Organisation

»Der Grundirrtum der Anarchisten, die Gegner aller Organisation sind,
ist die Annahme, Organisation sei ohne Autorität nicht möglich.«
– Errico Malatesta –

ES WIRD ANARCHISTEN GEBEN, die alles, was ich bisher gesagt habe, rundheraus als baren Unsinn ablehnen und etwas anderes vertreten. Das sollte uns an dieser Stelle nicht mehr verwundern. Anarchismus muß in seiner Vielfältigkeit auch mit Dissens leben können.

Ein geradezu klassischer Dissens in der anarchistischen Bewegung ist die Frage der Organisation. Ich habe dieses Thema bisher elegant vermieden, indem ich den allgemeinen Begriff Strukturen verwendet habe. Wie aber halten es Anarchisten mit der Organisation? Die meisten von ihnen sehen Strukturen als die logische Konsequenz von Ordnung an, die dann zu einer Art von Organisation führen. In seiner Geschichte hat der Anarchismus daher neben einer ganz heftigen und nie endenden Organisationsdebatte auch eine ganze Reihe mehr oder weniger typischer Organisationsformen hervorgebracht. Die meisten von ihnen waren nach dem gleichen Prinzip aufgebaut: Erstens sollten sie in ihren Formen weitgehend das Ziel widerspiegeln, sie durften also beispielsweise nicht hierarchisch, bürokratisch, autoritär oder zentralistisch sein. Zweitens sollten sie in der Lage sein, sich von einer vor-revolutionären in eine nach-revolutionäre Organisationsform zu verwandeln, sei es im Verlauf eines raschen Umsturzes oder auch einer längeren Transformation*. Drittens sollten sie in der Lage sein, sich veränderten Gegebenheiten anzupassen. Hierzu müßten sie transparent und zugänglich sein, ohne jedoch starr und dogmatisch zu werden.

Die Gegner der Organisation

Diese Ansichten werden nicht von allen Anarchisten geteilt. Unter den Gegnern lassen sich zwei Gruppen unterscheiden.

Die einen lehnen jede Art von Organisation strikt ab. Für sie besteht der Anarchismus geradezu darin, sich nicht zu organisieren. Sie fassen Anarchie zumeist als einen individuellen Lebensentwurf auf, der sich im persönlichen Verhalten ausdrückt. Manchen genügt es, wenn sie durch das gelebte Beispiel auf ihre Mitmenschen wirken, anderen ist auch dies gleichgültig, weil sie mit ihrer anarchistischen Lebensauffassung keinen Plan zur Veränderung der Gesellschaft verbinden. Solche Standpunkte widersprechen nicht dem libertären Ideal und sind durchaus legitim. Inwieweit sie uns einer anarchistischen Gesellschaft näherbringen, ist eine andere Frage, die solche Anarchisten aber kaum interessiert. Derartige Auffassungen inden sich häuig bei Anhängern des individualistischen Anarchismus.

Den anderen Pol bilden diejenigen Anarchisten, die auf die Anwesenheit des Ziels in den Mittel pfeifen, und ihre Organisationsformen nur auf den jeweiligen Zweck ausrichten. Der Zweck heiligt dann die Mittel.

Für das »Pfeifen« hat es sicherlich auch gute Gründe gegeben. Es ist ohne weiteres einsichtig, daß eine Anarchistengruppe zur Zarenzeit, bei den Nazis, in Korea oder unter der Francodiktatur weder transparent noch zugänglich sein konnte. Daß Anarchisten sich da in kleinen, straff organisierten und konspirativ arbeitenden Zellen organisierten, ist naheliegend. Solange das nur eine notwendige, zeitlich begrenzte und pragmatische Anpassung an eine Situation der Unterdrückung war, war das auch nicht bedenklich. Das Beispiel der spanischen CNT, die zwischen 1939 und 1976 fast vierzig Jahre im spanischen Untergrund aktiv war, zeigt, daß eine Organisation auch dann nicht militaristisch oder autoritär werden muß: trotz strikter Konspiration blieb innerhalb der einzelnen Gruppen und in der Basis des französischen Exils die antiautoritär-anarchistische Struktur intakt.

