Freie Liebe und andere nützliche Nutzanwendungen

»Die Liebe ist eine Verächterin aller Gesetze, aller Vorschriften ( …)
Wenn die Welt jemals Gleichheit und Einigkeit hervorbringen wird,
wird es nicht mehr die Ehe, sondern nur noch Liebe geben!«
– Emma Goldman –

Genug kritisiert! Meckern ist keine Antwort und notorische Besserwisser sind nirgends beliebt. Anarchisten geht es ja nicht um Rechthaberei, sondern um alternative Modelle – Lebensentwürfe, die sich von den Standards* heutiger Gesellschaftsformen unterscheiden. Sie sollen alle Lebensbereiche umfassen, von größtmöglicher Freiheit geprägt sein und auf menschlicher Gegenseitigkeit beruhen. Jede anarchistische Alternative ist daher im Grunde nichts weiter als die praktische Nutzanwendung dieses Prinzips auf eine konkrete Situation. Deshalb ist die Zahl der Themen, zu denen libertäre Alternativen entwickelt wurden, unübersehbar groß. Betrachten wir daher zwei exemplarische* Beispiele.

Beispiel »Freie Liebe«

Die Freie Liebe ist ein von der russisch-amerikanischen Anarchistin Emma Goldman popularisierter* Begriff – ein Schlagwort, das zu allen Zeiten die Phantasie der Spießer zu belügeln vermochte. Verklemmte Zeitgenossen stellen sich darunter bis auf den heutigen Tag nur allzugern eines vor: zügellosen Sex. Jede und jeder schläft mit jedem und jeder, es gibt weder Bindungen noch Verantwortung, stattdessen Gier, Wollust und Unmoral …

In Wahrheit ist das anarchistische Ideal der Freien Liebe so ziemlich das Gegenteil all dessen. Die wütenden Reaktionen, die Emma Goldman erfahren mußte, spiegeln denn auch mehr die voyeuristischen* Wunschphantasien der meist männlichen Meinungsmacher wider, die angesichts einer ebenso brillant wie heftig vorgetragenen Kritik an der Männergesellschaft reihenweise ausrasteten. Aber auch puritanische Vertreterinnen der Frauenbewegung fanden die political correctness* jener Tage verletzt und erklärten sie zu einer »Heidin«, die »reif für den Marterpfahl« sei.

Was ist so schlimm an der Freien Liebe?

Nichts, außer daß sie die Erniedrigungen der Ehe, die Fesseln der Moral und die Unterdrückung in einer männerbestimmten Gesellschaft aufzeigt, um einen Weg aus dieser Abscheulichkeit zu weisen. Womit mehr als ein Tabu verletzt war. Für Emma Goldman kann eine menschliche Gesellschaft letztlich nur in einem verantwortungsvollen, gleichrangigen und stark gefühlsbetonten Miteinander von befreiten Frauen und Männern bestehen. Das heißt nicht, daß sie etwa Sympathien für das Patriarchat aufbrächte oder gar die Fehlleistungen der Männergesellschaft verniedlicht. Red Emma bleibt ihr Leben lang schonungslos offen – eine Streiterin gegen jede Art der Verlogenheit. Gerade deshalb geißelt sie ebenso unnachsichtig das »Trauerspiel von der Befreiung der Frau«, denn sie ist radikaler und vorausschauender als viele ihrer Zeitgenossinnen. Für sie kann es keine Lösung sein, wenn sich die Frauenbewegung darin erschöpft, die Männergesellschaft einfach umzudrehen, indem Frauen den Beweis erbringen wollen, sozusagen die ›besseren Männer‹ zu sein. Bei den damals tonangebenden »Frauenrechtlerinnen«, deren »aseptischen* Puritanismus« sie als »Beschränktheit« anprangert, kommt sie mit solchen Attacken natürlich nicht gut an.

Vehement* reklamiert* sie das Recht auf die eigenen Werte der Frau, und die sind bei Emma Goldman immer stark gefühlsbetont, kämpferisch, selbstbewußt, spontan und auch erotisch. In fast romantischen Bildern beschwört sie die subversiven Kräfte, die in der Befreiung von Frau und Mann liegen. Den »zwangsmäßigen, alten Jungfern« der reinen Frauenlehre setzt sie ihre erfrischende, lebensbejahende und durchaus optimistisch angelegte These der »freien Liebe« entgegen, in der die Freiheit der Sexualität eine entscheidende Rolle spielt. Und sie lebt sie auch vor, selbstbestimmt und provokant.

