Kunst, Kultur, Lebensart

»Unter allen schönen Künsten ist die Lebenskunst
die schönste und schwierigste.«
– Jules Romains –

Lebendige Anarchie ist kein neues Regelwerk, sondern eine Idee, das Leben freier zu gestalten. Leben aber ist nicht etwa nur essen, schlafen, wohnen, Arbeit oder soziale Organisation. Leben ist allumfassend, bunt, vielfältig, kreativ*, chaotisch 1 . So sollte es nach anarchistischer Meinung jedenfalls sein. Wenn heutzutage das Leben der meisten Menschen nicht allumfassend, bunt, vielfältig, kreativ und chaotisch ist, so ist das kaum ein Zufall, sondern gewollt.

Illusion als Ware

Chaos, Vielfalt und Kreativität können für eine moderne Industriegesellschaft gefährlich sein. Darum werden Menschen in ihr nivelliert*. Ihre Kreativität wird ihnen abgekauft, auf den Bereich der Produktion gelenkt und zum Beispiel der Firma nutzbar gemacht. (Dabei spielt es keine Rolle, ob diese ›Firma‹ nun Aluminiumfelgen, Theaterinszenierungen, Babynahrung, Waffen oder Kunstausstellungen ›produziert‹.) Was dann als Wunsch nach Buntheit und Vielfalt noch übrig bleibt, wird über Moden, Trends oder Zeitgeist-Epidemien kanalisiert. Hierzu muß es konsumierbar gemacht und angeboten werden. Normalerweise reicht dazu der Fernseher, in hartnäckigen Fällen muß schonmal ein Open-Air, ein Abenteuerurlaub oder ein neues Cabriolet herhalten. All das kann man in Agenturen kaufen, buchen, ordern, bestens geschmiert vom Gleitmittel ›Werbung‹.

Ein kluges System, vor allem deshalb, weil die Nivellierten ihre Nivellierung kaum bemerken. Geschickt wird ihnen die Illusion belassen, sie seien tatsächlich kreativ, wo sie doch in Wirklichkeit vorgefertigte Ware konsumieren. Illusion, die man kaufen kann.

Jeder Mensch ein Künstler?

Der Wert, den Kunst, Kultur und Lebensart in einer Gesellschaft anstelle von Konsum einnehmen, ist ein Gradmesser für Freiheit, denn künstlerische Verwirklichung erfordert Kreativität, und Kreativität braucht den Freiraum. Es verwundert daher nicht, daß im anarchistischen Denken – vor allem aber im anarchistischen Leben – Kunst, Kreativität und schöpferische Verwirklichung eine große Rolle spielen.

Nicht in dem Sinne, daß es etwa eine anarchistische Kunsttheorie gäbe (es gibt, wen sollte es wundern, mehrere) oder gar eine bestimmte anarchistische Kunstrichtung. Vielmehr ist die spontane Verwirklichung schöpferischer Ideen an sich ein logischer Bestandteil der Anarchie. Und nichts anderes ist schließlich die Grundlage von ›Kunst‹. Da Anarchisten die spontane Selbstverwirklichung des Menschen in allen Lebensbereichen fordern, zielt ihr Lebensentwurf darauf ab, die Grenzen zwischen ›Kunst‹ und ›Leben‹ aufzubrechen, ebenso wie die akademischen Grenzen zwischen verschiedenen ›Kunstgattungen‹. Kreativität, so behaupten sie, sei zum Leben so wichtig wie Brot.

Bei Anarchisten darf jeder, der mag, ›Künstler‹ sein, und allen anderen ist es freigestellt, die künstlerischen Produkte zu mögen oder nicht. Eine solche Auffassung zielt natürlich gegen einen elitären Kunstbegriff, der von Kulturhistorikern, Galeristen, Prois und Kunstkritikern festgelegt wird. Uns interessiert hier aber nicht die Kunst als hochbezahltes Produkt der Warengesellschaft, ebensowenig die gefällige Ästhetik der happy few*, mit denen sie die Welt in zwei Bereiche teilen: in das, was ›kulturell‹ ist und was es nicht ist. Oder: in Unwürdige und Menschen, die ein Anrecht auf Kultur haben.

Das bedeutet keineswegs, daß Kunst ein Einheitsmatsch ohne Platz für geniale Begabungen oder auch Berufskünstler werden soll – im Gegenteil: ein freier Rahmen ist nach anarchistischem Verständnis gerade die Voraussetzung für die ungebremste Entfaltung von Talenten. Heute hingegen diktiert der Kunstmarkt, und was sich in ihm nicht durchsetzt, wird in aller Regel auch nicht anerkannt. Kunst und Kultur sind im Grunde Waren. Das führt fast immer zu einer Art Prostitution* der Künstler an den Markt oder des Marktes an aktuelle Kunstmoden. Einigen wenigen Künstlern beschert dieses System unerhörte Karrieren, den großen Rest verurteilt es zur armseligen Randexistenz.

