Radikale Ökologie

»Mit allem, was wir angefangen haben, sind wir in die Absurdität des Gegenteils geraten:
Mit dem Versuch, die Äcker fruchtbar zu machen, haben wir sie fast zu Tode gefoltert. Mit
dem Versuch, uns vor Feinden zu schützen, sind wir so nah wie möglich an den großen Welt-
brand gekommen. In dem Bemühen, uns fortzubewegen, haben wir die Lebenswelt zerfetzt, in
der sich fortzubewegen lohnend wäre. Das Bestreben, auch die Kommunikation zu beschleu-
nigen, hat das sprachlose Geschwätz und die Blindheit vor den Bildern hervorgebracht. Der
Versuch, zu heilen und zu helfen, gerät auf die unterschiedlichste Weise an die Grenzen der
Unmenschlichkeit.«
– Jürgen Dahl –

WAS WÄRE, WENN DER MENSCH AUSSTIRBT? Nichts weiter. ›Die Natur‹, was immer das ist, würde uns überleben, irgendwie. Schwer angeschlagen, verändert vielleicht, aber vital, dynamisch und chaotisch-anpassungsfähig. Das Leben ginge auch ohne uns weiter. Wenn wir uns die Natur als ein denkendes Geschöpf vorstellen, müßte sie sogar überaus erleichtert sein, wenn die Gattung Mensch endlich verschwände, denn es gibt kein zweites biologisches Wesen, das im ›Gesamtsystem Natur‹ derart verheerend wirkt.

Die Menschheit hat in der verhältnismäßig kurzen Zeit seit dem Auftreten ihrer Zivilisation eine grauenhafte Bilanz hinterlassen. Gefräßig, sich hemmungslos vervielfältigend, rücksichtslos und planlos ist sie dabei, alles niederzumachen, was ihr im Weg steht. Tierarten werden unwiederbringlich ausgerottet, Waldregionen verschwinden, der Boden wird durchwühlt, geplündert und zerstört, Wüsten breiten sich aus, das Wasser wird knapp, die Luft wird vergiftet und die Atmosphäre fängt an, sich in ihre Bestandteile aufzulösen. Dafür breitet sich die Gattung Mensch rasend aus und nimmt jeden Quadratmeter bewohnbarer Oberläche in Anspruch, um ihn mit System in unbewohnbare Oberläche zu verwandeln. Alles auf der Welt teilt er in nützlich und schädlich auf, in konsumierbar und unkonsumierbar, in ökonomisch verwertbar und ökonomisch wertlos. Ein Schweizer Autoaufkleber bringt es auf den Punkt: »Mein Auto fährt auch ohne Wald!«

Konsequent hat der Mensch diesen Weg verfolgt. Der Motor dieser Konsequenz ist die Wirtschaft, die für den ›zivilisierten Menschen‹ über allem steht. Etwa ein Dutzend Tiere sind ›nützlich‹, sie werden industriell produziert, gequält, gemolken, geschlachtet, genetisch manipuliert und so effektiv wie möglich ausgebeutet. Der Rest ist ›unnütz‹ und wird Stück um Stück ausgerottet. Ein paar Exemplare überleben in Zoos, und bald genügt vielleicht ein Magnetband plus Gencode*, um sie hinreichend zu archivieren. Bei den Planzen unterscheidet der Mensch zwischen ›Nutzplanzen‹ und ›Unkraut‹, und so verfährt er auch: Der Traum industrieller ›Planzenproduktion‹ (ich war versucht zu schreiben: »landwirtschaftlichen Anbaus«, aber das stimmt schon nicht mehr) ist die im Labor genetisch optimierte Frucht, die in Hallen auf Styroporplatten mit Nährlösungen besprüht wird, weder mit Erde noch Sonne in Berührung kommt und, nebenbei bemerkt, nahezu geschmacklos ist.

Fortschritt

Noch vor 20 Jahren hatte das Wort »Fortschritt« einen positiven Klang. Es ging voran, und daß alles immer besser würde, daran bestand kein Zweifel. Fortschritt stand als Synonym für Vernunft, für das Richtige, das Bessere. Gerade auch die Linke bewertete alles nach der Frage, ob etwas ›fortschrittlich‹ sei oder nicht. Der Mensch, so glaubte man allgemein, könne mit Hilfe von Technik und Wissenschaft schließlich alle Probleme in den Griff bekommen und – endlich – »die Naturgewalten besiegen«. Als kleiner Bub fand ich das ganz ›natürlich‹.

›Natürlich‹ aber kann für den Menschen nur sein, in der Natur und mit der Natur zu leben. Die Natur könnte ohne den Menschen ganz gut auskommen, der Mensch ohne die Natur aber nicht. Sie ist deshalb jedoch nicht der Feind des Menschen, den es zu besiegen gälte. Die Menschheit muß, um den Preis des Untergangs, lernen, sich ihrerseits nicht länger als Feind der Natur zu verstehen.

Die Lehre von den Zusammenhängen der Natur, ihrem Gleichgewicht und ihren vielfaltigen Wechselwirkungen samt der Rolle, die der Mensch darin spielt, nennen wir Ökologie. Seit etwa hundertfünfzig Jahren lebt die Menschheit im Vollrausch des Glaubens an ihren technischen Fortschritt. Großspurig hat sie diesen Zustand das ›industrielle Zeitalter‹ genannt, allerdings ist jetzt schon abzusehen, daß es kein ›Zeitalter‹ sein wird, sondern eher eine katastrophale Episode, die so oder so rasch zu Ende gehen wird. So oder so – das heißt: mit oder ohne Mensch.

›Fortschritt‹ müßte also neu deiniert werden. Er kann nicht länger bedeuten, die Natur zu unterwerfen. ›Fortschritt‹, der mit der Natur in Einklang kommen will, sollte eigentlich einen anderen Namen bekommen, denn das, was wir gemeinhin darunter verstehen, ist die Rücksichtslosigkeit eines technischen Fortschritts, der im Dienste einer ebenso rücksichtslosen Ökonomie angetreten ist, die Natur genauso zu verknechten, wie sie es mit den an dieser Ökonomie beteiligten Menschen tut. Die Idee von der ›Herrschaft über die Natur‹ und der ›Herrschaft über Menschen‹ ist halt eine Weltanschauung aus einem Guß.