Es geht ihr dabei nicht um ›Sex‹. Sexualität, Freiheit, Emotion, menschliche Wärme, Selbstbestimmung, bewußte Mutterschaft, Liebe, Revolution, Partnerschaft und Verantwortlichkeit sind bei ihr Begriffe, die alle etwas miteinander zu tun haben und untrennbar verbunden bleiben müssen. Falls nicht, würde sich auch nichts Wesentliches ändern. Ihr Ansatzpunkt dabei ist die Ehe, die sie als sklavischen »Versicherungs- und Wirtschaftsvertrag« beschreibt, notwendig, um die Frauen in Abhängigkeit und den Staat stabil zu erhalten. Ehe habe mit Liebe nichts zu tun und Liebe nichts mit Ehe: Wo keine Gefühle bestehen, könne die Ehe sie auch nicht herstellen, und wo sie existieren, brauche es die Ehe nicht. Folgerichtig werde Sexualität – für Emma Goldman die »natürlichste und gesündeste Sache« der Welt – nach der Hochzeit nur zu oft zur Prostitution um den Preis der wirtschaftlichen Sicherheit. Die Alternative für die Frau bestünde höchstens in berulicher Karriere. In dieser Gesellschaft jedoch, so zeigt sie auf, führe auch dies selten zur Unabhängigkeit der Frau – geschweige denn zu Freiheit oder gar zu Glück.

An die Stelle einer solchen Zwangsinstitution setzt Emma Goldman die freie Beziehung zwischen verantwortlichen Individuen. Die Sicherheit von Mutter und Kind soll – wenn eine Beziehung emotional stirbt – nicht durch das künstliche Zwangskonstrukt einer Ehe garantiert werden, sondern durch ein System gegenseitiger Hilfe in solidarischen Gemeinschaften, die allen Menschen Unabhängigkeit bieten – nicht nur wirtschaftliche. Gemeinschaften, in denen Frauen in die Lage versetzt wären, auch ohne ›ihren Mann‹, mit oder ohne Kind, den eigenen Weg zu gehen. Das bedeutete ihr zufolge das Ende patriarchaler Erpreßbarkeit und den Triumph ehrlicher Liebe in Selbstbestimmung. In letzter Konsequenz bedürfe es dazu einer neuen Gesellschaft. Genau deshalb war Emma Goldman Revolutionärin und nicht Reformistin. Gleichzeitig war sie insoweit konsequent und realistisch, die Umsetzung ihrer Ideen nicht auf den Sankt-Nimmerleinstag zu verschieben. Hier und heute müsse begonnen werden, solche Rechte einzufordern und entsprechende Utopien in den Kreisen emanzipierter Menschen vorzuleben.

Natürlich beschränkt sich die Idee der freien Liebe nicht nur auf Frau und Mann, Mutter und Kind. Sie fordert die freie Entscheidung der Menschen für jede Art von Zuneigung und Sexualität. Das schließt homosexuelle* Liebe ebenso mit ein wie etwa Mehrfachbeziehungen oder Selbstbefriedigung. Bis heute sind Lesben* und Schwule* Opfer von Verfolgung und Demütigung – umso lebhafter dürfen wir uns den Skandal vorstellen, den solche Ideen um die Jahrhundertwende auslösten. Vom Untergang der Zivilisation war die Rede und vom unnatürlichen Zwang zu Promiskuität* und sexueller Hochleistung. Das ist, wenn keine gewollte Verleumdung, zumindest eine völlig falsche Auffassung von der freien Liebe. Sie ist weder ein Leistungssport noch eine Zwangsübung darin, mehrere Menschen lieben zu müssen und keine Eifersucht kennen zu dürfen. Sie schließt aber die Freiheit derjenigen ein, die dies wollen oder können, es auch zu tun.

