschlagewerken wie dem Duden wird Anarchie vorzugsweise und durchaus falsch mit »Gesetzlosigkeit« oder »Chaos im politischen Sinn« übersetzt. In der Duden-Redaktion aber sitzen gebildete Leute, die auch Liebe nicht mit Sünde übersetzen. Es handelt sich also nicht um irgendwelche unterschwelligen Ängste, sondern darum, wie subtil* Sprache zur Meinungsmache benutzt werden kann. Die Formel Anarchie = Gesetzlosigkeit ist ja nicht bloß sprachlich falsch und inhaltlich schief, sie soll beim Leser etwas bewirken. Die Vorstellung nämlich, daß bei einer Verwirklichung anarchistischer Ideen die Gesellschaft zwangsweise ins Chaos stürzen müßte, und daß umgekehrt Herrschaft die einzig denkbare Form der Ordnung sei. Das aber ist Meinung, Spekulation*, vielleicht Manipulation* – mit einer korrekten Worterklärung hat es jedenfalls nichts zu tun.

»Aber wollen denn die Anarchisten nicht den Staat abschaffen, sind sie nicht Gegner von Justiz, Polizei und Gesetzbuch, und ist es da nicht richtig, ihnen ›Gesetzlosigkeit‹ vorzuwerfen?« könnte man fragen. Ersteres stimmt, und der Vorwurf wäre berechtigt, wenn der Anarchismus an die Stelle dieser Institutionen* keine anderen Strukturen zu setzen wüßte. Die Ablehnung unseres heutigen Herrschafts-, Justiz- und Strafsystems heißt aber nicht, daß es keine Regeln, Vereinbarungen oder ethische Grenzen im gesellschaftlichen Zusammenleben mehr gäbe. Es sind schließlich auch andere Formen denkbar. Daß die Inhaber der Macht diese aus wohlverstandenem Eigeninteresse bekämpfen, liegt auf der Hand. Daß die Phantasie der meisten Menschen nicht ausreicht, über das heute Bestehende hinauszudenken, ist wiederum nicht Schuld der Anarchisten. Andere Denker haben da mehr visionäres Vermögen bewiesen.

Immanuel Kant deiniert Anarchie kurz und bündig als »Gesetz und Freiheit ohne Gewalt«. Für ihn ist der Begriff »Gesetz« eben nicht das Bürgerliche Gesetzbuch, sondern die Gesamtheit sozialer Regeln. Ähnliches mußte Elisée Reclus im Sinn gehabt haben, als er postulierte*, »Anarchie ist die höchste Form der Ordnung«: Wenn Regeln unter Menschen freiwillig und ohne Gewaltanwendung eingehalten werden, so sei dies eine höhere Stufe gesellschaftlicher Entwicklung als die autoritäre, in der soziales Verhalten durch den Zwang des Staates, die Drohungen der Justiz und die Gewalt der Polizei ständig erzwungen werden müßte. Pierre-Joseph Proudhon, einer der Väter des modernen Anarchismus, griff das Wort »Anarchie« in seiner ursprünglichen Bedeutung wieder auf und rührte es um 1840 mittels eines witzigen Dialogs mit einem Spießbürger in die Politik ein:

»Sind Sie Republikaner?«
»Republikaner, ja: aber dieses Wort ist mir zu ungenau. Res publica, das sind die öffentlichen
Belange … die Könige sind auch Republikaner.«
»Nanu, Sie sind Demokrat?«
»Nein.«
»Was, Sie wären Monarchist?«
»Nein.«
»Konstitutionalist?«
»Gott behüte!«
»Dann sind Sie Aristokrat?«
»Ganz und gar nicht.«
»Sie wollen eine gemischte Regierung?«
»Viel weniger.«
»Was sind Sie also?«
»Ich bin Anarchist«.

In den Augen Proudhons waren Staat und Regierung die eigentlichen Unruhestifter, ständige Produzenten von Chaos, Ungerechtigkeit und Armut. Folgerichtig konnte nur eine von der Regierungsgewalt befreite Gesellschaft in der Lage sein, eine »natürliche Ordnung der menschlichen Beziehungen«, die »soziale Harmonie«, wieder herzustellen. Hierfür suchte er nach einem passenden Begriff und veriel auf den alten griechischen Terminus an archia, dem er seinen genauen etymologischen* Sinn wiedergab.

Die Doppeldeutigkeit des Wortes Anarchie wurde dadurch jedoch nicht aus der Welt geschafft. Bereits im alten Griechenland wurde der Begriff ambivalent* benutzt; seine negative Bedeutung setzte sich vollends in der Philosophensprache des katholischen Mittelalters durch. Spätestens seit der Aufklärung aber wird der Begriff differenzierter* verwendet. Wir werden diesen Wertewandel gelegentlich wieder aufgreifen. Allerdings ist es der jeweils 19herrschenden Ideologie stets gelungen, den Eingang solcher Unterscheidungen in die Umgangssprache zu verhindern. Heute ist der Begriff Anarchie daher durchweg negativ besetzt. Entsprechend heftig war in Anarchistenkreisen die Diskussion um neue Namen, mit denen man sich dieses Makels entledigen wollte. Einige nannten sich später »Föderalisten« (Anhänger eines nicht-zentralen Gemeinwesens auf der Basis gleichberechtigter Kommunen), andere »Mutualisten« (genossenschaftliche Ordnung auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe und Solidarität), »Kollektivisten« (Ordnung auf der Grundlage der Gemeinschaftlichkeit) oder »Syndikalisten« (libertäre Gesellschaft auf gewerkschaftlicher Basis). Alle diese Begriffe geben jedoch nur jeweils einen Teilaspekt anarchistischer Essentials* wieder, und jeder von ihnen mußte im Laufe der Zeit ähnliche Verdrehungen seiner Bedeutung erfahren, wie das Wort Anarchie selbst. Auch das griechische Kunstwort Akratie, dessen Bedeutung mit der von Anarchie fast identisch ist, konnte sich nie auf Dauer durchsetzen. Die meisten Anarchisten sind schließlich zu der Meinung gelangt, sie könnten sich nennen wie sie wollten, verleumdet würden sie immer – weshalb sie ebensogut bei dem problematischen Wort Anarchie bleiben und ihm einen positiven Inhalt geben könnten. Einzig der um 1860 in Frankreich entstandene Ausdruck libertär (›freiheitlich‹ – nicht zu verwechseln mit liberal!) konnte sich weltweit durchsetzen und gilt heute als ein etwas weiter gefaßtes, im Grunde aber gleichwertiges Synonym* für anarchistisch.

