Small is beautiful – die Idee der Vernetzung

»Zum anderen zeigt sich ein weiteres Phänomen in der Entstehung vielfältigster Organisationen, die den Menschen helfen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen
Dieses Phänomen ist zwar gegenwärtig nur in bescheidenen Ansätzen sichtbar, wird aber auf Dauer die Staatsmacht untergraben. Ja, ich denke, es gibt Grund zu hoffen!«

– Noam Chomsky –

Die meisten Menschen befällt die kalte Angst, wenn sie versuchen, sich Anarchie praktisch vorzustellen. Selbst, wenn sie anarchistische Ideen durchaus sympathisch inden, bleibt es schwer vorstellbar, wie an-archische Strukturen die vielfältigen Aufgaben einer Massengesellschaft bewältigen sollten. Die ängstliche Frage lautet meist: »Wie würden anarchistische Organisationsformen denn aussehen und können sie überhaupt funktionieren? Müßten wir dann nicht verhungern? Würde die Welt nicht im Chaos untergehen?«

Legitime Fragen, und Anarchisten täten gut daran, sie ernst zu nehmen. Oft neigen sie dazu, sich über die verängstigten Fragesteller lustig zu machen. Das hilft aber nicht.

Eine andere Struktur

Es wäre unfair, von heutigen Anarchisten genaue Pläne davon zu verlangen, wie alle Funktionen einer libertären Gesellschaft im Detail aussehen und funktionieren sollen. Ganz abgesehen davon, daß sie das aus guten Gründen auch gar nicht wollen würden , wäre dies ebenso grotesk, wie wenn man etwa von den Vorkämpfern der Französischen Revolution oder den Schöpfern der amerikanischen Verfassung im 18. Jahrhundert verlangt hätte vorauszusagen, wie in unseren republikanisch-demokratischem Gesellschaften heute das Postwesen, die Arbeitslosenversicherung oder die Güterproduktion funktionieren solle.

Am Beginn einer jeden umwälzenden gesellschaftlichen Idee steht eine neue Struktur, die sich erst in der gesellschaftlichen Realität mit Inhalten füllt. Das ist beim Anarchismus nicht anders. Anders ist, daß sich libertäre Strukturen von den herkömmlichen grundlegend unterscheiden, und daß sie in einen Prozeß münden sollen, der niemals in einer neuen, starren Struktur sein Ende inden darf: Libertäre Gesellschaft ist wandelbar und vielfältig, der Weg ist gleichzeitig auch Ziel.

Die grundlegende Struktur des anarchistischen Gesellschaftsmodells ist eine Vernetzung von kleinen Einheiten.

Menschen identiizieren sich mit Dingen, die sie überschauen und verstehen. Je größer und unüberschaubarer gesellschaftliche Zusammenhänge sind, desto größer wird die Entfremdung zwischen Institution und Mensch. Unsere heutigen Systeme versuchen, solche Entfremdung zu neutralisieren, indem sie Eliten schaffen, deren Wirken in den meisten Ländern scheinbar legitimiert ist, weil die Delegation von Macht durch Wahlen erfolgt. Die Probleme, die aus der Entfremdung erwachsen, kriegen sie damit allerdings nicht in den Griff, sie verwalten sie nur. Eliten binden Macht, bilden Hierarchien, genießen Privilegien und entscheiden letztlich über das Schicksal aller Menschen. Der Blick in eine beliebige Tageszeitung wird uns davon überzeugen, daß sie das nicht einmal sehr erfolgreich tun. Eine solche Gesellschaft widerspricht in wesentlichen Punkten der anarchistischen Vorstellung von Freiheit. Es ist eine Gesellschaft, an der die meisten Menschen nicht teilnehmen. Also muß eine anarchistische Gesellschaft Strukturen bieten, an der möglichst viele Menschen teilnehmen. Dies wäre gegeben, wenn die Teilnahme einfach ist und letztlich sogar Freude bereitete, denn aktives Mitmachen in gesellschaftlichen Gebilden funktioniert, solange sie Befriedigung bringt. Befriedigung stellt sich ein, wenn das Engagement der Beteiligten Resultate zeitigt, die diese sehen, verstehen und nachvollziehen können. In genau diesem Maße wächst oder schwindet auch die Identiizierung mit einem sozialen System. In unseren Systemen entwickelt sich diese Identiizierung derzeit gegen Null.

Daher haben alle anarchistischen Gesellschaftsentwürfe stets darauf abgezielt, auf überschaubaren, kleinen Einheiten aufzubauen – was nicht heißen soll, daß sie dabei stehenbleiben. Solche sozialen Gebilde stellen sozusagen die kleinsten Einheiten dar, aus denen sich an-archische Gesellschaften zusammensetzen .