Bedenklich wird es jedoch, wenn aus der Not geborene Organisationsformen zur Tugend werden. Im 19. Jahrhundert, als vereinzelte und schwache anarchistische Gruppen sich überwiegend damit beschäftigten, ›die Ideen‹ zu verbreiten und sich gegen die Angriffe des Staates zur Wehr setzten, entstanden neben offen agierenden Organisationen wie etwa den Anarchistischen Föderationen oder der Internationalen Arbeiter-Assoziation IAA auch eine Reihe verschwörerischer Zirkel: Geheimbünde, internationale ›Brüderschaften‹ und abgekapselte revolutionäre Gruppen, die teils parallel zu den ›offenen‹ Strukturen arbeiteten, teils auf eigene Faust agierten. Bakunin beispielsweise spielte in beiden eine Rolle: Er war eine treibende Kraft in der ›Internationale‹ und gleichzeitig eifriger Gründer und Teilnehmer an geheimen Gesellschaften, vor allem mit Blick auf Rußland und die slawischen Länder. Das ist bei einem Mann wie Bakunin, der verfolgt, zum Tode verurteilt, in Ketten gelegt und nach Sibirien verbannt worden war, gewiß verständlich. Das heißt jedoch nicht, daß dies eine im Sinne des Anarchismus richtige Organisationsform sein muß. Geheimbündelei unkontrollierter Gruppen neigt zu Despotismus*, Selbstgerechtigkeit und einer fatalen* Gloriizierung von Kampf und Heldentum. Außerdem sind sie leichte Beute von Spitzeln und Provokateuren, sobald diese Zugang in ihre Reihen gefunden haben. Bakunin selbst wurde Opfer dieser Tendenz.

Geheimbünde, verschwörerische Zirkel und illegale Zellen können manchmal eine Notwendigkeit sein, eine ideale anarchistische Organisationsform sind sie mit Sicherheit nicht. Die Geheimbündelei der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts bereitete den Boden für zwei Entwicklungen, die um die Jahrhundertwende unheilvolle Früchte tragen sollten: Einerseits die Phase terroristischer Attentäter, die die Anarchie »mit Bombe, Dolch und Dynamit« erzwingen zu können glaubten, und andererseits die Entstehung einer streng hierarchischen, in Zellen gegliederten Partei von Berufsrevolutionären wie Lenin sie entwickelte, und die uns mit den Bolschewiki eines der politischen Monster dieses Jahrhunderts bescherte. Da den verschwörerischen Berufsrevolutionär die dunkel-romantische Aura des Heldenhaften umgibt, hat es immer wieder Menschen gegeben, die sich von solchen Mythen angezogen fühlten und zu entsprechenden Organisations- und Aktionsformen neigten. Zuletzt erlebte die deutsche Öffentlichkeit ein solches Drama Netschajewscher* Prägung, als die von anarchistischen Ideen inspirierte ›Bewegung 2. ]uni‹ 1974 den »Verräter« Ulrich Schmücker zum Tode verurteilte und im Berliner Grunewald »hinrichtete«. Schmücker hatte sich vom Verfassungsschutz benutzen lassen, war aber in erster Linie ein idealistischer und unbedarft labiler Mensch, der glaubte, seinen Genossen treu bleiben und den Geheimdienst austricksen zu können. Ein typisches ›armes Würstchen‹, wie geschaffen, um als Täter und Opfer in die Organisationsform einer Guerillatruppe zu passen, die sich Menschlichkeit auf ihre Fahnen schrieb, deren Handeln jedoch menschenverachtend und deren Struktur despotisch war. Wenn man sich klarmacht, daß Menschen, die die Brutalität des Staates überwinden wollen, einen anderen Menschen »zum Tode verurteilen« und »hinrichten«, wird deutlich, was passiert, wenn die Anwesenheit des Ziels in den Mitteln fehlt.

Von der Gruppe zur Föderation

Der organisationsfeindliche Individualismus und die straff-despotische Organisation von Verschwörerzirkeln sind hier als Ausnahmen vorgestellt, sie bilden im Anarchismus nur Randerscheinungen. Wie aber organisierten sich die anarchistischen Hauptströmungen?

In den Anfängen der Bewegung waren es einfach Gruppen Gleichgesinnter, die Bücher lasen, diskutierten, und versuchten, das, was sie entdeckt und erdacht hatten, unter die Leute zu bringen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Die ›Anarchogruppe‹ ist nach wie vor der beliebteste Baustein der anarchistischen Bewegung. Propaganda war seit jeher das, was in den meisten von ihnen betrieben wurde und noch immer wird. Deshalb gibt es auch so viele Gruppierungen, die sich um Zeitungen einer bestimmten Richtung scharen. Im anarchistischen Jargon* werden Gruppen, die eine bestimmte Richtung vertreten, Afinitätsgruppen genannt; frei übersetzt bedeutet dies Gesinnungsgemeinschaft.