Ist es nicht vielleicht übertrieben, alles so schwarz zu sehen? Offenbar geht es uns doch ganz gut. Und die paar Folgeerscheinungen – sollten wir die nicht in den Griff kriegen?

Umweltschutz

Vor hundertsechzig Jahren lebte eine Milliarde Menschen. Heute sind es knapp sechs. Um von einer Million auf die erste Milliarde zu kommen, mußten gut zehntausend Jahre vergehen, von der zweiten auf die dritte Milliarde braucht es nur noch dreißig Jahre. Seit vor hundertfünfzig Jahren das Industriezeitalter begann, wurden mehr Rohstoffe verbraucht als in den dreitausend vorangehenden Jahren zusammen. Das was der Mensch ›Bodenschätze‹ nennt, wird schwindelerregend schnell verbraucht – und in absehbarer Zeit alle sein. Was man aus ihnen herstellt, wird rasch unbrauchbar und bleibt als Abfall, Müll, Schrott, Gift zurück. Was damit geschehen soll, weiß niemand. Bei dem, was der Mensch ›Veredelung‹ nennt, entstehen neue Stoffe, die es vorher nicht gab, die nicht verrotten, nicht in den natürlichen Kreislauf zurückkehren, und über deren Wirkung man nichts weiß. In der Natur geschehen alle Abläufe als Wechselwirkungen, die sehr komplex ablaufen. Wie sich die von uns erzeugten Abfallstoffe wechselwirkend auf die Natur – und damit auch auf uns – auswirken, läßt sich nicht vorhersagen, sondern nur erfahren. Und die Erfahrungen zeigen, daß solche Stoffe die Grundlagen der Natur zerstören. Dagegen kann man nichts Wesentliches tun, außer, sie zu verpacken, verstecken, anzuhäufen oder umzulagern. Das einzig Vernünftige wäre, aufzuhören, solche Stoffe zu produzieren. Aber das würde eine andere Ökonomie, eine andere Lebensauffassung, ja, eine andere Gesellschaft voraussetzen.

Stattdessen wird versucht, die Folgen der Technologie durch noch mehr Technologie ›in den Griff‹ zu kriegen. Wir nennen das ›technischen Umweltschutz‹, und der ist zur Zeit ganz groß in Mode, denn er ist ein expandierender* Wirtschaftszweig, der Arbeitsplätze schafft. Und er tröstet die Menschen, indem er Ängste beruhigt und schlechte Gewissen verdrängt. Ein Beispiel: Seitdem die Automobilindustrie den Katalysator vermarktet, glaubt jeder, der ihn benutzt, er täte etwas für die Umwelt. Das ist falsch. Der Katalysator entlastet weniger die Natur als vielmehr das Gewissen seiner Käufer. Ich meine dabei gar nicht so sehr den ›Nebeneffekt‹, daß die Kat-Technologie zusätzlich Distickstoffoxid in die Luft bläst, sondern die simple Tatsache, daß seit der ›Katalysatorära‹ mehr Autos verkauft wurden als je zuvor. Das heißt: der Gesamtausstoß an Autoabgasen ist weiter gestiegen, erneut sind riesige Landschaftslächen mit Asphalt überzogen worden, weiter sind hunderttausende Menschen im Verkehr gestorben, und ungebrochen sind die Berge von Automobilschrott angewachsen. Ohne den Katalysator wäre zwar all das zweifellos noch schlimmer ausgefallen, aber solche Rechnerei ist für die Natur ohne Belang. Der Katalysatormensch tut also genau genommen nicht etwas für den Umweltschutz, er tut nur etwas weniger gegen die Umwelt. Sich dabei als Umweltschützer zu fühlen ist etwa so falsch, wie wenn ein Ehemann, der ›seine‹ Frau früher täglich schlug und jetzt ›nur noch‹ dreimal wöchentlich, sich als Feminist fühlte.

Umweltschutz ist nicht gleich Ökologie, und Technologie ist nicht gleich Umweltschutz. Natürlich ist gegen einen wirklichen Schutz der Umwelt nichts zu sagen, denn er schafft Erleichterung: eine Atempause, eine augenblickliche Verbesserung. Einen Katalysator einzubauen ist nicht schlecht, aber unsere heutige Automobilphilosophie ist falsch. Solange aber die Ursachen sich nicht ändern, werden die Probleme immer wiederkommen, größer als zuvor. Ernsthaft verstandene Ökologie kommt deshalb gar nicht drum herum, das Übel an der Wurzel zu packen, und genau das heißt »radikal*«. Ökologie, die nicht radikal ist, ist nicht wirklich ökologisch, sondern schlichter ›Umweltschutz‹. Und Umweltschutz geht nach wie vor von dem Irrtum aus, daß wir uns netterweise um die arme, bedrohte Natur kümmern und ihr helfen müßten. Dabei bilden wir uns ein, die Krone der Schöpfung zu sein. Möglich. Der Nabel der lebendigen Welt aber sind wir ganz gewiß nicht.

Der Schutz der Umwelt ist wichtig, dringend nötig und sollte, wo immer wir können, gefördert werden: Als notwendige Voraussetzung für ein wirklich ökologisches Leben. Vieles von dem aber, was uns heute als ›Umweltschutz‹ verkauft wird, schützt die Umwelt gar nicht wirklich. Das gilt besonders für den Trend, die Technologiefolgen mit immer noch aufwendigeren neuen Technologien zu ›bekämpfen‹. Jede Technologie bringt jedoch neue Probleme mit sich, neue Abfallstoffe, neue Ungleichgewichte in der Natur, die wiederum zu Wechselwirkungen führen, die dann mit neuen Technologien und so weiter …