In der anarchistischen Vision wird Kunst im besten Sinne des Wortes ›alltäglich‹. In der libertären Idealgesellschaft gibt jeder nach seinen Fähigkeiten und jeder nimmt nach seinen Bedürfnissen. Der Mensch hätte also ein Anrecht auf Leben und wirtschaftliches Auskommen. Da Künstler ja auch (nur) Menschen sind, könnten sie frei und ohne wirtschaftliche Sorgen tätig sein. Es müßte weder die Prostitution an den Markt geben noch das systemkonforme* Auftragsschaffen, wie wir es aus den untergegangenen ›realsozialistischen‹ Ländern kannten – ein Phänomen, das uns in Literatur, bildender Kunst, Musik und Drama den unerträglichen Monumentalkitsch des »sozialistischen Realismus« bescherte, an dem ›die Massen‹ wie an Ikonen* vorbeideilieren durften.

Kunst und Anarchie

Kein Wunder, daß sich schon früh immer wieder Künstler zum Anarchismus hingezogen fühlten. Sie haben ihn entscheidend mitgeprägt. Dabei ist auch hier die Frage, ob diese sich nun als ›Anarchisten‹ bezeichneten oder bloß ›an-archisch‹ handelten unerheblich. Das Spektrum* von Künstlern und Anarchie ist ein großes Durcheinander widersprüchlicher und gegensätzlicher Formen und steht für ein Verhältnis von Spannungen und gegenseitiger Inspiration, prall und verrückt wie das Leben. So unterschiedliche Namen wie Richard Wagner und John Cage, Heinrich Böll und Joseph Beuys, Oscar Wilde, George-Bernhard Shaw und Percy Shelley, Leo Tolstoi und Dario Fo, Rainer-Werner Fassbinder und George Orwell, Walt Whitman und Ralph Waldo Emerson, Judith Malina und Traven, Franz Kafka, Jaros- lav Hasek, Erich Mühsam und Georges Tabori, Konstantin Wecker und Jorge Luis Borges, Theodor Plivier, Peggy Parnass, Herbert Grönemeyer, Stephan Mallarme, Gustave Courbet, Rimbaud, Hans-Magnus Enzensberger, Ricarda Huch, Rio Reiser, Monika Maron, Leo Malet, Peter Härtling, Lina Wertmüller und … und … und … machen deutlich, daß es in diesem ›Spektrum‹ weder um ein Glaubensbekenntnis noch um eine irgendwie geartete ›gemeinsame Linie‹ gehen kann und soll. Sie alle haben jedoch etwas mit Anarchie zu tun.

Manche bezeichneten sich als Anarchisten, andere verhielten sich so, wieder andere sympathisierten mit anarchistischen Ideen und viele der genannten setzten sich künstlerisch mit der Anarchie auseinander.

Obgleich Kunst und Anarchie so eng miteinander verquickt sind, hat es dennoch keinen ›eigenen‹ anarchistischen Kunststil gegeben. Das wäre auch paradox. Aber zahlreiche kulturelle Bewegungen, Stile und Gruppierungen wurden nachhaltig von Anarchisten oder libertären Ideen geprägt und fanden zu durchaus eigenständigen, an-archischen Ausdrucksformen. Zu nennen wären hier französische Avantgardisten und Nachimpressionisten der Jahrhundertwende wie Signac, Pissarro, Mirbeau, Tailhade, Seurat und Feneon oder der Kreis der politisierenden britischen Werkkunst-Designer um William Morris. Ebenso der Dadaismus in den zwanziger Jahren, der Literatur, Theater und bildende Kunst umfaßte und aktionsorientierte Formen hervorbrachte, die wir heute ›Performance‹ nennen würden. Der bildnerische, ilmische und literarische Expressionismus war traditionell eine anarchistische Domäne, ebenso wie in der Gegenwartsmusik etwa der Free-Jazz oder der politische Punk.

Das beinhaltet keineswegs eine Geschmacksdiktatur – Anarchisten können sich genausogut für Klassik oder Folklore begeistern und Punkmusik abscheulich inden –, sondern eine große Offenheit gegenüber künstlerischen Ausdrucksformen. In der bildenden Kunst weisen der Surrealismus und die art brut ebenso anarchistische Prägungen auf wie beispielsweise der Konstruktivismus bei den »Kölner Progressiven« in der Weimarer Ära oder stilistisch so unterschiedlich arbeitende Künstler wie Enrico Baj, Flavio Constantini oder Gerd Arntz. Sie alle eint nicht etwa ein gleicher Kunststil, sondern ein ähnliches Kunstverständnis, dessen Ausgangspunkte Freiheit, Experiment und Revolte sind. Die Werke von Gustave Courbet und Joseph Beuys sind kaum zu vergleichen, ihre Lebenseinstellungen sehr wohl. Gleiches gilt fürs Theater oder Kino, wo die Arbeiten von Dario Fo, Franca Rame, Julian Beck und Georges Tabori äußerlich ebensowenig eine Einheit bilden wie etwa die Filme von Rainer-Werner Fassbinder, Lina Wertmüller oder Jean Vigo. Formale Gemeinsamkeit braucht man da nicht zu suchen – sie läßt sich in der Musik nicht zwischen John Cage und Konstantin Wecker inden, und in der Literatur nicht zwischen Traven und Tolstoi.