Ideen dieser Art waren zu jener Zeit zwar nicht mehr völlig neu – schon Bakunin und Kropotkin hatten sich für die Freiheit von Liebe und Sexualität ausgesprochen – aber noch allemal brisant*. Die Diskussionen in der heutigen Frauenbewegung zeigen, wie aktuell sie nach wie vor sind. Generationen von Anarchistinnen und Anarchisten haben inzwischen versucht, die Visionen der Emma Goldman zu leben – allen voran sie selbst. ›Freie Liebe‹ wurde ein fester Bestandteil anarchistischer Überzeugung, und viele machten ernst: Die Ehe als übliche Norm sozialer Organisation ist bei den meisten Anarchisten – zumindest theoretisch – verpönt; an ihre Stelle traten die verschiedensten Formen offener Beziehungen. Von einzelnen Paaren über Gruppen, Gemeinschaften und Kommunen bis hin zu sozialen Großgebilden wie den libertären Kollektiven Spaniens oder den Kibbuzim in Israel wurde und wird nach Alternativen zu den sozialen Fesseln von Ehe und Abhängigkeit gesucht. Die Erfahrungen hierbei waren vielfältig und widersprüchlich. Es gab ebensogut Tragödien wie Triumphe und niemand – am wenigsten Emma Goldman – hätte geglaubt, mit dem Konzept der ›Freien Liebe‹ eine Zauberformel zur ungetrübten Glückseligkeit gefunden zu haben. Neue soziale Umgangsformen fallen nicht vom Himmel, sie müssen erlernt werden. Eines aber scheinen all jene Versuche zu bestätigen: Eine ehrliche, offene und gleichberechtigte Beziehung zwischen den Geschlechtern ist – auch wenn es ein schwieriges Lernen ist – möglich. Und sie ist gewiß menschlicher, freier und vielfältiger als die herkömmliche Institution der Ehe.

Die freie Schule

Für Anarchisten ist auch das herkömmliche Erziehungssystem ein rotes Tuch. Ebenso wie in Ehe und Normfamilie, sehen sie im staatlichen Schulsystem eine tragende Säule der Macht – beide trügen dazu bei, Hierarchie immer wieder neu zu verinnerlichen:

In der Schule – gleichgültig ob staatlich oder religiös geprägt – würden Untertanen hergestellt. Auch wenn als Erziehungsziel ofiziell der ›kritische und mündige Staatsbürger‹ gefordert werde, bleibe es immer noch beim Staatsbürger. Neben Lesen, Schreiben, Rechnen und viel ›Sachwissen‹ werde vor allem eines gelehrt: Anpassung an die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse – zwar nicht als Lehrfach, aber überall versteckt. Und selbst das angeblich wertfreie ›Sachwissen‹ stecke bei näherem Hinsehen voller Einseitigkeit, Ideologie und Phantasielosigkeit. Vielfalt, wirkliche Alternativen und vor allem Freiheit des Lernens gebe es nicht.

Nach anarchistischer Auffassung ist Lernen in allen unseren Gesellschaften ein institutionalisierter* Zwangsprozeß, und der Staat hält hierüber in der Regel das Monopol. Er weiß auch, warum: Staatlich gesteuertes Lernen ist die beste Garantie dafür, daß alles beim alten bleibt. Ideologien mögen wechseln, Lehrpläne sich ändern – die entscheidenden gesellschaftlichen Grundwerte, die vermittelt werden, tun es nicht. Egal, ob ich Mathe, Geschichte oder Deutsch pauke, immer lerne ich auch mit, daß es oben und unten, Herrscher und Beherrschte, Staat und Autorität gibt. Dies in Frage zu stellen, wird an keiner Schule gelehrt. Eine freie Gesellschaft braucht freie Menschen. Wenn jede neue Generation von Kindesbeinen an tendenziell zur Unfreiheit erzogen wird, liegt es nahe, hier anzusetzen und für den Bereich der Erziehung libertäre Alternativen zu entwickeln. Bei dieser praktischen Nutzanwendung des Freiheitsprinzips geht es um dreierlei. Zum einen sollten dem Staat möglichst viele Kinder entzogen werden. Das ist in erster Linie ein politisch-organisatorisches Problem. Zweitens sollten andere Inhalte und Werte gelehrt werden. Das ist vor allem ein intellektuell*-theoretisches Problem. Nicht zuletzt sollten natürlich andere Formen des Lehrens und Lernens erprobt werden. Das ist ein überwiegend didaktisches* Problem. Viel Arbeit also und kein leichtes Unterfangen.