 

Wer ist Anarchist?

»Mir tut jeder leid,
der nicht mit zwanzig Anarchist war.«
– Clemenceau –

MIT SICHERHEIT SIND MEHR MENSCHEN »ANARCHISTEN« als nur diejenigen, die sich so nennen. Viele wissen es nur nicht. Jeder kennt diese Art ›natürlicher Anarchisten‹: Menschen, die sich nicht gerne etwas vorschreiben lassen, die das, was man ihnen sagt, kritisch hinterfragen und die sich weigern, etwas bestimmtes zu glauben oder zu tun, nur, weil es ihnen jemand, der Macht hat, so sagt. Der Widerstand gegen Herrschaft zieht sich seit altersher als stetiger Strang durch die Geschichte von Individuen* und Gruppen: mal als listige Spaßvögel, mal als rebellierende Aufrührer, mal als aufmüpige Querdenker. Ihre Taten und Figuren sind in Märchen, Liedern und Legenden überliefert, und in aller Welt erfreuen sich diese Aktionen der Kleinen gegen die Mächtigen der ungeteilten Sympathie des Publikums. Aktionen, deren Zielscheibe die Autorität und deren Wesen Freiheit und Gerechtigkeit sind.

›Natürliche‹ und ›wirkliche‹ Anarchisten

Das soll nicht heißen, daß der Anarchismus etwa alle Querdenker, kritischen Geister oder Rebellen für sich vereinnahmen wollte. Das wäre eine für Anarchisten sehr untypische Einstellung, denn es liegt ihnen fern, Menschen irgendein Etikett aufzukleben. Sie sind an Inhalten interessiert, nicht an Ideologien. Historische Bewegungen in den Sack ihrer Weltanschauung stecken zu wollen, wäre nicht nur unsinnig, es würde auch dem anarchistischen Selbstverständnis widersprechen.

Dennoch muß man diese ›natürlichen Anarchisten‹ berücksichtigen, wenn man sich die Frage stellt, wer ›Anarchist ist‹. Denn umgekehrt wäre es borniert*, nur diejenigen als Anarchisten zu bezeichnen, die sich offen und manchmal sehr lautstark so nennen und möglichst auffällig mit der schwarzen Fahne wedeln. Es kostet schließlich nichts, sich ›Anarchist‹ zu nennen, und ob alle diejenigen, die dies tun, ihren eigenen Idealen gerecht werden, ist selbstverständlich eine offene Frage.

Ähnliche Überlegungen gelten auch für fremde Kulturen oder sogenannte ›primitive‹ Gesellschaften, von denen einige ohne Regierung leben und in ihren Gemeinwesen die eine oder andere ›utopische‹ Forderung des klassischen Anarchismus seit jeher verwirklicht haben: Niemandem wäre damit gedient, diesem sozialen Alltag den Stempel ›anarchistisch‹ aufzudrücken. Soziologen und Völkerkundler ziehen hier den Begriff »regulierte Anarchie« vor. Die Schlüsse aber, die wir aus solchen Gesellschaften ziehen können, sind für Anarchisten wichtig und oft fruchtbarer und lehrreicher als so mancher gelehrte Disput*.

So interessant die Folgerungen sein mögen, die wir aus der millionenfachen Existenz von Menschen ziehen dürfen, die ›Anarchisten‹ sind, ohne es zu ahnen, wollen wir uns hier denjenigen zuwenden, die sich selber Anarchisten nennen und als Teil einer anarchistischen Bewegung verstehen. Interessanterweise waren viele dieser ›wirklichen‹ Anarchisten zuvor ›natürliche‹ Anarchisten, die irgendwann einmal ganz erstaunt entdeckten, daß das, was sie schon immer dachten, einen Namen hat und tatsächlich als Philosophie und Bewegung bereits existierte.

Wer also ist ›wirklicher‹ Anarchist?

Zunächst einmal jeder, der sich so nennt, denn niemand könnte es ihm ›verbieten‹. Nun sind Anarchisten aber für ihre Meinungsverschiedenheiten berüchtigt. Glücklicherweise gibt es jedoch eine Reihe von Übereinstimmungen, die auf die meisten Überzeugungsanarchisten zutreffen. Was also ist der ›gemeinsame Nenner‹?

Checkliste der Gemeinsamkeiten

Im Zentrum anarchistischen Handelns steht ein globaler* Freiheitsbegriff. Freiheit soll Ziel sein und gleichzeitig Mittel zur Erreichung dieses Ziels. Was aber ist ›Freiheit‹? Für Anarchisten ist dieses Wort mehr als ein liberaler Wischiwaschi-Begriff; sie haben daher stets versucht, ihn mit konkreten Inhalten, Forderungen und Modellen zu füllen. Dem Anarchismus genügen dabei keine Teilfreiheiten wie etwa den Liberalen die Freiheit des Handels, den Nationalisten die Freiheit des Vaterlandes oder den Aufklärern die Freiheit des Geistes. Freiheit sollte allumfassend und unteilbar sein, ein Prinzip*, das das menschliche Leben von den persönlichsten und alltäglichsten Aspekten bis hin zu weltweiten Organisationsstrukturen bestimmt. Freiheit sei aber ein leeres Wort und wertlos, wenn es nicht mit sozialer Gerechtigkeit gekoppelt wäre. Und soziale Gerechtigkeit sei ohne soziale Gleichheit nicht denkbar. Anarchisten sehen das so: Auf der Erde sind theoretisch alle Menschen gleich frei, Millionär zu werden, aber wir alle wissen, daß diese ›Freiheit‹ ein inhaltsleerer Unsinn ist: Schließlich können wir nicht alle auf Kosten anderer reich werden. Andererseits ist es in unseren Gesellschaften einem Millionär ebenso verboten, unter einer Brücke zu schlafen wie einem Stadtstreicher – auch hier herrscht Gleichheit, aber es ist offensichtlich, daß diese Art von ›Gleichheit‹ ohne soziale Gerechtigkeit wertlos ist.

