Kritik am Parlamentarismus

Kritik an der Demokratie

„Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.“
– Volksweisheit –

Westlich-demokratische Systeme sind durch den Parlamentarismus als politisches Entscheidungssystem gekennzeichnet. In diesen reduzieren sich die Mitsprachemöglichkeiten der Bevölkerung darauf, alle paar Jahre VertreterInnen zu bestimmen, die dann für einen entscheiden. Natürlich steht es fast jedem / jeder offen, Parteimitglied zu werden und innerhalb des Parteiensystems aktiv zu werden. (MigrantInnen etwa haben diese Mitbestimmungsmöglichkeit nur beschränkt oder gar nicht, ebenso Jugendliche unter bestimmten Altersgrenzen). Selber direkt über Sachfragen mitzuentscheiden, dies ist in unseren Demokratien jedoch gar nicht bzw. in sehr beschränktem Maße (z.B. Volksabstimmungen) vorgesehen.

Gegen das parlamentarische Regierungsmodell setzen AnarchistInnen und andere Sozialrevolutionäre auf föderalistische Entscheidungsmodelle, die eine möglichst umfassende Mitsprache aller garantieren sollen und von unten nach oben aufgebaut sind (Basisdemokratie, rätedemokratische Ideen). Zudem beschränken sich hier die Mitsprachemöglichkeiten im Unterschied zum Parlamentarismus nicht nur auf den engeren politischen Bereich, sondern beziehen auch die Wirtschaft mit ein (siehe z.B. Spanien 1936). „Nicht Menschen regieren, sondern Dinge verwalten!“…

Eigentlich ist schon das Wort Demokratie eine Zumutung. „Demokratie“ heißt „Volksherrschaft“. Herrscht irgendwo „das Volk“? Natürlich nicht, bestenfalls darf das Volk Menschen wählen, von denen es sich beherrschen lässt. Und selbst die bekommt es vorsortiert angeboten.

Eine wirkliche Demokratie wäre, wenn das ganze Volk über das ganze Volk herrschte, also jeder Mensch jedem anderen genausoviel zu sagen hätte, wie er sich von anderen zu sagen lassen hat. Das ist entweder Unsinn oder das Ende der Herrschaft von Menschen über Menschen. Denn wenn jeder jeden beherrscht, ist das genau dasselbe, wie wenn niemand herrscht. Da Menschen aber unterschiedliche Meinungen haben, kann solch eine Demokratie in einem Staat nicht funktionieren, es sei denn, eine Meinung setzte sich durch und unterdrückte viele andere. Genau das aber ist in unseren „Demokratien“ der Fall. Der Unterschied zwischen Diktaturen und Demokratien besteht genau gesehen darin, daß in ersteren eine Minderheit die Mehrheit und in letzteren eine Mehrheit zahlreiche Minderheiten unterdrückt. Beides aber ist eine Herrschaft einiger über viele, also eine Oligarchie und keine Demokratie – auch, wenn sich die Herrschenden ihre Herrschaft von einer Mehrheit legitimieren lassen.

Weil aber Menschen verschiedene Meinungen haben, die sich eben nicht in einer Gesellschaft unter einen Hut bringen lassen, ist Demokratie – die Herrschaft aller über alle – entweder nur in kleineren Gruppen möglich oder gar nicht. Ein Netz kleiner Gruppen, eine Föderation verschiedener Gesellschaften aber ist nichts anderes als Anarchie. Wirkliche Demokratie ist also entweder anarchisch oder unsinnig.

Nun wissen wir ja alle, daß man bei uns unter „Demokratie“ etwas ganz anderes versteht, nämlich das parlamentarische System. Die meisten Menschen halten es für das beste aller Systeme. Zugegeben, es gibt schlechtere. Aber hier geht es nicht um die Frage, wie viele Menschen sich in der „parlamentarischen Demokratie“ ziemlich wohl fühlen weil nichts besseres zur Hand ist, sondern darum, ob der Parlamentarismus überhaupt eine Demokratie ist.