Daß anarchistische Pädagogik nicht so aussehen konnte wie staatliche, war seit jenen Tagen klar, als Anarchisten begannen, »Freie Schulen« aufzubauen. Und das geschah schon im vorigen Jahrhundert. Nicht auf das Drillen der Kinder, ihre Ausrichtung auf eine Ideologie oder die Aufnahme von möglichst viel Wissen kam es dabei an – und natürlich auch nicht darauf, aus den Kindern der Anarchisten von heute die Anarchisten von morgen zu züchten. Libertäre Eltern wünschten sich vielmehr Kinder, die selbständig denken, handeln und entscheiden könnten, fähig zur Freiheit und ebenso tolerant wie selbstbewußt.

Aber nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen! Lernen und Lehren sollte nicht an ein Alter gebunden sein, sondern ein ständiger und gegenseitiger Prozeß – weitgehend selbstbestimmt und ›lebenslänglich‹, wenn es gewünscht wäre. Die Lerninhalte dürften nicht starr und für alle gleich sein, sondern müßten sich nach den individuellen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Talenten eines jeden Menschen richten. An erster Stelle stünden nicht Leistungsdruck und Erfolg, die alle Menschen in die gleichen Formen pressen, die eine industrielle Leistungsgesellschaft so gut gebrauchen kann, sondern die Talente und Vorlieben eines jeden – gleichgültig, ob intellektuell, handwerklich oder musisch. Leistung, so die Anarchisten, erbringen Menschen viel lieber freiwillig und viel besser in den Bereichen, für die sie begabt sind. Auch die Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden wurden in Frage gestellt. Schüler sollten den Unterricht genauso mitbestimmen und mitgestalten wie Lehrer.

Das sind so weitreichende und umwälzende Forderungen, daß es angebracht erscheint, das Ganze gar nicht mehr ›Erziehung‹ oder ›Pädagogik‹ zu nennen. Bildung, gegenseitiges Lernen oder lernendes Leben wären treffendere Bezeichnungen. Das Ziel anarchistischer Bildung besteht schließlich darin, die künstliche Trennung zwischen Leben und Lernen aufzuheben; letztendlich soll dadurch einmal die ›Institution Schule‹ – zumindest in der Form, wie wir sie kennen – überlüssig werden.

Zunächst einmal galt es aber, praktische Alternativen im Alltag aufzuzeigen. Und da gab es vor hundert Jahren sehr handfeste Aufgaben. In einer Zeit, als Kinder zu glühenden Patrioten abgerichtet oder zu gläubigen Katholiken geprügelt wurden, war es schon ein enormer Fortschritt, wenn Unterricht rationalistisch*, frei von Religion, Rassismus, Nationalismus und Schlägen war. Wenn Kinder ernst genommen wurden und sich im Unterricht einbringen durften. Und wenn die Schule nicht nur den Reichen offenstand.

Leo Tolstoi, der ›religiöse Anarchist‹, gründet bereits 1859 die Schule von Jasnaja Poljana und gilt als Pionier der libertären Pädagogik. Zum ersten Mal in großem Stil werden solche Ideen jedoch in der Bewegung der ›freien Schulen‹ verwirklicht, die der spanische Pädagoge Francisco Ferrer 1901 mit der Gründung der Escuela Moderna in Barcelona beginnt. Diese Art anarchistischer Schulen breiten sich in Spanien rasch aus und entstehen bald auch im Ausland. Zum ersten Male werden Kinder systematisch der Erziehung von Staat und Kirche entzogen. Die spanische Regierung muß Ferrers Schulwerk als ernste Bedrohung aufgefaßt haben, denn 1909 wird der fünfzigjährige Pädagoge aufgrund konstruierter Anschuldigungen vor Gericht gestellt. Man wirft ihm die ›geistige Urheberschaft‹ eines militanten Generalstreiks vor und verurteilt ihn in einem haarsträubenden Prozeß zum Tode. Die Vermutung, das Erziehungsmonopol sei ein wunder Punkt des Staates, hatte sich auf tragische Weise bestätigt … Siebenundzwanzig Jahre nach Ferrers Hinrichtung sollte seine Idee einen späten Triumph feiern: Während der spanischen Revolution gab es in manchen Provinzen der Halbinsel mehr ›freie Schulen‹ als staatliche. Der neue Schultyp erwies sich hierbei als sehr attraktiv und erfolgreich.