Aus einzelnen Gruppen entstanden Strukturen, die sich entweder einer bestimmten Aufgabe verschrieben oder bestimmte Richtungen des Anarchismus verfochten, oftmals auch beides zugleich. Da gab es Arbeiterassoziationen, Bildungsvereine oder ›politische Clubs‹ sowie Gruppen, die auf Aufklärung, Gewerkschaftsstrategien, Paziismus, Militanz oder libertäre Projekte setzten.

Sobald sich der Anarchismus von der Theorie in die Praxis begab, stand der Anlaß im Vordergrund, die konkrete Aufgabe, die es zu bewältigen galt. Da kam es dann nicht mehr so sehr auf die Übereinstimmungen in der Weltanschauung an, sondern darauf, Mitakteure für das Ziel zu inden, die zwar im anarchistischen Sinne mitwirken sollten, ohne jedoch unbedingt Anarchisten sein zu müssen. Solche Gruppen werden in der Sprache anarchistischer Organisation Konsensgruppen genannt. Wir können das als Interessengemeinschaft übersetzen. Libertäre Gewerkschaften, freie Schulen, Genossenschaften oder auch die »neuen sozialen Bewegungen«, die in der Bundesrepublik seit den siebziger Jahren entstanden, sind typische Konsensgruppen, in denen Anarchisten aktiv waren oder sind.

Die speziische Organisationsform, die sich aus beiden Typen entwickelte, ist die Föderation, das heißt, ein freiwilliger, mehr oder weniger fester, dezentraler Zusammenschluß verschiedener Gruppen, die ein gemeinsames Interesse verbindet. Eine Föderation weitgehend autonomer Gruppen erfüllt im wesentlichen die Forderungen an anarchistische Organisationsformen, die wir kennengelernt haben. Da der Anarchismus in den ersten hundert Jahren überwiegend eine Arbeiterbewegung war, spielte der Anarchosyndikalismus, mit dem wir uns noch ausführlich befassen werden, natürlich auch als Organisationsform eine besondere Rolle. Aber auch solch ein anarchistischer Gewerkschaftsverband war seiner Struktur nach nichts anderes als eine Föderation, allerdings sehr spezialisiert und hochgradig organisiert. Die libertären Syndikate* lösten dabei souverän die Forderungen ein, die Anarchisten an ein Transformationsmodell stellen, indem sie vor, während und nach der Revolution eine passende Organisationsstruktur bieten konnten. Dabei wurde bewiesen, daß auch diese aus großen ›Industrieföderationen‹ bestehenden libertären Organisationen keinen bürokratischen Apparat hervorbringen müssen. Die spanische CNT kam 1936 bei knapp zwei Millionen Mitgliedern mit einem einzigen bezahlten Sekretär aus, und der begnügte sich mit einem Facharbeitergehalt …

Bewegung in Ratlosigkeit

Wenn wir einmal vereinfacht alle die Menschen, die sich als Anarchisten verstehen und die Gruppen, die in diesem Sinne wirken, als eine anarchistische Bewegung betrachten, so gibt es eine solche Bewegung heute in etwa vierzig Ländern der Erde mit beträchtlichen Unterschieden in Stärke und Qualität. In manchen existieren noch die klassischen anarchistischen Organisationsformen, die gelegentlich auch ironisch die »ofiziellen« genannt werden. Das sind landesweite Föderationen einerseits von anarchistischen Gruppen, andererseits von Syndikalisten* beziehungsweise Gewerkschaften. Beide haben wiederum ihre internationale Dachföderation, der jeweils die meisten nationalen Föderationen angeschlossen sind. Für die Syndikalisten ist dies die AIT (Association Internationale des Travailleurs – deutsch: Internationale Arbeiter Assoziation, IAA), für die anarchistischen Föderationen die IFA (Internationale des Fédérations Anarchistes – deutsch: Internationale Anarchistischer Föderationen, IAF). Es handelt sich dabei um veritable Organisationen mit allem was dazugehört: Statuten, Stempeln, Weltkongressen, Presseorganen, nationalen und internationalen Treffen, Kampagnen, Theoriediskussion und Koordination. Das hört sich beeindruckend an, sollte aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß diese Föderationen durchweg sehr schwach sind, und nur ein Bruchteil der Anarchisten in ihnen organisiert ist. In der Praxis kommt solchen Weltföderationen heute nur noch geringe Bedeutung zu. Ihre Funktion als Motor und kreative Stimulanz* in Praxis und Theorie der Bewegung haben die »ofiziellen Organisationen« weitgehend eingebüßt.