Natürlich gibt es auch hier einen Herrscher – statt des Königs, Kaisers oder Diktators eben einen Präsidenten, Kanzler oder Premierminister. Sie alle – die „Diktatoren“ wie die „Demokraten“ – sind Repräsentanten jener grundlegenden staatlich wirtschaftlichen Interessen, die wir bereits betrachtet haben. Deshalb macht es für Anarchisten keinen Unterschied, ob sie diesen oder jenen wählen oder ob sie überhaupt wählen, denn ihrer Meinung nach unterscheiden sie sich nur in ziemlich unwesentlichen Punkten. Im wesentlichen, in ihrer Einstellung zum Staat und dessen Interessen, sind sie sich gleich. Der Anarchismus geht davon aus, daß Staatlichkeit im Grunde immer anti-freiheitlich eingestellt sein muß. Durch die Verlockungen der ihr eigenen Hierarchie wird sie immer einen Repräsentanten finden, der ihre Interessen vertritt. Egal, ob ein bißchen linker oder rechter, Hauptsache, es geht nicht ans Eingemachte – und dafür sorgen Grundgesetz und „parlamentarische Spielregeln“. Schlußendlich ist es auch egal, ob gewählt oder nicht; aber gewählt ist im Zweifelsfalle besser, denn jede Unterdrückung legitimiert sich am liebsten dadurch, daß die Unterdrückten sich ihre Unterdrücker selbst ausgesucht haben: die Regierung. Die wahren Mächtigen bleiben dezent im Hintergrund.Aber haben wir eigentlich eine Wahl?

Wahlen ohne Alternative

Eine Wahl ist eine Entscheidung zwischen zwei oder mehreren Alternativen. Nehmen wir einmal an, Sie gingen in einen Supermarkt, in der Absicht, Schokolade zu kaufen und dort fänden Sie sich vor der Möglichkeit, zwischen einundzwanzig verschiedenen Waschmitteln „wählen“ zu dürfen – und sonst nichts. Sie könnten sicher eine „Wahl“ treffen, aber nicht das wählen, was Sie wollen. Es wäre keine Wahl zwischen wirklichen Alternativen.

Natürlich kann man sagen, die Partei X ist ein wenig liberaler, sozialer und freiheitlicher als die Partei Y. Wenn aber das Ziel Freiheit ist, und Freiheit nur ohne Staat und Regierung geht, alle Parteien aber Staat und Regierung sind, so kann ich eben nicht das wählen, was ich will. Ich muß es schon selber herstellen, erreichen, aufbauen. Wenn ich ein Leben ohne Regierung will, ist es absurd, mir die Leute auszuwählen, die mich regieren sollen.

Anarchisten sehen dies alles aus einer sehr radikalen Perspektive: Wenn ich Gefängnisinsasse bin und freikommen möchte – so argumentieren sie -, werde ich diese Freiheit nicht erreichen, indem mir die Gefängnisverwaltung die Wahl des Wachpersonals ermöglicht. Da mag es zwar Wärter geben, die nicht prügeln und mir den Alltag erträglicher machen. Vielleicht ist es gut, wenn ich die wähle, dann geht es mir besser. Aber im Gefängnis sitze ich nach wie vor. Womöglich gewöhne ich mich sogar an den Knast, ebenso wie meine Mitgefangenen: wir lassen uns in das System einspannen, genießen kleine Verbesserungen und vergessen das Ziel. Am Ende beteiligen wir uns gar an einer Häftlingsselbstverwaltung und bewachen uns selbst.

Ersetzt man die Begriffe „Gefängnis“ durch „Kapitalismus“ und „Bewacher“ durch „Staat“, so wird dieser Vergleich zum drastischen Gleichnis der jüngeren politischen Geschichte: Anarchisten haben seit jeher dafür plädiert, das Gefängnis niederzureißen und ein neues Leben zu beginnen. Kommunisten haben ein Loch in die Mauer gesprengt, sind ausgebrochen und haben an anderer Stelle ein noch größeres Gefängnis gebaut. Sozialdemokraten haben gemeint, man könne der Gefangenschaft auch entrinnen, indem man zunächst die netteren Bewacher wählt und sich dann selber wählen läßt. Heute sind sie ab und zu Gefängnisdirektoren und mühen sich nach Kräften, daß es den Insassen dann etwas besser geht.