Seit man begonnen hat, unsere Kraftwerke zu entschwefeln, fällt in den Filteranlagen schwermetallhaltiger Gips an. Der Fortschritt besteht darin, daß wir jetzt anstelle von zwei Millionen Tonnen Schwefeldioxid vier Millionen Tonnen giftigen Gips für alle Ewigkeit auf Deponien sicher verwahren müssen. Die allerneusten Waschmittelgrundstoffe, mit denen die schädlichen Phosphate ersetzt wurden, enthalten neue Stoffe, von denen niemand weiß, wie sie in der Natur wirken und wechselwirken. Sie gesellen sich zu den anderen künstlichen Stoffen, von denen wiederum niemand weiß, ob es 50.000, 60.000 oder 70.000 sind, und von denen wiederum nicht bekannt ist, wie sie wirken und wechselwirken, wenn zwei oder drei von ihnen aufeinandertreffen. Man wird es halt ausprobieren. Die Atomkraft, angepriesen als umweltschonende Alternative zu den knappen Rohölreserven, erzeugt heute neben elektrischer Energie vor allem unlösbare Entsorgungsprobleme. »Nichts macht die Absurdität unseres technischen Fortschritts deutlicher«, schreibt der Umweltkritiker Jürgen Dahl, »als die Tatsache, daß im zweiten Jahrtausend zur Erzeugung von Wasserdampf eine Asche produziert wird, die so giftig ist, daß sie noch im zweihundertsten Jahrtausend sorgfältig bewacht werden muß.« Solche Folgeerscheinungen von Folgeerscheinungen von Technologien lassen sich auch mit weiteren Technologien und Folgetechnologien nicht in den Griff kriegen, sondern nur dadurch, daß solche Asche gar nicht mehr entsteht.

Zusammenhänge

Umweltschützer ist heute jeder. Sogar die multinationalen Konzerne kokettieren erfolgreich mit diesem publikumswirksamen Begriff. Während sie ihre Werbeagenturen anweisen, nur noch »Anzeigen mit Umweltaussage« zu schalten, kleben sie grüne Punkte auf die falschen Packungen fragwürdiger Erzeugnisse. Zur gleichen Zeit sind ihre Produktdesigner schon dabei, die nächste ökologische Schweinerei auszuhecken und festzuklopfen. Auch Ökologen nennen sich heutzutage viele, meinen damit aber meistens konsequenten Umweltschutz. Es sind jedoch nur wenige, die die Zusammenhänge durchschauen. Dabei liegen sie offen zutage.

Da gibt es erstens den Zusammenhang zwischen Ökologie und Ökonomie. Wenn wir ein jährliches Wirtschaftswachstum von 1,4 % annehmen, wie es unsere Regierung anstrebt, erschreckt da nichtmal die Umweltschützer. Das erscheint harmlos. Die meisten Menschen freuen sich sogar, denn Wachstum ist ja gut. Machen wir uns aber klar, was das bedeutet, so sind das im Laufe von fünfzig Jahren 100 Prozent! Also doppelt soviel Straßen, Häuser, Fabriken, Autos, Kampflugzeuge. Doppelter Zuwachs (!) an Krankheitskosten, Unfallopfern, Sondermüll, Pestiziden, Ölverbrauch. Doppelte Vernichtung von Wiesen, Wäldern, Fischbeständen, Grundwasser, Atemluft. Gewiß, es bedeutet auch doppelten ›Wohlstand‹ – erkauft jedoch mit doppelt soviel Versicherungen, Steuern, Ärger, Kleinkrediten, Streß, Krankheit, Frust und doppelt soviel Hungertoten weit, weit weg. Sind wir am Ende doppelt so glücklich? Bringt uns das eine verdoppelte Lebensqualität? Eher wohl eine halbierte. Innerhalb einer Generation läuft es auf doppelten Konsum hinaus, bezahlt mit der Verdoppelung all der Scheiße, die mit dran hängt. Das ist nicht nur teuer bezahlt, das ist unbezahlbar. Denn die Natur interessiert sich weder für unseren Wohlstand noch für unsere Kontoauszüge. Ökonomie ist ihr egal, und sie kippt einfach um.

Natürlich sind das nur theoretische Zahlen. Nicht alles verdoppelt oder halbiert sich. Wenn ich mir aber meinen Straßenatlas hernehme und ihn mit dem aus meiner Jugend vergleiche, die gerade mal 25 Jahre zurückliegt, weiß ich, wohin die Reise geht.

Wie sehr unsere falsche Ökonomie auf die Ökologie wirkt, zeigt sich auch daran, daß jede Maßnahme des Umweltschutzes einzig und allein über die Argumentation mit Geld verwirklichbar scheint. Nur dann wird etwas unternommen, wenn es ›sich rechnet‹. Steuervorteile, Subventionen, Abschreibungen, inanzielle Anreize, Arbeitsplätze – das sind die Bonbons, die ausgelegt werden müssen, damit einiges wenigstens weniger schädlich gemacht wird. Daß sich Staaten unter Strafandrohung in Sexualpraktiken, die Ordnung auf Friedhöfen oder Bekleidungsvorschriften einmischen, erscheint uns normal. Das ist wirtschaftlich ja auch neutrales Terrain. Daß sie aber unter Strafandrohung verbieten, daß wir unsere Atmosphäre in ihre Bestandteile zerlegen, ist offenbar undenkbar. Das könnte ja wirtschaftliche Verluste bedeuten.

Wenn eine besonders gekonnte Währungsspekulation über Nacht den Dollarkurs um ein, zwei Prozentpunkte verändert oder die Weltbank ihre Leitzinsen anhebt, wachsen über Nacht auch die Schulden der Entwicklungsländer um etliche Milliarden. Kann man es den Regierungen von Ländern wie Indonesien, Zaïre, Brasilien oder den Philippinen verdenken, wenn sie daraufhin ihre letzten Wälder opfern, um das Holz zu verkaufen? Wir bezichtigen sie des ökologischen Raubbaus. Dabei folgen sie hierin nur den Regeln unserer Ökonomie, auf deren korrekter Einhaltung wir andererseits so viel Wert legen. Angesichts solcher Szenarien wird der anarchistische Slogan plausibel, der behauptet, in allen politischen Systemen sei die Unterjochung des Menschen die Ursache für die Zerstörung der Natur.

» … weil die amerikanische Wirtschaft zur Zeit eine Rezession durchlebt« – so lautete die Begründung eines amerikanischen Präsidenten, der seine Unterschrift unter ein Abkommen verweigerte, das die Ausrottung weiterer Tierarten verhindern sollte. Wenn wir uns die Bedeutung dieser Aussage klar machen, wird augenfällig, wie sehr wir alle – einschließlich der Mächtigen! – Gefangene ökonomischer Zwänge sind.