Darum ist Anarchismus, vereinfacht gesagt, die Verbindung von Freiheit und Sozialismus; für Freunde grifiger Formeln könnten wir die Gleichung A = F + S aufstellen. Dabei werden wir noch sehen, daß der Anarchismus unter »S« etwas völlig anderes deiniert als das, was man gängigerweise unter »Sozialismus« versteht und bisher nur aus den kläglichen Modellen des Marxismus oder der Sozialdemokratie kennenlernen konnte.

Michail Bakunin, die charismatische* Urgestalt des Anarchismus, hat dieses Spannungsfeld zwischen sozialem und freiheitlichem Ansatz auf den Punkt gebracht: »Freiheit ohne Sozialismus ist Privilegientum und Ungerechtigkeit – und Sozialismus ohne Freiheit ist Sklaverei und Brutalität«. Wenn man bedenkt, daß er diesen Satz um 1870 niederschrieb, könnte man seine Sicht für geradezu prophetisch* halten – wer konnte damals schon voraussehen, welche Wege der ›unfreie Sozialismus‹ etwa in Rußland, Rumänien, Kambodscha oder Ostdeutschland gehen würde!

Wir können sagen, daß die meisten aktiven Anarchisten in freiheitlich-sozialen Bewegungen engagiert sind; man nennt dies den ›sozialen Anarchismus‹. Hierbei gibt es die verschiedensten Ansätze, Taktiken* und Vorgehensweisen, die in der Regel eine konstruktive Zielrichtung haben. Die meisten wollen die bestehende Gesellschaft im freiheitlich-sozialen Sinne verändern, die unfreien Institutionen nach Kräften zersetzen und gleichzeitig neue Modelle ausprobieren und heranwachsen lassen, die an die Stelle der alten Strukturen treten sollen. Leider aber lassen es unsere Gesellschaften nur selten zu, daß der Anarchismus konstruktiv tätig ist. Oft genug muß er sich auf reine Verteidigung beschränken. In der Tat sind heute die meisten Anarchisten vollauf damit beschäftigt, auf die zunehmende Einengung von Freiheit und Lebensgrundlagen zu reagieren. Solche ›reaktiven Kämpfe‹ – seien sie nun gegen Rüstung, Atomkraftwerke, Umweltzerstörung, Wohnungsnot, Armut, Behördensumpf, Polizeiwillkür, Justizarroganz, Entlassungen, soziale und geschlechtliche Diskriminierung*, tarifpolitische Erpressung oder rechtsradikale Angriffe gerichtet – kennen wir alle aus Gegenwart und jüngster Vergangenheit. Gewiß sind sie notwendig und politisch wichtig, aber sie machen ›den Anarchisten‹ nicht aus: Nur allzuoft nämlich geht den pausenlos Handelnden das Ziel verloren. Die Aktionen lösen sich meist, wenn der Anlaß nicht mehr existiert, in Nichts auf. Sie bieten wenig Raum für konstruktive Ansätze, die auf eine neue Gesellschaft abzielen. Häufig benutzt sie das klug herrschende System auch als ein Mittel, um die Kräfte ihrer Gegner in jahrelangen, aufreibenden Kämpfen zu binden.

Kein aufrechter Anarchist würde sich solchen Kämpfen entziehen wollen und teilnahmslos Unterdrückung und Unrecht zusehen. Es kommt dem Anarchismus aber entscheidend darauf an, die Verbindung zwischen bloßer Reaktion und dem konstruktiven libertären Element herzustellen. Mit anderen Worten: Aus dem Kampf gegen Atomkraftwerke müßte ein Kampf für Ökologie werden und aus dem Kampf gegen Rüstung ein Kampf für eine friedliche Gesellschaft, aus gewerkschaftlicher Aktion müßten neue Wirtschafts- und Arbeitsmodelle entstehen und so weiter. Denn all das ergäbe für Anarchisten nur dann wirklich einen Sinn, wenn sich schließlich alle diese Teilbereiche zum Gesamtkonzept einer anderen Gesellschaft verbinden. Kurz: der Kampf gegen die alten Verhältnisse darf nicht zum Ritual* werden – er muß Ansätze für Neues hervorbringen: Widerstand gebiert Modelle.

Das ist leichter gesagt als getan. Die Inhaber der Macht tun natürlich alles – bis hin zum Einsatz direkter Gewalt –, um eine freiheitliche Konkurrenz niederzudrücken, die ihnen diese Macht nehmen will. Deshalb hat es auch zu allen Zeiten Anarchisten gegeben, die das konstruktive Element des Anarchismus irgendwann völlig aus den Augen verloren. Voller Haß und Verzweilung gingen sie dazu über, das System, wo immer sie konnten, direkt und frontal – also ›militärisch‹ – anzugreifen. Terror, bis dahin ein Monopol des Staates und der Kirche, wurde zeitweise das vorherrschende Mittel einiger anarchistischer Strömungen. Der Höhepunkt dieser Gewaltphase des Anarchismus lag zwischen 1891 und 1894; heute spielt Terror in der libertären Bewegung keine Rolle mehr. Tatsächlich gibt es im modernen Anarchismus weit mehr Paziisten als Befürworter irgendwelcher Formen von Gewalt. Dennoch hat jene kurze, historische Phase von Attentaten, Überfällen und Tyrannenmorden bis heute das Bild vom Anarchisten nachhaltig beeinlußt: Ebensooft, wie Anarchismus mit ›Chaos‹ und ›Gesetzlosigkeit‹ gleichgesetzt wird, bringt man ihn auch mit ›Gewalt‹ und ›Terror‹ in Verbindung. Das ist allerdings Unfug, denn die Frage der Gewalt ist für den Anarchismus weder typisch noch prägend.

Wie wir gesehen haben, ist das Aktionsfeld des sozialen Anarchismus breit gefächert und entfaltet sich zwischen den Polen Widerstand, Aktion, Konstruktivität, Aufklärung und experimentellen Modellen. Die allermeisten Anarchisten sind auf diesem breiten sozialen Terrain* irgendwo in irgendeiner Weise engagiert.