Ich habe schon darauf hingewiesen, daß diese ›kleinen Einheiten‹ sowohl aus geograischen, sachlichen, technischen, ideellen, ethischen oder ästhetischen Gründen entstehen können, ebenso wie aus gegenseitiger Sympathie oder reinen Gründen praktischer Vernunft; auch können zu gleicher Zeit auf gleichem Raum verschiedene Einheiten nebeneinander bzw. miteinander bestehen. Ich kann zum Beispiel gleichzeitig als Bewohner einem Rat meines Stadtviertels angehören, als Vater einer Gruppe, die eine freie Schule betreibt, als Genießer einer Vereinigung »Anarchie und Luxus«, als Schriftsteller einem gewerkschaftsähnlichen Berufsgremium, als verantwortungsvoller Mitmensch einem ökologischen Ausschuß, als Ästhet einer künstlerischen Bohème, als Journalist einer Zeitschriftenredaktion, als Kosmopolit* einer weltweiten Vereinigung von Esperantisten*, als Vielreisender einer Föderation, die die Fahrpläne der Eisenbahn ausarbeitet und so weiter …

»Aber, aber …« werden die Kritiker einwenden, »das können Sie doch hier und heute alles auch.« Und: »Ist das nicht ein bißchen viel Arbeit und Verantwortung auf einmal?« Oder: »Wieviele Menschen, glauben Sie, werden wohl so engagiert sein, und freiwillig Interesse für gemeinnützige Arbeiten aufbringen?!«

Versuchen wir, diese Einwände der Reihe nach zu beantworten.

Würden die Menschen mitmachen?

Gewiß kann ich mich zwar hier und heute durchaus auch in all diesen Bereichen engagieren (vorausgesetzt, ich lebe nicht in Staaten wie Birma, Kuba, China, Äquatorialguinea oder dem Sudan). Aber es gibt zwei entscheidende Unterschiede: Ich kann (sofern ich nicht zur Elite gehöre) bei all meinem Engagement nichts entscheiden und mein Engagement wird in der Regel auch nichts bewirken. Engagement ist bei uns ein Zeitvertreib, ein Ventil für Unmut, bestenfalls ein geduldetes Korrektiv für Arbeit, die sonst niemand machen oder bezahlen will. Die Entscheidungen aber fallen anderswo: im Machtapparat. In einer an-archischen Gesellschaft hingegen wären eben diese ›kleinen Einheiten‹ Träger der Meinungsbildung, der Lösungssuche, der Konsensindung* und gleichzeitig der Entscheidung, Durchführung und Korrektur von Beschlüssen. Die an-archische Gesellschaft ist das Zusammenspiel dieser ›kleinen Einheiten‹. Es gibt keinen Machtapparat, kein bürokratisches Eigenleben, keine Eliten über ihnen. Stattdessen gäbe es ein System von Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Selbstverwaltung, getragen von der Verbindung, Zusammenarbeit und Konsensfähigkeit vieler solcher ›kleinen Einheiten‹. Eine solche Verbindung nennen wir Netzwerk.

Ob die Menschen in einem solchen System nicht unter der Überlastung zusammenbrächen, oder ob das System nicht durch das Desinteresse der Menschen versagen müßte, ist eine interessante Frage.

Zunächst einmal möchte ich der beeindruckenden Liste von vorhin, in der ich einige Möglichkeiten meines Engagements in einer libertären Gesellschaft aufzählte, eine wichtige Variante hinzufügen: Selbstverständlich hätte ich als desinteressierter oder auch nur als fauler Mensch das Recht zu sagen: »Ich engagiere mich für gar nichts!« Anarchie beruht auf Freiwilligkeit; erzwungene Teilnahme wäre kein Engagement, sondern Knechtschaft und selbstverständlich gibt es auch ein »Recht auf Faulheit«.

Die anarchistische Gesellschaftstheorie spekuliert nun aber darauf, daß, weil sich die Menschen in solchen kleinen Einheiten direkt einbringen können, die Entfremdung gering bleibt und die Identiikation wächst. Wenn sich aber viele Menschen an sozialen Prozessen beteiligen, sinkt in gleichem Maße die Belastung des Einzelnen. Machen genügend Menschen mit, wäre Selbstverwaltung keine zusätzliche Bürde mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit, die nicht irgendwann ›nach Feierabend‹ stattfände, sondern ständig und automatisch in allen Bereichen des Lebens. Sie wäre zu einem Bestandteil von Arbeit und Alltag geworden. So wie der Mensch es heute gewohnt ist, Anordnungen zu bekommen, könnte er es lernen und sich daran gewöhnen, selbst mitzuentscheiden.