Würde eine ökologische Gesellschaft deshalb einen ›Rückfall in die Steinzeit‹ bedeuten, wie viele Menschen befürchten? Das ist Unfug, wenn nicht gezielte Stimmungsmache aus den PR-Agenturen der Atomindustrie. Weniger Konsum bedeutet nicht automatisch weniger Lebensqualität und Wohlstand. Elektrischer Strom und Reiseverkehr, Konsumgüter und Unterhaltung, Transport, Genuß und Kommunikation – all das läßt sich natürlich auch ökologisch verträglich herstellen. Die Lichter würden mit Sicherheit nicht ausgehen, die hirnlose Verschwendung allerdings hätte ein Ende. Aber – und das ist bitte nur ein Gedankenspiel! – selbst wenn wir keinen Strom mehr hätten, sollten wir nicht annehmen, daß das Leben verlöschen würde … In Deutschland wurden die letzten Gemeinden in den dreißiger Jahren elektriiziert, die ersten Städte achtzig Jahre zuvor. An all diesen Orten haben vorher tatsächlich Menschen ohne Strom gelebt! War deren Leben nicht lebenswert, waren sie unglücklicher als wir? Viele Errungenschaften der Technik, ohne die wir uns heute »ein Leben nicht mehr vorstellen können«, gibt es auf der meterlangen Meßlatte menschlicher Zivilisation erst auf den letzten Millimetern. Die Behauptung, ohne sie könnten wir nicht mehr leben, ist einfach lächerlich. Sollten wir nicht fähig sein, auf einiges zu verzichten, wenn der Preis dafür kollektiver Selbstmord wäre? Wie gesagt: Elektrizität bliebe uns durchaus erhalten. Auch ich will nicht auf einen Kühlschrank verzichten oder im Winter frieren! Ein Weniger an Konsum aber kann für unser Leben durchaus ein Mehr an Qualität bedeuten. Einschränkung jedoch ist unumgänglich.

Es ist augenfällig, daß die logischen Folgen unseres Wirtschaftssystems an die Grenzen der Natur stoßen. Kapitalorientierte Wirtschaft muß wachsen, sonst funktioniert sie nicht. Natur aber kann nicht ›wachsen‹, sie beindet sich in einem Gleichgewicht: nichts ist unendlich, nichts unbegrenzt vorhanden. Eine Weile hält die Natur unser Wachstum aus, und das tut sie schon ziemlich lange. Aber das Wachstum hat Grenzen.

Wenn das so ist, können wir daraus nur den Schluß ziehen, daß Ökonomie, so wie sie ist, mit Ökologie nicht zusammenpaßt.

Zweitens gibt es den Zusammenhang zwischen Herrschaft und Ökologie. In den Büchern der Genesis spricht Gott zu den Menschen und gibt ihnen den Auftrag, recht fruchtbar zu sein, sich zu vermehren, die Erde zu füllen, zu unterwerfen und zu beherrschen samt aller Natur – einschließlich der »Fischbrut der Meere und den geiederten Tieren des Himmels«. Die Menschen des christlichen Abendlandes haben dies in aller Regel als Blankovollmacht zu rücksichtsloser Ausbeutung und Unterdrückung verstanden. Von dieser autoritär-patriarchalen Lesart zehrt unsere Staatlichkeit bis auf den heutigen Tag. Die Idee der Herrschaft über die Natur aber scheint zur Lebenslüge und Sterbensphilosophie unserer Zivilisation zu werden. In der Natur gibt es ein solches Prinzip nicht, oder, falls wir den Menschen mit seiner Zivilisation dazurechnen wollen: es ist ein beispielloser Vorgang. Kein anderes Lebewesen hat bisher die Tendenz gezeigt, lächendeckend alle anderen Lebewesen zu beherrschen und zu unterdrücken. Daß der Löwe »König der Tiere« genannt wird, ist eine alberne menschliche Projektion. Eine systematische und allumfassende Unterwerfung kennt nur der Mensch. Gewiß gibt es in der Natur Hierarchien, aber die Natur funktioniert nicht nach dem Prinzip der Unterwerfung aller anderen Strukturen unter eine einzelne Struktur. Natur ist vielfältig und parallel organisiert. Nur so indet sie zu ihrem chaotischen, aber stabilen Gleichgewicht. Jede Hegemonie* einer Struktur, ihre Herrschaft über alles andere, würde dieses Gleichgewicht zerstören.

Drittens den Zusammenhang zwischen Zentralismus und Ökologie. Natürliche Kreisläufe sind sehr effektiv, manchmal weltumspannend oder auch winzig klein. Sie neigen aber nicht zur Zentralisierung, sie sind dezentral. Jeder funktioniert für sich in einem geschlossenen System, verschiedene Systeme aber sind untereinander vielfältig vernetzt und letztlich hängen alle auf irgendeine Art zusammen. Die Knotenpunkte solcher Netze sind zwar zentrale Schaltstellen, aber sie funktionieren nicht hierarchisch, sondern wirken stets in alle Richtungen. Interaktion* bestimmt die ›Grammatik‹, die zwischen Lebewesen, Mineralien, Biotopen* und Biosphäre* besteht.

Solche Zusammenhänge gehen weit über den grünen Punkt, die Abgassonderuntersuchung und die Wahl des richtigen Spülmittels hinaus. In unserem von Umweltproblemen bedrängten Alltag scheinen sie sehr weit hergeholt, zum Verständnis von Ökologie sind sie jedoch wichtig – vor allem zur Findung einer ökologischen Alternative.

Ich habe die Behauptung aufgestellt, die Natur würde im Zweifelsfalle den Menschen eher überleben als daß der Mensch ohne Natur auskäme. Ich kann das nicht beweisen und hoffe inständig, daß es nie bewiesen werden möge! Aber es ist wahrscheinlich, und alle Erfahrung spricht dafür, daß auch, wenn der Mensch seine Lebensgrundlagen zerstört und ausstirbt, irgendeine Art von Leben weiterbestehen, sich entwickeln und wieder ein Gleichgewicht inden würde.

Aber warum?