Es gibt indes auch Anarchisten, die den Anarchismus mehr als private Lebensphilosophie verstehen und – aus welchen Gründen auch immer – keinen Sinn darin sehen, unsere Welt tatsächlich verändern zu wollen. Diese ›philosophischen Anarchisten‹ plegen entweder einen entsprechenden Lebensstil – zum Beispiel den des Bohemiens* oder Nonkonformisten –, schreiben bisweilen kluge Bücher oder sind derart individualistisch, daß ihr ›Anarchismus‹ überhaupt keine praktischen Konsequenzen hat. Bis etwa 1840 war der ›philosophische Anarchismus‹ die am meisten verbreitete Strömung und brachte eine eher folgenlose Literatur hervor, in der Überlegungen über die Anarchie und den Gang der Welt angestellt wurden. Die meisten ›philosophischen Anarchisten‹ unserer Tage sind in keinerlei Bewegungen organisiert und werden deshalb auch nicht zum ›sozialen Anarchismus‹ gerechnet. Die sozial aktiven Anarchisten neigen dazu, ihre rein philosophischen Gesinnungsgenossen zu verachten. Das ist verständlich, wenn auch unklug, denn immerhin trägt auch eine an-archische Attitüde* zur Schaffung eines gesellschaftlichen Klimas bei, das dem sozialen Anarchismus nur dienlich sein kann.

Persönliche Konsequenzen

Bisher haben wir uns nur mit der ›Außenwirkung‹ des anarchistischen Menschen befaßt. Wie aber steht es mit den persönlichen Konsequenzen im eigenen Leben? Auch hier ist der Anspruch in der Regel groß: Anarchisten streben an, ihre Ideale nicht nur für eine ferne Zukunft zu konzipieren*. Sie möchten nach Möglichkeit schon hier und heute damit beginnen, sie zu verwirklichen und vorzuleben – und sei es auch nur in kleinen Ansätzen und so unzulänglich, wie dies inmitten einer autoritären Umgebung auch immer sein mag. Das bedeutet natürlich, daß sie die Meßlatte anarchistischer Ansprüche auch an sich selbst legen müssen, was wiederum zu Konsequenzen führt, die nicht immer leicht einzuhalten sind – besonders innerhalb einer Gesellschaft, die in fast allen Punkten das Gegenteil predigt und belohnt. Anarchistische Toleranz, Verzicht auf Herrschaft, andere Umgangsformen zwischen Frauen und Männern, Kindern und Erwachsenen, Mehrheiten und Minderheiten, eine souveräne* Einstellung zu Eigentum, Sexualität und Arbeit – all das und vieles mehr sind Dinge, an denen eine anarchistische Ethik mit privaten Konsequenzen entwickelt und eingeübt werden will. Nach Tausenden von Jahren staatlich-autoritärer Ethik ist dies kein leichtes Unterfangen, und etliche scheitern an ihren eigenen Ansprüchen. Andererseits ist der Anarchismus kein Modell für Heilige, sondern für Menschen. Das schließt das Recht mit ein, unvollkommen zu sein und Fehler machen zu dürfen. Vor allem aber – und das entpuppt sich oft als das Schwierigste – gibt es darüber, was ›richtig‹ und ›falsch‹ ist naturgemäß viele Meinungen. Der Anarchismus würde sich in dem Moment selbst verraten, wo er diese Unterschiede zwangsweise weghobeln wollte. Die Tatsache aber, daß die meisten Anarchisten ihre Ansprüche zum Prüfstein ihres eigenen Lebens machen, zeigt, daß sie keine Doktrin* der Zwangsbeglückung vertreten, in der die Menschen irgendwelchen Idealen einer Avantgarde gehorchen sollen, die diese selbst nicht einzuhalten gewillt ist.

Der Anarchismus ist ein großes Dach, ein Basar der Vielfalt, ein Feld des Experiments. Im Grunde kann sich jeder unter dieses Dach stellen und sagen »Ich bin Anarchist!«. Darüber, ob das stimmt und was der einzelne unter »Anarchismus« versteht, gibt es keine endgültige Antwort. Anarchismus ist Suche und Experiment unter dem Vorzeichen der Vielfalt. Im Grunde ist jeder Anarchist, der ernsthaft sucht.

Literatur:
Christian Sigrist: Regulierte Anarchie Frankfurt/M. 1979, Syndikat, 270 S.
Harold Barclay: Völker ohne Regierung – eine Anthropologie der Anarchie Berlin 1985, Libertad, 315 S., ill.

 

Was wollen die Anarchisten?

»Keine Macht für niemand!«
– Die deutsche Rockband Ton-Steine-Scherben –

ES GIBT VIELE GUTE GRÜNDE, weshalb Anarchisten es immer vermieden haben, verbindliche Programme für eine künftige Gesellschaft aufzustellen; der Mangel an Ideen gehört mit Sicherheit nicht dazu. Eher das Gegenteil: die Überzeugung, daß eine an-archische Gesellschaft sich aus vielen unterschiedlichen Gesellschaften, Formen und sozialen Organismen zusammensetzen wird, hat sie seit jeher davon abgehalten, schon jetzt die Utopie von morgen in das Korsett programmatischer Vorschriften zu zwängen.

Kein starres Programm

Eine Gesellschaft nach dem Geschmack der Anarchisten ist kein starres Gebilde, Anarchie wird nicht eines schönen Tages ›erreicht‹ sein. Niemand anderes als die an ihm beteiligten Menschen werden festlegen, wie sie leben und sich organisieren wollen, und deren Vorstellungen werden vermutlich unterschiedlich sein. Deshalb müssen wir uns ›die Anarchie‹ als ein Gebilde vorstellen, das in einem bestimmten geograischen Raum nicht etwa nur eine Lebensform, eine Ethik, eine Art sozialer Organisation kennt, sondern zur gleichen Zeit viele verschiedene nebeneinander, die sich je nach Interessen, Neigung, Notwendigkeiten und Bedürfnissen frei verbinden. Zugegebenermaßen eine schwierige Vorstellung für uns, die wir gewohnt sind, daß der Staat auf seinem exakt deinierten Territorium eifersüchtig darüber wacht, daß alle seine Bürger einer Norm – der staatlichen – gleichermaßen unterworfen sind. Wir kennen nichts anderes; entsprechend exotisch kommt uns die anarchistische Gesellschafts- und Organisationstheorie vor. Ihre Struktur wird oft als ein Netzwerk beschrieben, und aus der Biologie wird das Bild des Mycels bemüht – jener chaotischen Pilzgelechte, die extrem vital und überlebensfähig sind. All das mag an dieser Stelle eher verwirrend als erklärend wirken – wir werden darauf noch eingehen.