Auf diese Weise bekäme die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben eine andere Qualität: sie würde nicht nur erträglich, sondern fast schon zu einer Art Befriedigung. Das setzt natürlich voraus, daß auch die Themen, Formen und Rahmenbedingungen anders aussähen als bisher üblich. Ich kann mir kaum vorstellen, daß ich auf Dauer unter den Bedingungen dieser Gesellschaft Lust hätte, mich etwa nach acht Stunden ermüdender Arbeit in einem geisttötenden Job während meiner Freizeit noch um die Belange meines Stadtteils zu kümmern. Da wäre ich wohl eher froh, wenn sich da ›ein Amt‹ drum kümmerte. Aber diese Rahmenbedingungen sollen ja in einer libertären Gesellschaft ebenfalls spürbar andere sein.

Wenn wir uns heute soziales Engagement vorstellen, denken wir automatisch an Vereine, Parteien, Interessenverbände, Bürgerinitiativen und ähnliches. Dort besteht das frustrierende Tagesgeschäft in Bürokratie, Auseinandersetzung mit Behörden, Vereinsklüngelei und eng gesteckten Grenzen von ›Zuständigkeit‹. Unser gesamtes Leben ist säuberlich portioniert und in dutzende ›Bereiche‹ zerlegt, und über jeden Bereich wacht zu guter Letzt irgendein Amt. Der Anarchismus hingegen zielt auf eine globale Organisation des Lebens, in der der Mensch und seine gesellschaftliche Wirklichkeit als etwas Ganzes gesehen wird. Leben, Arbeit, Spaß und Freizeit sollen nicht länger künstlich getrennt bleiben. Das hätte zur Folge, daß Menschen, die sich in einer dieser ›kleinen Einheiten‹ mit irgendetwas beschäftigten, sich nicht für ein abstraktes Ziel abrackerten, das mit ihnen direkt wenig zu tun hat. Sie kümmerten sich vielmehr um Dinge, die ihr eigenes Leben ganz direkt, ganz konkret und ganz im Sinne ihrer Wünsche und Vorstellungen beeinlußten. Sie täten das am Arbeitsplatz und zu Hause, in der Nachbarschaft und in speziischen Gruppen. In vielen Fällen brauchte es dazu nicht einmal eine feste Struktur oder ein besonderes Treffen – es würde zu einer Handlungsroutine im Alltag. Dem Menschen wäre der direkte Zugriff auf alle Bereiche seines Lebens zurückgegeben. Die Bereiche, in denen ich mich als »aktiver Menschheitsbürger« in einem solchen System engagieren könnte, beträfen demnach meine Arbeitswelt ebenso wie mein Vergnügen, meine Wohnsituation wie meine Gefühle, meine Ernährung wie mein persönliches Glück oder meine soziale Sicherheit. Das hätte etwas mit meiner Lebensqualität zu tun und mit der anderer Menschen.

Triebkraft menschlichen Engagements in einer libertären Gesellschaft wäre also in gewissem Sinne ein sozialer Egoismus*. Diese Art von »Egoismus« jedoch scheint mir der ehrlichste und gesündeste Impuls, den ich mir denken kann.

Natürlich glauben auch Anarchisten nicht, daß sich in ihrer Gesellschaft alle Menschen engagieren. Das wäre auch nicht nötig. Wichtig ist zweierlei: Daß alle Menschen sich einbringen können, und daß genug sich einbringen würden. Man kann Desinteresse nicht ›verbieten‹, höchstens Interesse wecken! Diese Betrachtungsweise ist zwar pragmatisch, aber in dem Moment, wo der Anarchismus den Elfenbeinturm der reinen Theorie verläßt, muß er selbstverständlich pragmatisch denken, was ihm gewiß nicht schadet. Daß alle Menschen gleichermaßen überzeugt, begeistert und engagiert sein müssen, damit eine libertäre Gesellschaft funktioniere, ist übrigens ein frommes anarchistisches Märchen; schlimmer noch: es ist unanarchistisch. Ganz einfach deshalb, weil eine solche Vorstellung dem Wesen des Menschen und seiner Verschiedenheit nicht Rechnung trüge, sondern ihm eine Ideologie überstülpen würde. Jedes System aber, das auf hochmotivierte ›Heilige‹ setzt und ›Mitläufer‹ verachtet, muß scheitern.

Im übrigen ist auch der einzelne Mensch kein statisches* Wesen. Jeder durchlebt Phasen von Aktivität und Rückzug, Begeisterung und Resignation. Das würde einem an-archischen System auch nicht schaden, da es auf einen ständigen Wechsel von Menschen bestens eingestellt ist, denn es brauchte immer weniger den Typ der ›lebenslänglichen Fachleute‹. Daß auf diese Weise immer mehr Menschen sich Fähigkeiten, Wissen und Praktiken in allen möglichen Bereichen aneignen würden, liegt in einer solchen Gesellschaft auf der Hand. Und das ist nach Ansicht der Anarchisten auf Dauer das wirksamste Gegengift gegen Eliten, Bürokratie und Herrschaft.