Weil die Natur anders organisiert ist als die menschliche Zivilisation und sich dadurch besser anpassen kann. Die heutige Gesellschaft ist zentralistisch, hierarchisch, uniform, expansiv, zerstörerisch und dominant. Natur ist das genaue Gegenteil: dezentral, vernetzt, chaotisch, lokal, schöpferisch und interaktiv.

Kommt uns das nicht bekannt vor?

Ohne Frage ist Natur ihrer Struktur nach an-archisch. Aber Vorsicht! Natur ist nicht anarchistisch und Anarchismus ist nicht natürlich. Platte Gleichsetzungen helfen hier nicht weiter, und die krampfhaften Versuche mancher Anarchisten, mit brachialen* Verbiegungen eine soziale Idee mit Naturphänomenen in Deckung zu bringen, sind nachgerade peinlich. Anarchismus ist ein gesellschaftliches Phänomen, das auf eine andere Organisation der menschlichen Zivilisation abzielt. Nicht mehr. Soziale Phänomene mit ›Natur‹ gleichzusetzen ist Unsinn. Anarchie will nicht die Natur kopieren, sondern das Leben der Menschen anders organisieren. Es geht um etwas ganz anderes; Man darf vermuten, daß die Struktur der Anarchie der Struktur der Natur angemessener wäre. Beide könnten wahrscheinlich besser miteinander auskommen als dies mit unserer jetzigen Zivilisation der Fall ist. Das ist alles, aber genau besehen nicht gerade wenig.

Geschichte

Diese augenfällige Afinität* zwischen Anarchismus und Ökologie gab es natürlich schon lange bevor der deutsche Naturwissenschaftler Ernst Haeckel den Begriff »Ökologie« einführte – ein Wort, das sich übrigens erst in den letzten Jahrzehnten endgültig durchgesetzt hat. Im Anarchismus war das Verhältnis zwischen sozialer Utopie und Natur, die Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt, von Anfang an ein großes Thema, das immer wieder in Ideen und Taten einloß.

Der französische Anarchist Elisée Reclus (1830-1905) war einer der ersten Geographen, der die Oberläche der Erde nicht als Landkarte betrachtete, die von Staatsgrenzen, Bodenschätzen und topographischen* Daten bestimmt war. Für ihn waren Natur, Mensch und soziale Organisation untrennbar miteinander verbunden. Neben einer sehr populären neunzehnbändigen Geographie hinterließ er mit seinen Hauptwerken »Evolution und Revolution« und »Der Mensch und die Erde« erste geschlossene Gedankengebäude, die wir heute als ökologisch bezeichnen würden.

Reclus war eng mit Peter Kropotkin (1842-1921) befreundet, der als Geologe weltweite Anerkennung genoß, als Naturwissenschaftler und Anarchist aber rasch die engen Grenzen seiner Disziplin sprengte. Genaue Naturbeobachtungen auf ausgedehnten Reisen verband er – für damalige Zeiten unerhört – mit historischer Forschung und sozialphilosophischen Gedanken. So entstand ein Buch, das wir heute sehr wahrscheinlich dem Bereich der ›Verhaltensforschung‹ zuordnen würden, und das 1902 unter dem Titel »Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt« erschien.

Kropotkin zeigt auf, daß in der Tierwelt neben Konkurrenzkampf und Hierarchie in ebenso großem Maße auch die gegenseitige Hilfe als natürliches Prinzip vorkommt und beim Überleben der Art eine entscheidende Rolle spielt. Solidarität sei also weder eine Erindung des Menschen, noch gar ›unnatürlich‹. Er ergänzt diese Überlegung durch Beispiele aus der menschlichen Sozialgeschichte: Auch hier habe stets Hierarchie parallel zur Solidarität existiert; Unterdrückung und gegenseitige Hilfe lägen dabei in einem ständigen Kampf miteinander. Aber auch Kropotkin setzt Natur nicht mit Anarchismus gleich, er zieht lediglich Analogieschlüsse: Ihm zufolge sind Herrschaft und gegenseitige Hilfe antagonistische* Verhaltensmuster, die in allen Lebewesen angelegt seien. Der Mensch sei ein soziales Wesen, das sich in Zivilisationen organisiert. Wenn in der menschlichen Zivilisation seit vielen tausend Jahren Konkurrenz als höchster ethischer Wert gefördert, belohnt und gepriesen wurde und eine Kultur der Herrschaft hervorbrachte, so müßte sich in einer Gesellschaft, deren höchster ethischer Wert gegenseitige Hilfe ist, mit der Zeit Herrschaftslosigkeit durchsetzen können. Auch andere Überlegungen Kropotkins, etwa die dezentralen Föderationen von Dorf-, Industrie- und Handwerksverbänden, zeigen eine überraschende Ähnlichkeit mit ökologischen Projekten und Vorstellungen unserer Tage.

Auch das Problem des Bevölkerungswachstums wurde in anarchistischen Kreisen sehr früh in seiner sozialen und ökologischen Bedeutung erkannt. Im Gegensatz zu völkisch-rassistischen Gruppen, die das Thema im Sinne einer Unterwerfung und Dezimierung ›minderwertiger Rassen‹ durch sogenannte ›Herrenrassen‹ ausschlachteten, wiesen Anarchisten darauf hin, daß eine Überbevölkerung sowohl das Funktionieren einer libertären Utopie als auch die Harmonie dieser Gesellschaft mit der Natur gefährden könnte. Eine Reduzierung der Menschheit aber dürfe nur durch Geburtenbeschränkung erreicht werden, und die müßte freiwillig sein. Antworten suchten sie vor allem in der Praxis. Die Bewegung der NeoMalthusianer war vor dem Ersten Weltkrieg in anarchistischen Kreisen sehr populär und wurde entscheidend von ihnen mitgetragen. Der britische Nationalökonom Robert Malthus (1766-1834) hatte als Erster auf die Gefahren eines exponentiellen Wachstums der Bevölkerung hingewiesen und Elend und Hungerkatastrophen vorausgesagt. Seither war viel Zeit vergangen, und man hatte erkannt, daß sich Malthus‘ Voraussagen eher in Armuts- als in Wohlstandsgesellschaften erfüllten – eine Beobachtung, die sich seither übrigens bestätigt hat. Der praktische Ansatz der Neo-Malthusianer war die freiwillige Geburtenkontrolle durch Verhütung – ein Unterfangen, das bei Staat und Kirche auf heftigen Widerstand stieß. Der anarchistische Arzt Eugène Humbert etwa entwickelte die Vasektomie, eine reversible* Sterilisation des Mannes. Sie sollte den Frauen die Bürde der Empfängnisverhütung nehmen und den Mann in die Verantwortung mit einbeziehen. Diese Idee, sofort verbunden mit den Vorstellungen von freier Liebe und Sexualität, wurde in anarchistischen Kreisen begeistert aufgenommen, kräftig propagiert und praktisch angewandt. Die Bewegung wurde jedoch rasch kriminalisiert, und viele Neo-Malthusianer wanderten in die Gefängnisse. Dort fand auch Eugène Humbert den Tod. Die Vasektomie jedoch hat alle Verfolgungen überdauert und erfreut sich heute auch in Deutschland und den USA wieder wachsender Beliebtheit. 112Nun war all das aber noch kaum ›Ökologie‹ im heutigen Sinne. Das Ausmaß der Naturzerstörung durch die industrielle Gesellschaft, die Verknappung der Ressourcen und die Empindlichkeit des Naturgleichgewichts zeichneten sich noch nicht so stark ab und standen deshalb nicht im Mittelpunkt des Interesses. Wer aber meint, Ökologie sei ein Thema, das die Menschen erst seit zwanzig Jahren beschäftigt, muß sich eines Besseren belehren lassen:

Einen Wendepunkt im Verhältnis Mensch-Natur stellt der Erste Weltkrieg dar. Nach 1918 können wir in vielen Ländern, besonders in Deutschland, ein wachsendes Naturbewußtsein feststellen, in dem nun auch zunehmend globale Zusammenhänge erkennbar werden. In einer bunten Bewegung, an der Paziisten und Bohèmiens, Gewerkschafter und Naturromantiker, Vegetarier, Genossenschafter, Vagabunden, Siedler, Handwerker, Künstler, Landwirte und zivilisationsmüde Propheten aller Couleur teilnehmen, erschüttert die technische Fortchrittsgläubigkeit der Jahrhundertwende und rückt die Natur wieder in den Mittelpunkt des Interesses. In dieser Bewegung spielen anarchistische Ideen eine bedeutende Rolle. Neu war auch, daß vermehrt das praktische Experiment in den Vordergrund rückte. Über Mensch und Natur wurde nicht mehr nur philosophiert, es wurden konkrete ›Modelle der Tat‹ ausgedacht, gelebt und angeboten. Diese Ansätze sollten aufzeigen, daß ein anderes Leben möglich sei, und daß es hier und heute begonnen werden könne. Vielfach blieb es jedoch eher bei Symbolen, als daß konkrete Strategien für Umsturz und Umbau der Industriegesellschaft entwickelt wurden. Da gab es Siedlungsbewegungen, die sich auf Gustav Landauers Sozialistischen Bund beriefen, Landbesetzungen proletarischer Jugendlicher, Wandergruppen und Ferienkolonien, gewaltfreie Revolutionäre, die sich auf Gandhi bezogen und sogar eine Art früher ›Stadtindianer‹. In vielen dieser paradigmatischen Lebensexperimente läßt sich eine überraschend klare ökologische Analyse nachweisen. Der Ökoanarchist Paul Robien, der bei Stettin eine »Naturwarte« betrieb, sprach bereits 1929 von Ölpest, vergifteten Wäldern und Atomkrieg, wofür er damals allerdings ungläubigen Spott erntete. Der schillernde Wanderprediger und Egomane* Ludwig-Christian Haeusser griff sehr erfolgreich das Thema Zins und Inlation auf, und forderte eine Bodenreform, was ihm eine große Anhängerschaft und den Beinamen »Inlationsheiliger« einbrachte. ›Vagabunden‹ wie Willy Ackermann mobilisierten über zwei Millionen zivilisationskritische Aussteiger, die über die Landstraßen wanderten. Naturreligiöse Vegetarier vom Schlage eines Gusto Gräser übten einen nachhaltigen Einluß auf Künstler wie Hermann Hesse oder die Maler der Worpsweder Künstlerkolonie aus.

Zum ersten Mal setzte sich nun auch in der anarchistischen Bewegung in großem Maßstab der Zweifel am industriellen Fortschritt fest, um den Gedanken an ökologischen Naturschutz in den Vordergrund treten zu lassen. Die Arbeiterbewegung tat sich hiermit naturgemäß schwer und hing in der Regel weiter dem proletarischen Fortschrittsoptimismus an. Leider erkannten beide Strömungen nicht die Chancen zu einem gemeinsamen Vorgehen. Diese ›sanfte Revolution‹ war natürlich noch weniger in der Lage, dem erstarkenden Faschismus Einhalt zu gebieten als die straff organisierte Arbeiterschaft. Hitler, der sich seinerseits erfolgreich eines verkitschten Naturmythos bediente, setzte all dem ein Ende. Nach 1945 brach in Sachen Ökologie zunächst eine lange Zeit der Leere an, die erst nach der antiautoritären Studentenrevolte von 1968 wieder mit neuem Leben gefüllt wurde.

Im Gefolge der ’68er Revolten, die wie ein weltumspannendes Lauffeuer die starren Formen der Nachkriegsgesellschaft knackten, entstanden schon in den frühen 70er Jahren Bewegungen, die – teils reformistisch, teils revolutionär – die Frage der Ökologie in den Mittelpunkt des Bewußtseins der Menschen rückten. Auslöser waren einerseits alarmierende Studien wie die vom Club of Rome vorgestellten »Grenzen des Wachstums«, andererseits der konkrete Widerstand gegen ökologisch bedrohliche Vorhaben wie Atomenergie, Wohnraumzerstörung, das Waldsterben, Mülldeponien, den Bau von Großprojekten oder die Bedrohung bestimmter Landschaften und Tierarten. Hieraus entstanden in vielen Ländern zeitweilig wahre Massenbewegungen, in Deutschland insbesondere da, wo sich in den 80er Jahren Aktionsfelder wie Antimilitarismus und Antiatomkampf zu einer ökologisch motivierten Friedensbewegung gegen die Rüstung verbanden.