Betrachten wir statt des Zielbegriffs „Freiheit“ einmal das reale Problem der Umweltzerstörung, so wird die Absurdität parlamentarischer Wahlen noch augenfälliger: Stellen wir uns die Gesellschaft als einen Zug vor, der auf den Abgrund einer ökologischen Katastrophe zufährt. Ein Gleis zweigt rechts ab und führt direkt ins Verderben, die mittlere Schiene ist etwas länger, und der linke Abzweig fährt noch einen kleinen Umweg, landet am Ende aber auch im selben Loch. Wahlen zwischen diesen drei Weichenstellungen sind keine Wahlen zwischen wirklichen Alternativen. Die wirkliche Alternative wäre, eine neue Gleisanlage zu bauen. Dafür sind die Anarchisten und dafür waren vor nicht allzulanger Zeit auch noch die Grünen. Inzwischen haben sie sich für das linke Gleis entschieden, unter der Bedingung, während der Fahrt ein bißchen an der Bremse ziehen zu dürfen.

So stellt sich den Libertären die Spielwiese der parlamentarischen Demokratie dar: sie läßt den Menschen die Illusion, etwas zu entscheiden, wo doch längst alles Wesentliche entschieden ist und von uns gar nicht entschieden werden darf. Genau das ist der Grund, warum sich Anarchisten in der Regel nicht an Wahlen beteiligen.

Die meisten Menschen glauben an Wahlen oder meinen zumindest, die Unterschiede zwischen den einzelnen Parteien seien Grund genug, wenigstens das kleinere Übel zu wählen. Die Frage aber bleibt, ob sie dabei wirklich wählen. Zum Beispiel den Bundeskanzler. Wählen wir ihn? Stellen wir die Kandidaten auf? Wir wählen allenfalls zwischen zwei längst gewählten Ähnlichkeiten. In Wahrheit hat kein einfacher Bürger einen tatsächlichen Einfluß auf das politische Geschehen seines Landes – das Vorrecht, das uns die parlamentarische Demokratie gewährt, ist, alle vier Jahre ein Kreuz auf einer Liste schon lange zuvor ausgewählter Menschen zu machen. Sind diese erst einmal gewählt, haben wir keinerlei Einfluß mehr auf ihr Handeln. Im Prinzip können sie machen, was ihnen beliebt. Viele Politiker scheren sich schon am Tag nach der Wahl nicht mehr um ihre Zusagen und den Willen ihrer Wähler. Das steht, etwas feiner ausgedrückt, auch im Grundgesetz: Politiker sind nur ihrem Gewissen verantwortlich.

Hierarchie entfremdet

Das ist interessant. Eigentlich wird ein Mensch ja in ein Amt berufen, um dort den Willen derer zu vertreten, die ihn gewählt haben und ihn für diese Arbeit bezahlen. Keiner Firma würde es einfallen, einen Prokuristen einzustellen und ihm dann zu überlassen, was er auf diesem Posten tun will. In der Politik aber verstößt die Bindung an ein Mandat gegen die Eigeninteressen der Politiker. Sie dürfen das Prinzip des Regierens niemals zugunsten einer direkten Demokratie oder gar der Selbstverwaltung in Frage stellen. Warum wohl wehren sich unsere Politiker so wortreich gegen die einfachsten Formen unmittelbarer Demokratie wie Volksbegehren oder Volksentscheid? Vor allem, weil der Staat ein Selbstzweck ist und seine Existenz gegen jede Konkurrenz verteidigen muß.

Je höher die Ebene politischer Macht angesiedelt ist, desto größer ist dieser Grad der politischen Entfremdung zwischen Wähler und Gewähltem. Gibt es in der Lokalpolitik bisweilen noch Möglichkeiten direkten Kontaktes, persönlicher Einflußnahme und unmittelbarer Kontrolle, so sind diese Möglichkeiten in der Landespolitik schon bedeutend eingeengt. Wer aber jemals versucht hat, an „seinen“ Bundestagsabgeordneten ein Problem heranzutragen und sich davon eine Lösung erhoffte, weiß, wie aussichtslos solch ein Anliegen ist. Dies mag eine Erklärung dafür sein, daß manche Anarchisten an Kommunalwahlen teilnehmen, während sie die Landtags- oder Bundestagswahl boykottieren.