Im Augenblick soll uns genügen, daß auch bei der Frage nach der anarchistischen Zielvorstellung der Wunsch nach Vielfalt eine eindeutige oder gar eine dogmatische Antwort verhindert.

Ein weiterer Grund gegen eine anarchistische Programmatik sei noch genannt, auf den besonders Bakunin hingewiesen hat. Für ihn kann eine völlig neue Gesellschaft nur aus der völligen Überwindung der alten Gesellschaft entstehen. Heutige Menschen, autoritär geprägt und staatlich geformt, seien kaum in der Lage, wirklich neue Ideen hervorzubringen; in all ihren Entwürfen schlummere der Keim des Alten, der früher oder später wieder hervorbrechen müßte. Eine neue Gesellschaft, so Bakunin, könne nur aus Amorphismus entstehen, das heißt, aus der Zerstörung der alten. Der Vorwurf, Bakunin wolle erst alles ›kaputtschlagen‹, um etwas Neues aufbauen zu können, tut ihm sicherlich unrecht. Mit dem Begriff ›Zerstörung‹ verband er nicht, Städte oder Fabriken in die Luft zu sprengen – ihm ging es um die Zerschlagung von Institutionen und Herrschaftsmechanismen. Andererseits bleibt der radikale Denker eine plausible Antwort darauf schuldig, wie er die Lücke zwischen Amorphie und neuer Gesellschaft zu schließen gedenkt – wann und wo also neue ›Tugenden‹ und Einrichtungen entstehen sollen. Spontaneität und Phantasie allein dürften dazu kaum ausreichen. Spätere anarchistische Denker haben diese Frage schlüssiger beantwortet; hier soll im Moment nur interessieren, daß der von Bakunin eingebrachte Vorbehalt nicht einfach abgetan werden kann: daß nämlich Konzepte und Programme, die der unfreien

Atmosphäre einer autoritären Gesellschaft entstammen, mit Sicherheit nicht so frei, kühn, souverän und visionär* sein können wie die Ideen, die Menschen womöglich in einer befreiten Gesellschaft entwickeln könnten. Daher braucht der Anarchismus weniger Programme und Regeln einer künftigen Gesellschaft, als vielmehr ein allgemeines Modell wandelbarer Strukturen.

Ideen und Positionen

»Ja, zum Kuckuck, wollen die Anarchisten denn überhaupt irgendetwas Konkretes, oder verstecken sie sich nur hinter Auslüchten, warum sie dieses oder jenes nicht wollen – –?«

Doch, es gibt konkrete Vorstellungen; die Anarchisten haben nur kein starres Programm daraus gemacht.

Das Ziel des Anarchismus ist die Abschaffung der Herrschaft von Menschen über Menschen; im Zentrum seiner politischen Aktivität steht ein sozial geprägter Freiheitsgedanke. Hieraus leitet er die Notwendigkeit ab, den Staat abzuschaffen. Der Staat sei schließlich kein Phantom, sondern ein Ausdruck ganz bestimmter – vor allem wirtschaftlich bedingter – Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Es geht also nicht um die Feindschaft zu dieser Regierung oder jenem Tyrannen, sondern darum, den Staat an sich zu bekämpfen und zugleich Alternativen zur Staatlichkeit zu entwickeln.

Aus diesem allgemeinen Ziel ergibt sich eine Reihe praktischer Forderungen, Ideen und Ziele, die sich die anarchistische Bewegung im Laufe ihrer Geschichte zu eigen gemacht hat: Gleiche Freiheit für alle Menschen einer Gesellschaft. Niemand soll herrschen, das Leben soll gemeinschaftlich von den betroffenen Menschen selbst organisiert werden. Daraus ergeben sich soziale Systeme, in denen soviel Kollektivität* wie nötig und soviel Individualität* wie möglich nebeneinander bestehen. Den Grad von ›nötig‹ und ›möglich‹ entscheidet der einzelne Mensch nach seinen Bedürfnissen, insofern er sich ›seine‹ Gesellschaft aussuchen oder schaffen kann. Keine Gleichmacherei, aber gleiche Chancen und Rechte.

Diese Forderung scheitert in erster Linie an wirtschaftlicher Ungerechtigkeit. Deshalb treten die Anarchisten für die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise ein, die sie als menschenverachtend, umweltzerstörend und in ihrem Wachstumszwang als irrational* ansehen. An ihre Stelle wollen sie nicht etwa die sozialistische Planwirtschaft setzen, sondern eine dezentrale und föderierte solidarische Bedarfswirtschaft, in der die Ökologie über der Ökonomie* und die Bedürfnisse der Menschen über denen des Proits stehen.

Eng mit der sozialen Gleichheit verknüpft ist die Forderung nach Überwindung von Klassen, Schichten und Machthierarchien. Menschen sind nach anarchistischer Auffassung durchaus unterschiedlich und sollen es auch bleiben, aber keine soziale Schicht soll kraft ihrer Geburt oder aus wirtschaftlichen, religiösen, rassischen oder geschlechtlichen Gründen Privilegien* genießen. Hieraus ergibt sich ein ganzer Katalog einzelner Forderungen, der von der ›direkten Demokratie‹ über die Kritik an Religion, Patriarchat* und Familie bis hin zum Besitz- und Erbrecht reicht.

Mit der Überwindung des Staates werden auch sein Apparat und seine Institutionen in Frage gestellt: Regierung, Bürokratie, Armee, Grenzen, Justiz, Polizei, Medienhoheit, Erziehungsmonopol* und dergleichen. Für diejenigen Funktionen des Staates, die ihrem Wesen nach notwendig sind, bemüht sich der Anarchismus um die Schaffung alternativer Modelle. Ihre Basis sind gemeinsame Bedürfnisse, ihre Elemente* Selbstorganisation, freie Vereinbarung, dezentrale Vernetzung und autonome Föderation. Aus den als überlüssig verstandenen Staatsfunktionen erwachsen typisch anarchistische Aktionsfelder wie beispielsweise der Antimilitarismus, die freie Erziehung oder die bürokratiefeindliche Selbstverwaltung. Direkt nach dem Staat rangiert die Kirche als klassische freiheitshemmende Institution. Die meisten Anarchisten sind Atheisten und lehnen Religion ab. Sie unterwerfen sich nicht gerne höheren Wesen oder Mächten; die Kirche betrachten sie als eine gigantische* Einrichtung der Verdummung. Dabei wollen Anarchisten niemandem das Recht auf Glauben absprechen, solange dieser anderen Menschen nicht die Freiheit einschränkt. Tatsächlich gibt es zwischen der Ethik einiger Religionen und der des Anarchismus zahlreiche Übereinstimmungen. Der Anarchismus ist deshalb eher antiklerikal* als antireligiös.