Kann Vernetzung funktionieren?

Niemand weiß, ob sich dieses soziale Engagement in hinreichendem Maße einstellen würde. Alle sozialen Utopien sind Spekulation. Der springende Punkt dabei ist natürlich die Funktionsweise der Vernetzung. Wie soll das auf große Entfernungen geschehen? Wie in Gebilden, die eben nicht mehr klein und überschaubar sind, etwa der Stadt New York? Und was ist, wenn sich Anschauungen so widersprechen, daß kein Konsens möglich ist?

Dieser letzten Frage werden wir in den folgenden Kapiteln nachgehen – die Antworten auf die anderen Fragen liegen zum Teil schon in der Struktur der Vernetzungssysteme selbst. In der anarchistischen Theorie funktionieren sie nach demselben Prinzip wie die »kleine Grundeinheit«, nur, daß sie sich mit Fragen überregionaler Bedeutung befassen: Sie verbinden fremde Menschen miteinander oder organisieren den Austausch von Wissen, Waren und Werten, die zu einem menschenwürdigen Leben nötig sind. Aber auch in ihnen entscheiden keine Eliten, auch in ihnen gilt nicht das Prinzip der Hierarchie, auch ihre Handlungen entstehen in einem horizontalen Prozeß. Dabei sollen – und müssen – sie durchaus effektiv arbeiten und zuverlässig funktionieren. Überregional wichtige Aufgaben werden dabei selbstverständlich zentral gesteuert, nicht jedoch zentralistisch entschieden – keinem Anarchisten würde es einfallen, etwa die Flugsicherung spontan und dezentral zu ›organisieren‹. Daß es dabei dann eine Delegierung geben kann – etwa auf die Ebene von Ausschüssen und Räten – und durchaus auch kompetente und verantwortliche Fachleute, ist nur scheinbar ein Widerspruch: Entscheidungsfreiheit ist in erster Linie eine Frage der Inhalte, nicht der Techniken. Ob diese Ebenen bei der reinen Vernunftkompetenz bleiben oder wiederum neue Herrschaft hervorbringen, hängt entscheidend von drei Voraussetzungen ab: Erstens, daß in der Praxis eine Transparenz* dieser vernetzten Struktur bewahrt wird: Sie muß durchschaubar bleiben, damit sie von allen Interessierten verstanden werden kann. Zweitens, daß es Systeme gibt, die gewährleisten, daß sie jederzeit kontrollierbar, kritisierbar und veränderbar sind. Drittens, daß die Vernetzungsstrukturen so aufgebaut sind, daß sie nicht als Entscheidungsebene, sondern als Koordinationsebene*funktionieren. Sie sollen letztlich die von den Menschen an der Basis gefundene Richtung lediglich abstimmen, umsetzen und ausführen – notfalls auch zurückverweisen, wenn sich Ausführung oder Abstimmung als unmöglich erweisen. Auch diese Frage werden wir im 17. Kapitel noch einmal aufgreifen.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, könnte Anarchie überregional funktionieren – zumindest in der Theorie. Dabei böten dann Entfernungen keine größeren Hindernisse als heute auch. Anarchisten wollen ja nicht grundsätzlich auf moderne Kommunikationsmittel verzichten, und prinzipiell reisefeindlich sind sie auch nicht. Zwar gehen sie kritischer und bewußter an elektronische Kommunikation heran, und ein wucherndes Reise- und Transportwesen würde sich in ihrem Modell schon aus dem Grunde reduzieren, weil eine dezentrale, libertäre Wirtschaft viele Dinge, die heute unnütze Transportwege erfordern, in der Region erledigen könnte. Andererseits sehen viele Anarchisten in moderner Kommunikationstechnik durchaus auch interessante Möglichkeiten für eine ›direkte, kommunikative Demokratie‹ libertären Zuschnitts, in der immer mehr Informationen zugänglich und immer weniger Zentren, Wissenshierarchien und Schaltzentralen nötig wären. Obwohl hierbei auch die Gefahr eines Informationsüberlusses gesehen wird, verkennt man nicht Möglichkeiten, die die Elektronik zur technischen Lösung von Kommunikationsproblemen der libertären Utopie beitragen könnte, die noch vor wenigen Jahrzehnten schier unlösbar schienen. Auch die Größe eines sozialen Gebildes scheint grundsätzlich kein Hindernis für das Funktionieren libertärer Vernetzungsstrukturen zu sein. Zwar ist das ganze Schema anarchistischer Organisation absichtlich dafür ausgelegt, die kleine Einheit zu fördern und das Entstehen großer Einheiten zu erschweren, aber das heißt nicht, daß sie nicht auch mit großen Gebilden zurechtkommen würde. Schließlich lassen sich in manchen Fällen größere Zusammenhänge nicht vermeiden, und manchmal sind sie einfach schon da. Wie zum Beispiel die Stadt New York.