Der Anarchismus ›besitzt‹ also keine Kunstrichtung, er ist Kunst, in einer allumfassenden Bedeutung.

»Allumfassende Bedeutung« – das heißt auch, daß Kunst das Leben erfassen und durchziehen soll, damit so eine neue Kultur entsteht – eine Lebensart. Gemeint ist nicht snobistischer ›Lifestyle‹, der an teure Accessoires gebunden ist, die einen bestimmten Status* symbolisieren sollen, sondern ein ›savoir vivre‹* unabhängig vom Geld. Das bedeutet Abschied von reiner ›Erbauungskunst‹, ein Ausbrechen aus den Ghettos von Museen, Galerien und Musentempeln. Das Leben selbst würde zu einem ›Kunstwerk‹: Kunst, Alltag, Freude, Protest, Genuß, Provokation, Spontaneität, Kreation und Kommunikation gingen eine kaum noch entwirrbare Verbindung ein, die in der Lage wäre, Grenzen zu sprengen. Grenzen zwischen Menschen, Grenzen zwischen Lebensbereichen, Grenzen in Bewußtsein, Wahrnehmung und Ausdruckskraft.

Im anarchistischen Milieu hat es immer wieder Ansätze einer solchen libertären Kultur gegeben, die stets die Trennungen zwischen Kunst, Arbeit, Politik und Leben überschritten. Hier wäre die radikale Bohème Mitteleuropas mit ihrer typischen Szene von Kaffeehäusern, Ateliers und Kabaretts etwa in Paris, Berlin, Wien und Prag zu nennen, ebenso wie die proletarisch geprägte Bewegung der ›Arbeiterkultur‹ im Umfeld kämpferischer Gewerkschaften mit seinen Theatern, seiner Literatur und Musik.

Ein besonders bemerkenswertes Beispiel solch bunter Lebensart ist die als ›Künstlerkolonie‹ bekannt gewordene Siedlung Monte Verità, deren Blütezeit vor dem ersten Weltkrieg lag. Auf diesem »Berg der Wahrheit« in der Südschweiz lebten Menschen, die gleichzeitig Handwerker und Künstler, Philosophen und Arbeiter, Revolutionäre und ›Unternehmer‹ waren. Anarchistische und kommunitäre Ideen haben das Erscheinungsbild dieser Siedlung geprägt, deren Wurzeln bis zu Bakunin reichen, der sich in seinen letzten Lebensjahren im Tessin niederließ. Und natürlich gab sich alles, was damals in Revolutions- und Künstlerkreisen einen Namen hatte, hier ein Stelldichein, um sich von einer Lebensart inspirieren zu lassen, in der sich Widersprüchliches zu einer an-archischen Symbiose von Kunst, Kultur und Leben verdichtete. – Fast das verkleinerte Abbild einer libertären Gesellschaft, eine Mischung aus Ernst und Freude, Genuß und Askese, Plan und Verrücktheit. Eben: Lebensart.

Literatur:
Anarchismus in Kunst und Politik (Anthologie) Oldenburg 1985, Universität Olb., 200 S.
Peter Heintz: Anarchistische Kunst in: Anarchismus und Gegenwart Berlin 1975, Karin Kramer, 159 S.
Rainer Mansfeld: Kunstspektakel, Anarchismus und politische Kunst heute in: Unter dem Plaster liegt der Strand Bd. 3, Berlin 1980, Karin Kramer, 191 S.
Herbert Read: Formen des Unbekannten Zürich 1963, Rhein-Vlg., 335 S., ill.
ders.: The Meaning of Art London 1951, Faber & Faber, 224 S., ill.
ders.: Arte, Poesia, Anarquismo Buenos Aires 1962, Reconstruir, 95 S.
ders.: Al diabolo con la cultura Buenos Aires 1974, Proyecciön, 196 S.
Andre Reszler: La estética anarquista Mexiko-Stadt 1974, Fondo Cultura Económica, 138 S.
Horst Stowasser: Von der Subkultur zur Gegenkultur in: Viva l‘Anarchia – Bilder anarchistischer Lebenskultur Neustadt/Wstr. 1992, An-Archia
H. U, Dohmen: Das Gesetz der Welt ist die Änderung der Welt – die rheinische Gruppe progressiver Künstler (1918-1933) Berlin 1976, Karin Kramer, 270 S., ill.
Imke Buchholz, Judith Malina: Living Theater heißt Leben München 1978, Trikont, 170 S., ill.
Monte Verità – Berg der Wahrheit (Katalog) Berlin 1978, Akademie der Künste, 191 S., ill.

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