Anarchie ist nicht wählbar

Warum aber gründen Anarchisten keine Partei? Sie könnten ihre Ziele doch in ein Programm schreiben, sich wählen lassen und, falls eine Mehrheit hinter ihnen steht, die Anarchie einführen.

Die Gründe, das nicht zu tun, lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Anarchie läßt sich nicht „einführen“. Man kann sie nicht einfach wählen – an einer solchen Gesellschaftsform muß man teilnehmen. Sie braucht Menschen, die selbst mitdenken und mithandeln sowie eine Struktur, in der Macht nicht mehr delegiert, sondern selbst ausgeübt wird. Selbstverständlich kennt auch das anarchistische System die Delegierung von Entscheidung, Ausführung und Funktion. Sie beruht jedoch auf Vertrauen – Macht verbleibt beim einzelnen Menschen, der sich nach wie vor selbst „regiert“. Eine Regierung wählen, die mich nicht regiert, ist indes ein Unding und in Wahlen werden nun einmal Regierungen gewählt. Anarchie ist nicht Politik, sondern das gesamte Leben. Und damit eine an-archische Gesellschaft funktioniert, müssen sich viele Dinge ändern, und die ändern sich nicht, indem man eine politische Elite wählt, sondern indem sich die Menschen mit ihrer Gesellschaft verändern.

Jede Wahl aber trägt dazu bei, Illusionen zu festigen. Die Illusion etwa, wir würden tatsachlich über unser Leben bestimmen, unser Schicksal aktiv gestalten. Die Illusion, wir hätten unsere Herrschaft selbst legitimiert, und die Herrscher handelten in unserem Sinne. Vor allem aber die Illusion, daß über den Weg parlamentarischer Wahlen wirkliche, grundlegende Änderungen möglich seien. Das ist jedoch so gut wie unmöglich. Wir brauchen uns nur anzuschauen was passiert, wenn Menschen, die tiefgreifende Änderungen durchsetzen wollen, durch Wahlen an die Macht kommen. In Chile siegte 1972 eine linke Volksfront. Ihr Präsident Salvador Allende, ein Marxist, wollte soziale Gleichheit durchsetzen, aber das ist verboten. Gesetze und Verfassungen geben nur einen sehr engen Rahmen vor, in dem Änderungen erlaubt sind. Dieselben Gesetze schützen genau die Dinge, die zu verändern wären, allem voran die Fragen von Eigentum, Hierarchie, Ungleichheit und Macht. Das Tragische an dem chilenischen Beispiel war, daß der biedere Allende von den Mächtigen nach nur einem Jahr durch einen Militärputsch gestürzt und getötet wurde, obwohl er, einmal an der Macht, gar keine radikalen Veränderungen mehr versuchte, sondern sich strikt an die Gesetze hielt. Die Lehre hieraus ist einfach: Selbst wenn eine Mehrheit den radikalen Wandel wählt, werden die wirklich Mächtigen keine Veränderung tolerieren und notfalls ihre eigenen Gesetze mit Füßen treten. Radikaler Wandel muß in der Wirklichkeit wachsen. Je breiter, stabiler und vernetzter dies geschieht, desto schwerer ist er aufzuhalten.

Im Bann des Parlamentarismus

Europa wurde in den letzten Jahrzehnten Zeuge zahlreicher Regierungswechsel, die Sozialisten oder Sozialdemokraten an die Macht brachten: In Griechenland und Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien, Italien, Portugal oder Schweden gaben sie mehr oder weniger lange „Gastspiele“. Schon kleinste soziale Eingriffe führten sofort zu Reaktionen: Börseneinbrüche, Kapitalflucht, Unternehmerstreiks und -boykotte, Verweigerung und passiver Widerstand bis hin zu Verleumdungen und Verschwörungen. Am Ende reduzierte sich der Unterschied zwischen „sozialistischer“ und „konservativer“ Politik auf die Frage, ob die Mehrwertsteuer oder die Sozialhilfe um ein Prozent verschoben wird oder nicht. Setzen wir gegen alle Zweifel einmal voraus, daß diese Parteien tatsächlich eine sozialere und freiere Gesellschaft wollten, so muß man die Bilanz all dieser Regierungen ganz nüchtern so interpretieren: Im Rahmen staatlicher Gesetze und kapitalistischer Normen ist selbst die zaghafteste Veränderung, die die Privilegien von Staat und Kapital gefährdet, nicht möglich. Entweder schickt man Panzer oder entzieht das Geld. Mitterand als „Sozialist“ mußte sich genauso an die Gesetze halten wie Kohl als Konservativer, und beide taten es vermutlich mit derselben inneren Überzeugung, weil Sozialisten heute zu ebenso zuverlässigen Säulen staatlich-kapitalistischer Ordnung geworden sind wie Konservative.