Nun mag es ja verschiedene Ansichten darüber geben, ob ein derartig monströses Gebilde überhaupt wünschenswert wäre. In der Tat gibt es die Meinung, Megastädte wie São Paulo, Kalkutta, Mexico-City oder New York überstiegen jedes menschliche Maß und gehörten als in jeder Hinsicht inhuman eigentlich abgeschafft. Die Kritiker beziehen sich dabei wohlgemerkt nicht etwa auf das großstadttypische Flair* oder die unnachahmliche metropolitane* Kultur, sondern auf die Auswirkungen eines urbanen* Molochs, der an seinen eigenen sozialen Wucherungen erstickt. Lassen wir diese Frage offen und überlassen wir ihre ›Lösung‹ getrost den Leuten, die in ihnen zu leben verstehen oder ihnen den Rücken kehren werden. Die Antwort auf unsere erste Frage aber inden wir überraschenderweise in solchen Megastädten selbst. Gerade hier hat sich die Überlebensfähigkeit und das Funktionieren von Strukturen erwiesen, die glatt als ›anarchisch‹ bezeichnet werden könnten, auch wenn kaum jemand das tut. Kalkutta beispielsweise ist eine x-Millionen-Stadt, die vom System faktisch aufgegeben wurde. Sie gilt als nicht reformierbar, unregierbar, die Behörden haben aufgehört irgendetwas Kohärentes zu tun. Das Stadtplanungsamt ist seit langem verwaist, die sozialen Einrichtungen haben praktisch kapituliert. Theoretisch müßte diese Stadt schon längst zusammengebrochen sein, aber die Menschen in ihr leben weiter. Es gibt soziale Gebilde, Nachbarschaften, gegenseitige Hilfe, soziale Initiativen. Sie stemmen sich gegen Chaos, Kriminalität, Willkür, Spekulanten, Elend, Schmutz, Hunger und Krankheit. Und das Leben geht weiter. Aber keine dieser sozialen Zusammenhänge hat den Anspruch oder den Ehrgeiz, die ganze Stadt zu vertreten, zu managen oder gar zu regieren. Ähnliches gibt es aus São Paulo zu berichten und aus Mexiko City. Und daß es in den Schwarzenghettos von Chicago oder New York trotz Elend, Kriminalität und Hoffnungslosigkeit eine starke soziale Solidarität gibt, die besser funktioniert als das staatliche Sozialprogramm, ist allgemein bekannt. All diese Strukturen funktionieren genau darum, weil sich hier Menschen selbst und direkt um ihre Probleme kümmern, in kleinen, überschaubaren Gruppen, inspiriert von einem positiv verstandenen ›sozialen Egoismus‹.

Bitte, Anarchisten behaupten nicht etwa, daß Kalkutta, Chicago oder New York ihren Wunschvorstellungen einer libertären Gesellschaft entsprächen! Das ziemliche Gegenteil dürfte der Fall sein. Was diese Beispiele zeigen sollen, ist, daß es gerade ›an-archische Strukturen‹ sind, die den betroffenen Menschen dabei helfen, in absurd großen Gebilden tatsächlich zu überleben. Sie erweisen sich dabei den staatlichen Strategien* überlegen, die – nicht nur in den Großstädten – mehr und mehr versagen.