Die libertäre Pädagogik ist nicht bei Tolstoi und Ferrer stehengeblieben. Nicht nur die Zahl praktischer Versuche wuchs, auch die Inhalte und erzieherischen Konzepte wandelten sich. Alice und Otto Rühle, Alexander S. Neill, Ivan Illich, João Freire oder Joel Spring sind nur einige der radikalen Erziehungskritiker und Schulpioniere, die auf der libertären Tradition aufbauen konnten. Einiges von dem, was Ferrer – umwälzend für seine Zeit – forderte, existiert heute sogar, zumindest theoretisch, in vielen Schulen staatlicher Erziehungssysteme. Dabei sollte es ja nur ein Anfang sein. Wenngleich heute die Erfahrung größer, das Wissen über Lernpsychologie tiefer und die Experimente vielfältiger sind als vor hundert Jahren, ist doch das Ziel das gleiche geblieben: menschliche, freie Alternativen zum herkömmlichen Bildungssystem aufzubauen, in denen selbstbestimmtes Lernen ohne Zwang und Hierarchie möglich wird. Längst ist diese Vorstellung von Erziehung keine anarchistische Domäne* mehr, was gewiß kein Schaden ist. Vermutlich wissen die wenigsten Menschen, die heute freie Schulen aufbauen, um die libertären Wurzeln dieser Art von Pädagogik. Das Etikett tut auch wenig zur Sache, solange die Inhalte stimmen.

Geblieben aber sind die Schwierigkeiten. Zwar werden Alternativpädagogen heute nicht mehr erschossen, aber nach wie vor reagiert der Staat empindlich, wenn Menschen versuchen, Kinder seinem Erziehungsmonopol zu entziehen. Freie Schulformen wie etwa Summerhill in England oder Tvind in Dänemark bleiben seltene und ständig bedrohte Ausnahmen, und überall in der Welt werden weniger berühmte Schulen mißtrauisch beäugt, verfolgt oder geschlossen. Besonders in Deutschland: Bei uns bewegt sich die Gründung einer freien Schule immer noch hart am Rande der Kriminalität. Es liegt mit Sicherheit nicht an mangelndem Interesse bei Eltern und Kindern, daß es hierzulande gerade mal ein halbes Dutzend solcher Einrichtungen gibt.

Die freie Vereinbarung

Grundmuster der beiden hier gezeigten Beispiele und vieler weiterer, die noch dargestellt werden könnten, ist die freie Vereinbarung. Was heißt das?

Zunächst einmal, daß Menschen einander ernst nehmen. Sie erkennen an, daß jeder andere auch einen Willen hat, Interessen, Neigungen und Wünsche. Treten Menschen in Verbindung, müssen sich auch diese Interessen verbinden. Entweder, sie passen zusammen oder nicht. Demzufolge gibt es dann eine Verbindung oder eben keine. Manchmal passen sie auch nur ein wenig zusammen. Dann gibt es eine weniger intensive Verbindung – man nennt das auch Kompromiß –, oder beide verzichten auf Gemeinsames. Indem aber Menschen zusammenkommen, gibt es Austausch. Erfahrungen werden gemacht, Lernprozesse inden statt, Meinungen können sich ändern. Freiwillig, also selbstbestimmt und nicht – wie heute allgemein üblich – fremdbestimmt durch Vorschriften, Gesetze, Religion oder moralischen Druck.

Für Anarchisten gibt es keine gesunde Beziehung zwischen Menschen, wenn sie aus Zwang entsteht – weder zwischen Frau und Mann, zwischen Schüler und Lehrer noch sonstwo. Der Mensch tue das am besten, wovon er überzeugt ist.

So einfach ist die Grundidee vom selbstbestimmten Handeln und doch so anders als die Handlungsmuster der gegenwärtigen Gesellschaften: Soziale Vereinbarungen, die unser heutiges Leben bestimmen, sind weder frei noch recht eigentlich Vereinbarungen. Wir sind alle ungefragt den selben Gesetzen unterworfen, die wir nicht gemacht haben. Hätten wir sie gemacht, würden wir sie wohl eher befolgen. Hätten wir uns andere, bessere Regeln gegeben, die unseren Bedürfnissen mehr entsprechen, wären wir töricht, wenn wir überhaupt gegen sie verstießen.