In freien Gesellschaften darf es kein Eigentum an Menschen mehr geben. Anarchisten wenden sich deshalb gegen die alltäglichen Abhängigkeits- und Unterdrückungsverhältnisse – speziell die von Frauen und Kindern. Die meisten Libertären lehnen daher auch die Institution der Ehe und der ›bürgerlichen Kleinfamilie‹ ab. In ihr sehen sie eine wichtige Stütze des Staates. Sie ziehen freiwillige Zusammenschlüsse nach dem Prinzip der Wahlverwandtschaft vor, etwa in Großfamilien, Wohngemeinschaften oder Kommunen, deren Zusammensetzung wechseln kann. Das bedeutet übrigens nicht, daß alle Menschen so leben müßten, oder daß sich zwei Menschen nicht etwa lebenslang lieben und ›treu‹ sein dürften – vorausgesetzt, sie tun dies freiwillig und ohne den erpresserischen Zwang des Eherechts. Vielmehr geht es darum, auch andere Formen zuzulassen, und die in normalen Familien übliche Hierarchie zu überwinden: Frauen und Kinder sollen als gleichberechtigte Menschen akzeptiert sein, und die religiös gefärbte Sexualmoral soll einer lustvollen Gleichberechtigung weichen. Das Patriarchat als die bei uns gängige Form der Herrschaft steht damit automatisch im Zielkreuz anarchistischer Kritik.

Eine noch so schöne Utopie kann nicht in einer sterbenden Welt gedeihen. Der Mensch kann nur im Einklang mit seiner Umwelt überleben. Anarchisten gehen davon aus, daß die dringend nötigen ökologischen Veränderungen so radikal sein müssen, daß sie im Rahmen einer kapitalistischen Wachstumswirtschaft kaum möglich sind. Sie meinen, daß eine dezentrale Organisation kleiner Einheiten mit einer ›Bedürfniswirtschaft nach menschlichem Maß‹ die einzig wirklich ökologische Gesellschaftsstruktur ist und deshalb das Modell der Zukunft sein wird.

Kein Paradies

Anarchisten räumen ein, daß es auch in einer libertären Gesellschaft Ungerechtigkeit, Kriminalität und Aggression geben wird. Anarchistische Modelle versprechen kein Paradies, sondern versuchen, Strukturen zu entwickeln, in denen sich soziales Fehlverhalten soweit reduziert, daß man mit dem verbleibenden Rest anders verfahren kann. Kriminelle etwa sollten nicht als Delinquenten* angesehen und bestraft werden, ihnen müsse Hilfe erwachsen. Psychisch kranke Menschen dürften nicht isoliert, sondern sollten in die Gesellschaft aufgenommen werden. Gefängnisse, psychiatrische Anstalten, Erziehungsheime und Strafen seien Bankrotterklärungen eines hierarchischen Systems vor Problemen, die es überwiegend selbst hervorbringe.

Für einen Anarchisten ist Freiheit ein unteilbares Gut. In unseren Gesellschaften sind wenige Menschen ›frei‹ auf Kosten der Unfreiheit vieler – das gilt ökonomisch, politisch und psychisch. Mit Leichtigkeit gelingt es den Massenmedien, die ›Freiheit‹, die sich reiche Menschen dadurch erkaufen können, daß sie ärmere Menschen ausbeuten, als das Ideal des ›freien Westens‹ zu verkaufen. Diese Ungerechtigkeit existiert nicht nur in den Ländern, in denen wir leben, sondern in großem Maßstab auch weltweit zwischen armen und reichen Nationen, in dem Verhältnis zwischen »Erster«, »Zweiter« und »Dritter Welt«. Anarchisten treten deshalb für weltweite Modelle der Vernetzung ein, die die wirtschaftliche und kulturelle Versklavung überwinden und allen Menschen ein Leben in Würde und ohne Mangel bieten können. Dann würden Massenluchten aus Armut vom Süden in den Norden, vom Osten in den Westen von selbst aufhören; eine Gesellschaft ohne Grenzen müßte nicht länger eine Utopie bleiben. Das ist einer der Gründe, weshalb sich der Anarchismus gegen Imperialismus*, Rassismus* und Kolonialismus* in all seinen alten und neuen Formen wendet. Die Liste solcher anarchistischen Essentials* könnte man noch lange fortsetzen und sich dabei in Details verlieren. Sie alle sind indes nichts anderes, als die praktische Nutzanwendung des umfassenden anarchistischen Freiheitsprinzips auf die soziale Realität, die uns umgibt. Auf diese Weise ist nun doch so etwas wie ein programmatischer Katalog libertärer Forderungen entstanden. Aber auch für diesen ›Katalog‹ gilt: Anarchie ist ständig der Veränderung unterworfen. Sobald sie erstarrt und Dogmen gebiert, ist sie nicht mehr Anarchie. Phrasenhafter Antiimperialismus, gebetsmühlenhafter Klassenkampf oder blinder Geschlechterkrieg werden nicht etwa dadurch gescheiter, daß sie sich mit anarchistischer Globalität garnieren. Leider sind auch Anarchisten nicht immer so undogmatisch wie sie behaupten und keineswegs gegen doktrinäres Schwarzweißdenken immun.

Für einen Anarchisten kann sich alles ändern: die Wahrnehmung, die Erfahrungen, die Prioritäten*, die persönlichen Einsichten und die eigene Kraft – nur nicht das Ziel. Das Ziel ist eine wahrhaft freie Gesellschaft. Alles weitere sind Mittel, dieses Ziel zu erreichen, und die richten sich nach den Bedürfnissen der beteiligten Menschen.