Es gibt also eine generelle Methode, wie mit Hilfe an-archischer Strukturen die Probleme großer Gebilde angegangen werden können, und die lautet, einfach ausgedrückt: das große Ding muß wieder in kleine Dinge ›zerlegt‹ werden, damit es übersichtlich wird, ein menschliches Maß bekommt, und die betroffenen Menschen wieder damit umgehen können. Erst dann engagieren sie sich wie selbstverständlich in ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Keiner black community* in der Bronx aber würde es einfallen, etwa für alle Schwarzen New Yorks ›zuständig‹ zu sein oder für sie zu sprechen. Viele solcher communities können jedoch zusammenarbeiten und gemeinsam gesellschaftliche Tatsachen schaffen, die der Situation aller Schwarzen New Yorks gerecht würden. Das ist nur ein Beispiel eines sozialen Bereiches einer einzelnen Stadt. Und die sterbenden Metropolen sind nur ein einziges Beispiel für viele andere groteske Großgebilde, die Zentralismus, Konzentration, und Machtdenken hervorbringen. Mit Leichtigkeit ließen sich Analogien* etwa in dem zusammengebrochenen Kunstgebilde der ›Supermacht Sowjetunion‹ inden. Oder, uns besser vertraut, in dem Beispiel, wie siebzehn Millionen Deutsche in der DDR vierzig Jahre zentralistischer Planwirtschaft überlebten: indem sie nämlich völlig ungelekt, planlos und intuitiv* eine mächtige Nebenrealität mit eigener Gegenökonomie schufen. Diese ›Subkultur‹, von der ofiziellen Gesellschaft ignoriert, gründete sich auf kleine Gruppen nachbarschaftlicher Zusammenhänge: Schwarzarbeit, Improvisation, gegenseitige Hilfe, Materialklau, Solidarität, Sabotage, Tauschwirtschaft, Schwänzen, Gegenkultur und den dezentralen Aufbau von Widerstand und Opposition. All das half nicht nur beim Überleben in einem nicht-menschengerechten System, sondern führte einen der bestorganisiertesten und -geschützten Zentralstaaten der Welt sang- und klanglos in den Zusammenbruch. Das macht Mut! Die Tatsache, daß diese ›Kultur an-archischer Sekundärtugenden‹ ihrerseits so sang- und klanglos von unserer westlichen Videoclip-Gesellschaft geschluckt werden konnte, sagt wenig über die Qualität jener alten DDR-Anti-Gesellschaft aus – dafür umso mehr über den Mangel an Kraft und Alternativen, etwa seitens der westdeutschen Libertären.

Wir erleben heute weltweit den schleichenden Bankrott aller Organisations- und Steuersysteme, die auf Zentralismus, Hierarchie, Machtkonzentration und Wachstum aufgebaut sind. Solche Strukturen stoßen überall an ihre Grenzen und scheitern immer häuiger. Die unerwartete Krise des ›Modells Supermacht‹ in West und Ost ist hierfür ein Indiz, und die Tatsache, daß Europa in einer kleinkarierten Nachahmungstat versucht, sich an diesen Geisterzug anzuhängen, beweist lediglich einen Mangel an Weitblick und Weltblick.

Ist Vernetzung leistungsfähig?

Spätestens hier stellt sich aber die Frage nach der Leistungsfähigkeit der anarchistischen Alternative. Ich bin dieser Frage bisher aus dem Blickwinkel der Anarchisten nachgegangen. Beenden möchte ich die Betrachtung dazu mit der Perspektive von Leuten, die eher zu den Gegnern der Anarchie zu rechnen sind.

Multinationale Konzerne wie etwa VW oder IBM sind seit geraumer Zeit damit beschäftigt, ihre großen sozialökonomischen Gebilde in kleine, überschaubare Bereiche zu zergliedern. Hierarchische Strukturen werden abgebaut, gleichberechtigte Gruppen von Menschen sollen im Konsens Problemlösungen inden und dürfen auch mitentscheiden. Von größerer Transparenz und direkter Beteiligung der Mitarbeiter erhoffen sich die Unternehmen verstärkte Identiikation und erhöhtes Engagement. Kommt uns das nicht bekannt vor? IBM nennt das natürlich nicht Selbstverwaltung oder Anarchie, sondern verkauft das als Teil seiner neuen corporate identity. Bei der UNESCO laufen Forschungsvorhaben, bei denen es um ›Modelle weltweiter Vernetzung kleiner, dezentraler Einheiten‹ geht. Mit Ähnlichem beschäftigt sich der Club of Rome. Evangelische Akademien und Managerschulen, querdenkende Jesuiten und ein leibhaftiger Berliner Innensenator stoßen bei ihrer verzweifelten Suche nach leistungsfähigeren Strukturen immer häuiger auf Modelle, wie sie Anarchisten seit Generationen nicht müde werden zu vertreten. Ja, sogar das Österreichische Bundesheer denkt laut darüber nach, wie es seine Effektivität mit einem Abbau von Hierarchie, Zentralismus und Autorität fördern könnte.

Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: libertäre Strukturen zur Leistungssteigerung einer Armee!

Was will ich damit sagen?

Nicht, daß all diese Herren mitsamt ihren Institutionen den Weg zur Anarchie eingeschlagen hätten. In den meisten Fällen haben sie gar keine Ahnung von dem anarchischen Hintergrund dessen, was sie da zu entdecken beginnen. Sie haben allenfalls die Hälfte der Lösung gefunden, und diese kaum richtig verstanden. Ein lebender Beweis hierfür ist zweifellos Hans A. Pestalozzi, ehemaliger Leiter des Schweizer »Duttweiler-Instituts«, einer renommierten europäischen ›Denkfabrik für Führungskräfte‹: In dem Moment, als er bei seiner Suche nach Alternativen mit erkennbarer Freude auf den Anarchismus stieß, wurde er gefeuert.