Die gerade erst wiedererwachte und vergleichsweise schwache anarchistische Strömung in Deutschland konnte natürlich nicht verhindern, daß die Ausrichtung dieser Ansätze im Wesentlichen reformerisch blieb und letztendlich im umweltschützlerischen Parlamentarismus der Grünen versandete. Andererseits ist die Rolle, die Anarchisten und libertäre Ideen in dieser Bewegung spielten und spielen, nicht zu unterschätzen, auch wenn sie nicht immer erkennbar unter diesem Etikett auftrat. Sie folgte hauptsächlich zwei Strängen: Zum einen die radikale und militante Protestbewegung, die an punktuellen Kämpfen ansetzte und sich vor allem auf die Form des direkten Widerstandes konzentrierte. Ihre Aktionen trugen zwar dazu bei, gewisse Großprojekte eine Zeitlang zu behindern und die Probleme in die Medien zu bringen; ihr ständiger Aktionismus jedoch führte zu rascher sozialer Isolierung und einer atemlosen Kampfmentalität, die sich schließlich im Ghetto der Scene einigelte. Der andere Strang war von vornherein breiter angelegt und zielte darauf ab, konstruktive Elemente und anarchistische Essentials einzubringen. Auf ideologische Reinheit und entsprechende Rituale wurde dabei wenig Wert gelegt, und im allgemeinen agierte man hier gewaltfrei. Als besonders stabil und nachhaltig prägend erwies sich dabei die nach ihrer Zeitschrift benannte »Graswurzel«-Bewegung, die heute in ganz Deutschland mit einer »Föderation gewaltfreier Aktionsgruppen« vertreten ist.

Anfänglich waren diese beiden Stränge noch miteinander verwoben und nicht klar voneinander zu unterscheiden. Über solch hoffnungsträchtigen Bewegungen wie etwa der Bauplatzbesetzung in Wyhl, der »Freien Republik Wendland« oder dem Hüttendorf an der Frankfurter Startbahn West bis hin zu den großen Protesten gegen das Atomlager in Wackersdorf in den achtziger Jahren, wehten die schwarzen, schwarzroten, grünen und bunten Fahnen noch einträchtig nebeneinander. Auf Dauer aber behauptete sich die breiter angelegte Strömung, während die reinen Militanzbewegungen jedesmal in sich zusammenielen, sobald der konkrete Anlaß nicht mehr bestand. Sie bereitete auch den Boden, auf dem heute neue, vorausschauende libertär-ökologische Strategien aufzubauen versuchen.

Natürlich waren und sind all das keine rein deutschen Phänomene; es würde jedoch zu weit führen, an dieser Stelle auch auf andere europäische Länder einzugehen oder die Analogien in Amerika, Australien und Asien vorzustellen.

Aus den USA kamen indes praktisch wie theoretisch immer wieder wichtige Impulse für ökologische Protestbewegungen, zivilen Ungehorsam und militanten Paziismus. Nordamerikaner ist auch der derzeit namhafteste Theoretiker des Ökoanarchismus, Murray Bookchin. Er sieht praktische Schritte zur Erreichung eines ökologischen »Anarchismus der Nach-Mangelgesellschaft« am ehesten im Modell des libertarian municipalism*. Hinter diesem schwierigen Wort verbirgt sich eine Vernetzungsidee von Menschen, Initiativen und Projekten, die über ein Engagement in den Strukturen lokaler Verwaltungsgremien einen Prozeß der Gesellschaftsveränderung in Gang setzen soll. Dieses streng auf regionale Bereiche begrenzte Modell zielt auf einen ökologischen Umbau ab und fußt auf basisdemokratischen Versammlungen. Entsprechende Ansätze in der kommunalen Politik sollen gestärkt und verankert werden, wobei man sich von der Erfahrung aus konkreten Schritten und realen Experimenten gleichzeitig eine Bewußtseinsänderung der Menschen verspricht.

Versuch einer praktischen Synthese

Solche Tendenzen sind im Anarchismus seit den 80er Jahren weltweit spürbar und haben ›frischen Wind‹ in die von verstaubten Dogmen und ghettohafter Abkapselung heimgesuchte libertäre Bewegung gebracht. Was den ökologischen Aspekt angeht, so versucht besonders eine Strömung, die uns unter dem Namen »Projektanarchismus« noch öfter begegnen wird, eine Art Synthese von ökologischem Umbau, libertärer Ethik und alternativer Ökonomie. In solchen Projekten könnte das ökologische Moment vielleicht die bloße radikale Kritik überwinden und in der Praxis greifen, ohne notwendigerweise in umweltschützenden Reformismus zu verfallen. Nach Meinung seiner Anhänger sollten solche praktischen Ansätze zunehmend die reinen ›Betroffenheitsgesten‹ ablösen, die in der ›Öko-Szene‹ so weit verbreitet sind. Darum werden hier zum Beispiel ökologische und technologische Alternativen entwickelt, gebaut, benutzt, vorgeführt und auch vermarktet. Die Tatsache, daß solche Projekte eine wirtschaftliche Basis in Form von selbstverwalteten Betrieben haben, die ihrerseits politische und kulturelle Initiativen mitinanziert, dürfte der Tendenz entgegenwirken, lediglich ökologischen Moden zu folgen oder den entsprechenden Markt zu bedienen. All dies zusammen fördert gewiß die Überwindung der Ghettosituation, in der ökologisch bewegte Menschen von Außenstehenden nur allzuoft als ›spinnerte Heilige‹ wahrgenommen werden. Die Menschen in solchen Projekten setzen auf die zahllosen sozialen Kontakte, bei denen sie ihre andere, komplexere Wirklichkeit zu vermitteln hoffen: Tag für Tag würden dabei Menschen angesprochen, denen ein solches Leben sonst verrückt und utopisch vorkäme. Nur im vorgelebten Beispiel könne klargemacht werden, daß Ökonomie, Ökologie und soziale Organisation miteinander zu tun haben: Kunden und Freunde, Nachbarn und Neugierige erlebten praktisch, daß in diesen Projekten ohne Chefs durchaus effektiv gearbeitet werde. Man könne sehen, wie Menschen sich gegenseitig helfen, und das Leben dadurch eine andere Qualität bekäme – jene bunte Vielfalt und Lebendigkeit, die in unseren Städten zunehmend verloren geht. Schließlich würden auch die Unterschiede zwischen Geldverdienen, Politik und Spaß mehr und mehr verwischen. Das alles, so die These, sei ein durch und durch ökologischer Ansatz und könne auf Dauer zweifellos subversiv sein.