Dieses typisch anarchistische Credo vom selbstbestimmten Handeln führt, wenn zwei oder mehr Menschen an ihr beteiligt sind, zu einer freien Vereinbarung. Diese kann kurzfristig sein oder ewig – und natürlich kann sie sich auch wandeln. Sind viele Menschen an einer solchen Vereinbarung beteiligt, entsteht ein contrat social, ein »Gesellschaftsvertrag« auf Freiwilligkeit und Gegenseitigkeit. So entwickeln sich an-archische Gesellschaften. Verschiedene an-archische Gesellschaften können sich föderieren, und bilden ein Netz 1 ; verschiedene Netze können nebeneinander bestehen.

»Freie Liebe« und »freie Schule« sind nur zwei Beispiele freier Vereinbarung auf unterster Ebene. An ihnen sind wenig Menschen beteiligt – zwischen zwei und zweihundert. Das wäre noch keine an-archische Gesellschaft. Die müßte man sich als ein Puzzle aus vielen solcher Teilbereiche vorstellen, die in ihrer Gesamtheit die Vielfalt unseres Lebens abdecken.

Nach anarchistischer Auffassung bleibt dabei die selbstbestimmte freie Vereinbarung stets Grundmuster aller gesellschaftlichen Beziehungen: Egal, ob wir nun einen Handwerksbetrieb organisieren, weltweit gegen eine ökologische Katastrophe agieren, ob wir uns ineinander verlieben oder einen Eisenbahnfahrplan aufstellen, ein Haus bauen, Kinder aufziehen, ein Weizenfeld bestellen, Streit schlichten, in Urlaub fahren oder eine Stadt sanieren – wenn dies nicht freiwillig und selbstbestimmt geschehe, werde mit Sicherheit niemals das erreicht, was letztendlich Ziel jeder anarchistischen Utopie ist: frei zu leben.

Literatur:
Emma Goldman, Madeleine Vernet u.a.: Die Freie Liebe Frankfurt a.M. o.J. (1974?), Freie Gesellschaft, 92 S.
Emma Goldman: Gelebtes Leben (Memoiren, 3 Bde.) Berlin 1978 –1980, Karin Kramer, 1170 S. ill. / Candace Falk: Liebe und Anarchie & Emma Goldman Berlin 1987, Karin Kramer, 360 S.
Michail Bakunin: Die vollständige Ausbildung Köln 1976, Heinzelpress, 25 S.
Leo Tolstoi: Die Schule von Jasnaja Poljana Wetzlar 1980, Büchse der Pandora, 155 S.
Ulrich Klemm (Hrsg.): Leo Tolstoi über Volksbildung Berlin 1985, Zehrling, 84 S.
Francisco Ferrer: Die freie Schule Berlin 1975, Karin Kramer, 187 S.
Pierre Ramus: Francisco Ferrer, sein Leben und sein Werk Paris 1910, Die Freie Generation, 112
Ulrich Klemm (Hrsg.): Anarchismus und Pädagogik Frankfurt a.M. 1991, dipa, 251 S.
ders.: Anarchistische Pädagogik Siegen 1984, Winddruck, 111 S.,
ill. / Anarchismus und Schule (Werkstattbericht, 2 Bde.) Grafenau 1985 /1988, Trotzdem, 165 /170
Kerstin Steinicke: Erziehung und Bildung ohne Herrschaft Frankfurt a.M. 1995, F.A.U. Ffm., 87 S.
Otto Rühle: Erziehung zum Sozialismus Berlin 1919, Gesellschaft und Erziehung, 64 S.
Alexander S. Neill: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung Reinbek 1969, Rowohlt, 338
Rainer Nitsche, Ulli Rothaus: Offene Türen und andere Hindernisse – Erfahrungen einer selbstverwalteten Schule Darmstadt 1981, Luchterhand
Paul Goodman: Das Verhängnis der Schule Frankfurt a.M. 1975, Fischer, 128 S.
Peter Kropotkin: Die freie Vereinbarung Wetzlar 1972, An-Archia, 20 S.
Hans-Jürgen Degen (Hrsg.) Tu was Du willst Berlin 1987, Schwarzer Nachtschatten, 270 S. William O. Reichert: Anarchismus, Freiheit und Macht Siegen 1983, Winddruck, 43 S.

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