Nein, meine Schlußfolgerung ist indirekt. Wir waren der Frage nachgegangen, ob libertäre Strukturen als leistungsfähig einzuschätzen sind. Nun, hier haben wir prominenteste Vertreter des kausalen* Denkens, Jünger des technokratischen* Managements, Führungskräfte, die nur an greifbaren und handfesten Resultaten interessiert sind. Und ausgerechnet die kommen auf der Suche nach Modellen, mit denen sie glauben, Menschen zu motivieren, um das Funktionieren ihrer globalen Maschinerie zu retten, auf libertäre Strukturen. Wenn das kein Argument ist!

Ich teile von diesem Glauben übrigens nur den ersten Teil: daß solche Strukturen die Menschen – zumindest zeitweise – zu mehr Engagement bringen können. Aber mit Sicherheit werden andere Strukturen allein dieses System nicht retten können. Es ist nicht zu retten. Das war gemeint, als ich gerade sagte: Sie haben nur die Hälfte verstanden.

Wenn ein Konzern wie IBM Autorität reduziert und Zentralismus abbaut, so tut er das mit einer ganz anderen Absicht als Anarchisten, die gleiches fordern. IBM will die Effektivität seines Konzerns steigern, seinen Proit maximieren. Der Rest der Welt ist dabei ziemlich egal. Die zentralen Fragen von Herrschaft, Ausbeutung oder etwa Ökologie stehen nicht zur Debatte. Anarchisten hingegen erhoffen sich von den gleichen Strukturen ein Mittel zur Erreichung eines herrschaftsfreien Zustandes, ein Instrumentarium für das Funktionieren der Anarchie.

Wir haben uns in diesem Kapitel mit Strukturen befaßt. Strukturen aber sind nur Formen. Es kommt jedoch ganz erheblich auf die Inhalte an, auf die Ethik, die mit den Strukturen verbunden wird. Gewisse Strukturen können für eine bestimmte Ethik besonders geeignet sein. Die Vernetzung dezentraler, kleiner Einheiten ist mit Sicherheit eine sehr geeignete Struktur für die anarchistische Ethik (und es ist sehr zweifelhaft, ob sie zur Rettung der Proitwelt auch nur annähernd so gut taugt, wie die erwähnten Herren sich das erhoffen) – aber von selbst und an sich besagt eine Struktur noch gar nichts über die Qualität dessen, was dabei herauskommt. Zynischstes Beispiel dafür dürfte wohl die Tatsache sein, daß die Nazis es selbst in ihren Konzentrationslagern verstanden, gewisse Formen der ›Selbstverwaltung‹ von Gefangenen in den Dienst ihrer Massenvernichtung zu stellen …

Allerdings darf man nicht in den Irrtum verfallen, eine gute Struktur schon deshalb als schlecht oder verwerlich anzusehen, weil ein Gegner sie für die falschen Ziele einzusetzen versucht. Das ist genauso dumm wie der Glaube daran, daß sich eine ›richtige Struktur‹ ohne die passende Ethik in befreiende Aktion und befreite Alternativen umwandeln müsse.

Eines jedoch läßt sich aus all diesen Überlegungen ableiten: Anarchisten haben keineswegs ein Monopol auf gute Ideen, und wenn andere Menschen zu ähnlichen Erkenntnissen kommen, zeigt es im Grunde nur, daß libertäre Ideen so abwegig nicht sein können.

Darüber sollten Anarchisten sich eigentlich freuen. Stattdessen erregen sie sich oft und gerne in rechthaberischer Eifersüchtelei und mokieren sich mit Vorliebe über fremden Stallgeruch: Kommen die Ideen nicht aus dem eigenen politischen Lager, bleiben sie in aller Regel verdächtig. Ich denke hierbei weniger an IBM, sondern mehr an Menschen wie Leopold Kohr, den österreichischen Publizisten, der das modisch gewordene Schlagwort small is beautiful prägte. Er war beileibe kein Anarchist, hatte im Gegenteil eher einen konservativ-katholischen Hintergrund, was ihn aber offenbar nicht daran hinderte, in Fragen der Gesellschaftsstruktur einen scharfen, analytischen Blick zu beweisen. Oder an die Diskussion in der modernen Naturwissenschaft, die heute mit Hilfe der ›Chaos-Theorie‹ das Paradox erforscht, daß es offenbar keine praktischen Regeln oder überall gleich anwendbaren Naturgesetze von Ursache und Wirkung gibt, mit denen die natürlichen Phänomene berechnet werden könnten, obwohl doch ›die Natur‹ in diesem Chaos erstaunlich vital und erfolgreich ihr Leben organisiert. Oder an die Zigtausende von Menschen, die seit über 20 Jahren den Organisationsformen von Vereinen und Parteien den Rücken kehren, um ihre Anliegen in Bürgerinitiativen und Basisinitiativen zu vertreten, sich munter miteinander vernetzen und auf diese Weise die politisch-soziale Wirklichkeit unseres Landes spürbar beeinlußt haben.