Das hat damit zu tun, daß der Anarchismus nach 1968 einen völligen Neubeginn durchmachen mußte und seither auf der Suche nach neuen Formen ist. Die überkommenen Organisationen waren für viele kaum noch attraktiv oder paßten nicht mehr zu den neuen Aktionsfeldern. Selbst in einem Land wie Frankreich, das eine sehr aktive anarchistische Föderation hat, indet ein großer Teil libertärer Aktivitäten außerhalb von ihr statt. Parallel zur Fédération Anarchiste existiert eine ganze Reihe weiterer Verbände, Föderationen und landesweiter Zusammenschlüsse, teils mit Konsens-, teils mit Afinitätscharakter. Trotzdem sind viele aktive Anarchisten überhaupt nicht organisiert. Überall dort, wo, wie in Frankreich, die »ofizielle« Organisation dynamisch und aktiv ist, kommt es in der Regel auch zu einer guten Zusammenarbeit querbeet durch dieses Wirrwarr von Strukturen. In Deutschland gibt es keine klassische anarchistische Föderation, dafür aber eine recht rege libertäre Bewegung von auffälliger Vielfalt. Aus ihr sind mehrere landesweite Zusammenhänge hervorgegangen, von denen sich nur eine in die Tradition einer klassischen, ofiziellen Organisationsform gestellt hat.

Der Anarchismus beindet sich in einer Situation des Umbruchs 1 , und mit ihm seine Organisationsformen. Alte Aktionsfelder und Inhalte haben sich überlebt und sind mitsamt ihren hergebrachten Strukturen in tiefe Sinnkrisen gestürzt. Früher stand beispielsweise der Anarchosyndikalismus für real existente kämpferische Gewerkschaften, also für ein starkes Konsens-Modell. Heute gibt es nur noch in ganz wenigen Ländern tatsächliche anarchistische Gewerkschaften oder entsprechende Ansätze. Die anarchosyndikalistischen Organisationen sind daher in den meisten Fällen zu kleinen Propagandagruppen geworden, die die Idee des Anarchosyndikalismus verbreiten und sich ansonsten an irgendwelchen aktuellen Bewegungen beteiligen. So ist die AIT heute genau genommen die Dachorganisation eines historischen Konsens-Modells, die fast lauter Afinitätsgruppen vertritt – ein Paradox, in dem sich die Krise der klassischen anarchistischen Organisationen widerspiegelt.

Der neue Anarchismus hingegen hat noch überhaupt kein Organisationsmodell gefunden. Zwar gibt es auch hier national und international mannigfachen Austausch: Treffen, Camps, Kongresse, Seminare, Feste, Netzwerke und Kampagnen – aber all das ist meist zufällig und selten dauerhaft. Manche Anarchisten meinen, genau das sei die angemessene Struktur der neuen Bewegung: Nichts weiter als eine locker-leichte Vernetzung je nach Bedarf. Selbst wenn das richtig wäre – woran Zweifel erlaubt sind –, hat die Erfahrung der letzten zwanzig Jahre gezeigt, daß solche unverbindlichen Kontakte jedenfalls nicht ausreichen. Andere sind der Meinung, es genüge, die alten Föderationen mit neuem Leben und neuen Inhalten zu füllen. Wie dem auch sei: die neue libertäre Bewegung hat oft genug Reaktionsarmut, Initiativschwäche und einen erschreckenden Mangel an Kraft und Aufmerksamkeit bewiesen, um zu zeigen, daß sie dringend neuer Organisationsformen bedarf.

Organisation wäre vermutlich kein Heilmittel, aber gewiß ein notwendiger Schritt zur Überwindung dieser Schwäche einer Bewegung, die im realen Leben längst nicht die Rolle einnimmt, die sie aufgrund ihrer Stärke spielen könnte.

Literatur:
Errico Malatesta: Ein anarchistisches Programm vgl. Kap. 4! / Rudolf Rocker: Anarchismus und Organisation Berlin 1978, Libertad, 47 S.
ders.: Über das Wesen des Föderalismus im Gegensatz zum Zentralismus Frankfurt/M. 1979, Freie Gesellschaft, 318.
Berthold Cohn: Sollen sich Anarchisten organisieren? Berlin o.J. (1928?), Der Freie Arbeiter, 8 S. Günter Bartsch: Der Internationale Anarchismus Hannover 1972, Nieders. Landeszentrale f. pol. Bildung, 67 S.
Horst Stowasser: Organisationspapier – Eine Denkschrift Wetzlar 1976, An-Archia, 12 S.
Gruppi Anarchici Federati: Ein anarchistisches Programm vgl. Kap. 4! / N.N.
International Blacklist San Francisco 1983, 140 S., ill.
Peter Stipkovics (Hrsg.): Internationales Anarchistisches Adressbuch Wien 1982, Monte Verità, 18; S., ill.

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