Literatur:
Errico Malatesta: Ein anarchistisches Programm Karlsruhe o.J., ABF, 15 S.
Alexander Berkman: ABC des Anarchismus , Meppen 1971, AVN, 23 S.
Nestor Machno: Das ABC des revolutionären Anarchisten Osnabrück o.J., Packpapier, 40 S. /
Herbert Read: Philosophie des Anarchismus Berlin 1982, AHDE, 34 S.
Paul Goodman: Anarchistisches Manifest Westbevern 1977, Büchse der Pandora, 64 S.
Gruppi Anarchie Federati: Ein anarchistisches Programm Berlin 1984, Libertad, 55 S.

 

Was tun die Anarchisten?

»Anarchisten bekämpfen keine Menschen, sondern Institutionen.«
– Buenaventura Durruti –

IHREN KAMPF GEGEN staatliche Strukturen und für eine freie Gesellschaft führen Anarchisten mit den unterschiedlichsten Mitteln: durch Aufklärung und Medien, den Aufbau von Gegenkultur und Selbstverwaltungsmodellen ebenso wie durch Provokation, direkte Aktion, Streiks und Demonstrationen. All das ebensogut als Einzelkämpfer wie in losen Gruppen, Gewerkschaften oder speziischen Organisationen. In ihrer Geschichte versuchten sie alle Arten von Protest und Widerstand bis hin zur Schaffung befreiter Gebiete, in denen soziale Experimente gedeihen konnten. Eine Eroberung der Macht im Staate jedoch, schrittweise politische Reformen im Rahmen des Systems, die Beteiligung an Wahlen, politischen Parteien und Regierungen lehnen sie in der Regel ab. Früh haben sie die Erfahrung gemacht, daß staatliche Systeme eine große Integrationskraft* besitzen, und Macht korrumpiert*.

Natürlich bewegen auch Anarchisten sich meist in kleinen Schritten auf ihr großes Ziel zu. Sie machen sich dabei aber nicht zum Teil des Staates und seines Systems; ihre Modelle sind vielmehr so angelegt, daß sie tendenziell gegen staatliche Institutionen gerichtet sind und Herrschaftsstrukturen zersetzen, um so in ihrem Schöße die Keime einer neuen, herrschaftsfreien Gesellschaft entstehen zu lassen.

Destruktiver und konstruktiver Anarchismus

Im Grunde gibt es zwei verschiedene Vorgehensweisen der Anarchisten. Die eine sieht in erster Linie den Gegner und versucht, ihn anzugreifen und seine Macht zu zerstören. Hier reduziert sich Anarchismus zumeist auf bloße Staatsfeindlichkeit; die Frage nach dem Aufbau einer anderen Gesellschaft ist zweitrangig. Gedacht wird überwiegend in militärischem Kategorien*: Verteidigung, Angriff, Vernichtung des Gegners. Solches Verhalten erschöpft sich fast immer in einer Geste der Herausforderung.

Die andere sieht das Ziel als vorrangig an. Für sie ist der Staat ein Hindernis auf dem Weg zu diesem Ziel, aber nicht der indirekte Daseinszweck des Anarchismus. Sowenig sie darum herumkommt, gegen dieses Hindernis zu opponieren und es zu bekämpfen, sosehr steht für sie doch die Frage nach konkreten und gangbaren Modellen im Vordergrund – Wege, die zu einer anarchischen Gesellschaft führen können.

Etwas überspitzt könnten wir die eine Richtung den destruktiven Anarchismus nennen, die anderen den konstruktiven. Die eine geht den Gegner direkt und frontal an, die andere versucht, ihn zu zermürben und überlüssig zu machen. Kampf oder List, offene Feldschlacht oder Katalysator* – das sind die extremen Pole anarchistischer Aktivitäten.

Natürlich ist das grob vereinfacht, aber beide Formen lassen sich nachweisen: Zwischen dem bombenwerfenden Schlapphut-Anarchisten und dem körneressenden Einsiedler, der Liebe und Gewaltfreiheit predigt, gab es in der anarchistischen Bewegung so ziemlich jeden denkbaren Typus. Eines allerdings läßt sich klar sagen: Der berühmte Typ des Verschwöreranarchos, der sich voll Haß aufmachte, einen König in die Luft zu sprengen und glaubte, der Staat würde dadurch zusammenbrechen und die Anarchie kraftvoll erblühen, starb praktisch schon im vorigen Jahrhundert aus.

Diese sogenannte Propaganda der Tat war nur eine unter den zahllosen Aktionsformen, die der Anarchismus hervorgebracht hat – eine relativ kurzlebige obendrein. Zuvor haben Anarchisten an Volksaufständen teilgenommen und Geheimgesellschaften gegründet, Arbeitervereine aufgebaut, Bibliotheken und Schulen eingerichtet. Tauschbanken und Konsumgenossenschaften gehörten genauso zu ihrem Repertoire* wie Zeitschriften, Theater und Gesangvereine – ebenso Bankräuber, die sich stolz Expropriateure* nannten und brav jeden Pfennig bei ihren politischen Organisationen ablieferten oder Volksaufklärer, die mit dem Esel von Dorf zu Dorf zogen, den Menschen das Alphabet beibrachten und ihnen das Nahen der Anarchie verkündeten.

In späteren Jahren kamen unter dem Namen Anarchosyndikalismus* verstärkt die Gewerkschaften ins Spiel, mit deren Hilfe Anarchisten eine freie Gesellschaft mit libertärer Wirtschaft aufbauen wollten – was sie für kurze Zeit auch tatsächlich schafften. Aus Volksaufständen entstand in anderen Ländern die Taktik der Guerilla, die auch von Anarchisten genutzt wurde und vorübergehend in der Lage war, die Staatsgewalt zu besiegen und große Gebiete zu befreien. Erst Jahrzehnte später sollte die Guerillabewegung, unter kommunistischem Vorzeichen zur reinen Taktik der Machteroberung degradiert, als Mittel der Befreiung grandios scheitern. Seit den Tagen Tolstois und den Taten Gandhis setzte sich in anarchistischen Kreisen vermehrt die Form des zivilen Ungehorsams durch, die eine besonders scharfe Waffe im Fundus des gewaltfreien Aktions-Anarchismus darstellt. Nach Studentenrevolten, autonomen Arbeiterkämpfen und heftigem Widerstand gegen Atomstaat, Militarismus und Wohnungsspekulation beginnen Anarchisten in unseren Tagen verstärkt mit dem Aufbau praktischer und lebendiger »Projekte«. Diese Modelle allgemeiner Selbstverwaltung sollen im sozialen Alltag der Menschen verankert sein und sich vom

herrschenden System nicht vereinnahmen lassen. Solche ›vorweggenommenen Utopien‹ versuchen, indem sie sich gegen Staatsgesellschaft wenden, zugleich Experimentierfeld für eine nichtstaatliche Gesellschaft zu sein.