Ein Blick in die Praxis

Es hat den Anschein, daß sich die meisten Anarchisten mit der einfachen Erkenntnis schwer tun, daß an-archische Strukturen, Formen und Ideen nicht an anarchistische Theorie und Ideologie gebunden sind. Dabei ließen sich für diese Annahme noch viele weitere Beispiele finden, und im Grunde müßten sie jeden Anarchisten ermutigen, zeigen sie doch, daß ihre Ideen im Grunde so naheliegend sind, daß sie quasi überall ›in der Luft liegen‹. Aber Anarchisten plegen ihre Berührungsängste mit großer Hingabe und überwinden sie meist nur dann, wenn prominente Denker wie Pestalozzi oder der Linguist und Strukturalist Noam Chomsky von sich aus zum Anarchismus inden. Dabei würde es ihren Überzeugungen keineswegs widersprechen, ein wenig mutiger querbeet und interdisziplinär* zu denken und zu handeln. Denn beides: intuitiv-anarchisches Spontanhandeln und bewußt anarchistisches Vorgehen könnten sich ohne Frage gegenseitig bereichern.

Dabei gibt es sie eigentlich schon, diese gegenseitige Verbindung, und die Grenze zwischen bewußtem und intuitivem Handeln ist in vielen Fällen ließend. In zahllosen Bereichen der Gesellschaft beginnt das Denken in hierarchischen Strukturen zu bröckeln, um einem Denken in an-archischen Strukturen Platz zu machen. Es ist dabei nicht immer genau auszumachen, ob dieser Prozeß nun ein bewußter Rückgriff auf den Anarchismus ist oder eine ›Eigenentdeckung‹. Im Grunde ist das auch keine wichtige Frage. Wichtig ist, wie sich der Anarchismus hierzu verhält.

Nach soviel Struktur, Theorie und Spekulation noch ein abschließender Blick in die Praxis. Alles, was in diesem Kapitel ausgebreitet wurde, ist vom Prinzip her nichts Neues im Anarchismus. Die Theorien von Dezentralität, kleinen Einheiten, Selbstorganisation und Vernetzung sind zwar in den letzten Jahrzehnten sehr viel klarer und schärfer entwickelt worden, im Grunde aber ein alter Hut. Früher nannte man Vernetzung eben Föderation – ein Wort, das im heutigen politischen Sprachgebrauch eine eher harmlose Bedeutung bekommen hat, weshalb ich den moderneren Begriff vorgezogen habe.

In der Tat haben sich solche Strukturen bereits in etlichen anarchistischen oder anarchoiden* Beispielen praktisch bewährt. Alle kann ich hier nicht aufzählen, manche werden wir noch näher kennenlernen. Erinnern will ich nur daran, daß Anarchisten auf diese Weise zum Beispiel sehr effektiv die Millionenstadt Barcelona verwaltet haben und darüberhinaus das soziale Leben ganzer Provinzen. Die jüdischen Kibbuzim sind ein sehr lehrreiches Beispiel dezentraler Vernetzung, anarchistisch inspiriert und viel älter als der Staat Israel. Zur Blütezeit des Anarchosyndikalismus haben sich Millionen von Mitgliedern anarchistischer Gewerkschaften weltweit vernetzt und ohne Zentralismus und Hierarchie erfolgreich organisiert. 6 Und die chaotisch-dezentrale Massenbewegung‹ eines Mahatma Gandhi zwang in Indien das britische Weltreich in die Knie – ohne Gewalt und ohne Machtapparat.

Literatur:
Colin Ward: Anarchismus als Organisationstheorie Siegen 1983, Winddruck, 43 S.
ders.: Harmonie durch Vielfalt in: Unter dem Plaster liegt der Strand Bd. 3, Berlin 1976, Karin Kramer, 192 S.
Paul Feyerabend: Experten in einer freien Gesellschaft ebda. George Woodcock: Das dezentrale Potential in: ders.: Traditionen der Freiheit Mülheim/ Ruhr 1988, Traik, 144 S.
Karl Hahn: Föderalismus, die demokratische Alternative München 1975, E.A.Vögel, 357 S.
N.N.: Die Organisation der autonomen Zellen Osnabrück o.J. (1971?), 24 S.

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