Konsequent kann ein ökologisches Projekt aber nur sein, wenn es auch etwas gegen die Wurzeln ökologischen Übels tut. ›Umweltschutz‹ ist nicht das Aufsammeln leerer Colabüchsen, sondern etwas dafür zu tun, daß es keine Colabüchsen mehr zu geben braucht. Darum versuchen diese Pioniere libertärer Projekte, andere Wirtschaftsformen zu praktizieren. So machen sie sich nicht vom Staat und seinen Geldern abhängig und vertrauen lieber auf ihre 115eigene Kraft, wobei sie – im doppelten Sinne des Wortes – »alternative Energien« entwickeln. In ihren Betrieben vergeuden sie kein Material, arbeiten umweltverträglich, und wenn sie bauen, dann selbstverständlich sparsam, biologisch und mit natürlichen Materialien. Mit alldem zeigen sie, daß ein ökologisch orientiertes Leben nicht nur möglich, sondern auch lebenswert ist. Untereinander kann damit begonnen werden, den Geldverkehr zu reduzieren und Leistungen auszutauschen. Das Leben einschließlich der Betriebe ist dabei selbstorganisiert, man hilft sich gegenseitig und für verschiedene Arbeiten werden gleiche Löhne ausgezahlt, die in jedem Betrieb die Belegschaft selbst festlegt.

Schließlich praktizieren solche Projekte damit indirekt auch eine andere Politik, und zwar in ihrem Alltag: indem sie Chefs weder brauchen noch haben und ihre Probleme demokratisch besprechen, anpacken und lösen. Sie suchen dabei keine Mehrheitsentscheidungen, sondern den Konsens und mischen sich direkt in ihre soziale Umgebung ein. Kurz: Sie trachten danach, Selbstorganisation, gegenseitige Hilfe und menschliche Umgangsformen in allen Lebensbereichen zu verwirklichen.

All diese vielfältig verwobenen Verhaltensweisen, die solche Projekte auszeichnen, vermeiden Zentralismus, Hierarchie, Konzentration, Ressourcenverbrauch, Gigantomanie und Herrschaft von Menschen über Menschen. Dies hat mit Ökologie mindestens ebensoviel zu tun wie die Verwendung biologisch einwandfreier Wandfarbe.

Fazit

Jürgen Dahl schreibt, angesichts des sozialen und ökologischen Wahnsinns, gleichnishaft über unsere Gesellschaft: »Es geht nicht mehr um die Reparatur der Maschinen, sondern um die Schließung der Fabrik.« Und er fährt fort: »Wenn es für die Wissenschaftler noch etwas zu tun gibt, dann eben dies: daß sie anfangen, darüber nachzudenken, wie man aufhören könnte.«

Aber wer denkt schon ans Aufhören? Nicht einmal die, die den ökologischen Durchblick von Hause aus haben sollten, die Grünen. Sie scheinen zunehmend dabei mitwirken zu wollen, wie es trotz allem weitergehen kann. In libertären Projekten versucht man immerhin, mit dem Aufhören ernst zu machen und begibt sich auf die Suche nach praktischen Wegen, wie es danach weitergehen könnte. In einem radikal anderen Ansatz, aber machbar.

Ein solcher Weg kann nur an den Wurzeln ansetzen.

Alle Wurzeln der ökologischen Krise aber liegen in unserem Wirtschafts- und Politiksystem. Unser aller Einstellung zu Natur, Umwelt, Konsum und Ausbeutung sind hiervon nur die folgerichtigen Ergebnisse. Darum versteht sich der Anarchismus nicht als auch ökologisch, sondern als notwendigerweise ökologisch – geradeso wie er sich als ökonomisch, politisch, sozial und kulturell verstehen muß.

Literatur:
Gerald O. Barney (Hrsg.) i. Auftr. d. US-State-Department/US-Council of Environmental Quality: Global 2000.
Der Bericht an den Präsidenten Frankfurt/M. 1981 (28. Aul.), Zweitausendeins, 1508 S. + Anhang, ill.
Jürgen Dahl: Die Verwegenheit der Ahnungslosen Stuttgart 1992, Klett-Cotta, 155 S.
Reiner Klingholz: Wahnsinn Wachstum Hamburg 1994, Gruner+Jahr, 271 S., ill.
Ernest Callenbach: Ökotopia Berlin 1978, Rotbuch, 122 S.
Peter Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt Frankfurt/M. 1976, Ullstein, 555 S.
Elisee Reclus: Evolution und Revolution Berlin 1977, Libertad, 50 S.
Ulrich Linse: Ökopax und Anarchie – Eine Geschichte der ökologischen Bewegungen in Deutschland München 1986, dtv, 192 S., ill.
Rolf Cantzen: Freiheit unter saurem Regen – Überlegungen zu einem libertär-ökologischen Gesellschaftskonzept Berlin 1984, Clemens Zehrling, 78 S.
ders.: Weniger Staat – mehr Gesellschaft – Freiheit, Ökologie, Anarchismus Frankfurt 1987, Fischer, 264 S.
Murray Bookchin: Die Formen der Freiheit – Aufsätze über Ökologie und Anarchismus Wetzlar 1977, Büchse der Pandora, 142 S.
ders.: Natur und Bewußtsein Wilnsdorf 1982, Winddruck, 80 S.
ders.: Die Ökologie der Freiheit – Wir brauchen keine Hierarchien Weinheim 1985, Beitz, 451 S.
Cornelia Wicht: Der ökologische Anarchismus Murray Bookchins Frankfurt/M. 1980, Freie Gesellschaft, 73 S.
Gunnar Seitz: Kriegsdienst und ökologische Verweigerung Kassel 1987, Weber Zucht & Co, 96 S. Peter Zitzmann: Die ökologische Bedingung der Entwicklung junger Menschen Grafenau 1989, Trotzdem, 250 S., ill.
Ulrich Beck; Der anthropologische Schock – Tschernobyl und die Konturen der Risikogesellschaft Bern 1988, Ed. Anares, 54 S.

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