Grundzüge anarchistischer Aktion

Ein typisches Kennzeichen anarchistischen Vorgehens ist die direkte Aktion. Anarchisten lieben gerade Wege und mißtrauen Winkelzügen. Die Betroffenen wenden sich mit Vorliebe direkt gegen die Verursacher ihres Problems, meist mit sehr wirkungsvollen Aktionen. Wo die einen Unterschriften gegen Wohnungsnot sammeln, würden Anarchisten eher ein leerstehendes Haus besetzen – der Prototyp* einer direkten Aktion. Die Frage, ob ein solches Handeln legal oder illegal ist, plegen Anarchisten mit unbekümmertem Lachen zu ignorieren: ihnen steht menschliche Ethik über formalem Recht. Wenn jemand nichts zu essen hat, muß er sich Brot nehmen, auch wenn das Gesetz das Eigentum vor dem Hunger schützt. Direkte Aktionen können gewaltfrei oder militant sein, lustig, symbolisch oder unerhört praktisch; sie können von einem Menschen durchgeführt werden oder von hunderttausend – immer haben sie zwei entscheidende Vorteile: sie führen in der Regel ohne Umschweife zum Ziel und werden von den meisten Menschen sofort verstanden, eben weil sie direkt sind. Spontaneität* ist ein weiteres Merkmal anarchistischer Aktion. Sie ergibt sich aus der Direktheit der Betroffenen, der dynamischen* Kraft der Empörung und der Lust an ungewöhnlichen Formen fast von selbst. Das Fehlen von Institutionen, Apparat und Bürokratie erleichtert spontanes Handeln. Langweilige Entscheidungsindung durch viele Instanzen oder biedere Vereinsmeierei sind in anarchistischen Kreisen sehr ungewöhnlich. Viel lieber wird einer spontanen und originellen Idee der Vorzug vor verkrusteter Routine gegeben. Spontan sein kann man alleine ebensogut wie in der Gruppe, und letztendlich ist jeder Mensch frei, so zu handeln, wie er es gegenüber seinen Überzeugungen und seinen Mitmenschen vertreten kann.

Das ist natürlich ein heikler Punkt. Was ist, wenn Schüler mal ›ganz spontan‹ ihre Schule anzünden? Möglich, daß bei diesem Gedanken so manches Pennälerherz höher schlägt, aber das wäre weder eine direkte noch eine spontane Aktion im anarchistischen Sinne – dem steht ein dritter libertärer Grundsatz entgegen: die Anwesenheit des Ziels in den Mitteln: Das, was man erreichen will, muß auch in der Wahl der Mittel zum Ausdruck kommen. Freiheit kann nicht mit unfreien Methoden erreicht werden, Wahrheit nicht durch Folter, Glück nicht durch Zwang und Friede nicht durch Krieg. Das ist ein hoher moralischer Anspruch, und Anarchisten haben in der rauhen sozialen Wirklichkeit damit auch zu allen Zeiten ihre Schwierigkeiten gehabt. Kann man seinen Gegner besiegen, ohne ihm weh zu tun? Wie sollte ein anarchistischer Milizionär im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpfen, wenn nicht mit dem Gewehr? Mit schönen Worten und einem Blümchen in der Hand? Wohl kaum – obwohl die Idee so absurd nicht ist, denn daß mit gewaltfreien Mitteln Revolutionen gewonnen wurden und Armeen besiegt, dafür gibt es in der Geschichte ebensogut Beispiele wie für den Sieg durch das Gewehr. Trotzdem haben die Anarchisten in der Spanischen Revolution richtig gehandelt, als sie kämpften. Das Problem liegt woanders. In der Tragik nämlich, daß anarchistische Bewegungen sich meistens die Form ihrer Aktion nicht aussuchen können – sie wird ihnen aufgezwungen. In Spanien begann die Revolution mit einem Putsch der Faschisten, und nicht der Anarchisten …

Nichts ist unanarchistischer als eine Armee, Krieg und Töten. Aber meist ließ die Geschichte den Anarchisten nicht die ›Wahl der Waffen‹. Um so mehr Grund für sie, auf diesem schwierigen Prinzip der Anwesenheit des Ziels in den Mitteln zu beharren und es immer dort, wo sie die Formen der Aktion bestimmen können, zu beherzigen.

Zwischen Empörung, direkter Aktion, Spontaneität und der Vision einer freien, menschlichen und gewaltfreien Gesellschaft gibt es kein besseres Regulativ*.

3 Gedanken zu “Einführung

  1. Muriel schreibt:

    Sehr schön und liebevoll erklärt. Aber

    Wußten Sie, daß es in diesem Jahrhundert bereits große, funktionierende anarchistische Gemeinwesen gab, ganze Länder umfassend, mit Großstädten, Dörfern und Industrie, in denen von der U-Bahn über die Milchwirtschaft bis hin zum Schulwesen eine moderne Massengesellschaft nach an-archischem Muster funktionierte?

    Öh, ach ja? Wo? Wann? Wie?

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    • ubuntubln schreibt:

      Eine Auflistung anarchistischer Gemeinwesen folgt noch.

      Beispiel: Pariser Kommune 1871, Münchener Räterepublik 1912, Spanien ab 1936, Ukraine, Ungarn 1956, Portugal 1971, deutsche Hausbesetzerszene ab 1981, Projekt A (Deutschland) u.v.m.

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      • Muriel schreibt:

        Dann bin ich gespannt auf mehr Details, würde aber vorab schon doch erhebliche Zweifel anmelden, dass insbesondere die ganzen Länder in irgendeinem bedeutungsvollen Sinne anarchistische Gesellschaften bildeten.

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