Nach Meinung der Anarchisten kommt das daher, daß sie sich vor mehr als hundert Jahren auf das Spiel des Parlamentarismus eingelassen haben. Sie hatten geglaubt, sie könnten die Spielleitung austricksen, aber die Spielregeln sind klug ausgedacht. Sein Räderwerk mahlt stetig, arbeitet zäh und hat eine ungeahnte Kraft, Menschen in seinen Bann zu ziehen, zu korrumpieren und zu integrieren. Auch die nobelste Idee, jede noch so integre Persönlichkeit bleibt da am Ende auf der Strecke.

Literatur:
Errico Malatesta: In Wahlzeiten Meppen 1988, Ems Kopp, 30 S.
Rudolf Rocker: Wozu noch in die Parlamente? Reutlingen 1987, Trotzdem, 82 S.
Roben P. Wolff: Eine Verteidigung des Anarchismus Wetzlar 1979, Büchse der Pandora, 88 S.
Das Elend des Liberalismus Frankfurt 1969, Edition Suhrkamp, 261 S.

Weiterführende Texte:
http://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/anarchistische-parlamentarismuskritik/6063-repraesentative-demokratie-oder
http://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/anarchistische-parlamentarismuskritik/6087-parlamentarismus-vs-basisdemokratie

 

Kritik am Kommunismus

»Ich verabscheue den Kommunismus, weil er die Negation der Freiheit ist,
und weil ich mir nichts Menschenwürdiges ohne Freiheit vorstellen kann«
– Michail Bakunin –

AUCH KOMMUNISTEN REDEN VOM ABSTERBEN DES STAATES. Karl Marx sah darin sogar das Endziel des Kommunismus. Sind Anarchisten und Kommunisten also fast dasselbe? Bitten wir die rebellierenden Sklaven aus der Einleitung um eine Antwort:

Stellen wir uns vor, zwei Leibeigene, die ein und demselben Herrn gehören, sinnen auf Abhilfe, denken an Befreiung und erträumen eine neue Gesellschaft. Der eine repräsentiert die kommunistische Idee, der andere die anarchistische. Seien wir außerdem ruhig ein wenig witzig und nennen aus gutem Grund den ersten Karl, den zweiten Michail.

Karl, der Kommunist, träumt davon, daß alle Sklaven sich zusammenschließen und das Landgut seines Herrn gewaltsam übernehmen. Er ist ein grüblerischer Denker und entwickelt in seinen freien Stunden komplizierte Begründungen dafür, warum die Sklaven und nur die Sklaven dazu ausersehen sind, die führende Schicht der neuen Gesellschaft zu bilden. Hierzu wäre es nötig, zunächst eine Diktatur der Sklaven zu errichten, die alles bis ins Kleinste kontrolliert, plant und leitet. Alle Menschen müßten gleich sein, gleich leben und gleich denken. Nur Sklaven und deren Nachkommen hätten, so Karl, das richtige ›sklavische Bewußtsein‹ und nur sie wären dazu befähigt, diszipliniert, leißig und anspruchslos zu arbeiten, um diese neue Gesellschaft aufzubauen. Dummerweise wollen die Sklaven davon aber nicht viel wissen, so daß Karl und seine Anhänger sie nach weiterem Grübeln für ›noch nicht reif‹ erklären. Sie gründen daraufhin eine ›Partei der Sklaven‹ mit dem Ziel, deren Avantgarde zu sein und ihnen so zu ihrem Glück zu verhelfen. Karl und seine Freunde gehören zwar zu jenen Leibeigenen, die im Herrenhaus bessere Arbeiten verrichten und nicht auf den Feldern schwitzen müssen, sind aber dennoch zutiefst davon überzeugt, daß nur sie wirklich wissen, was die Arbeitssklaven wollen und was ihnen gut tut. Ebensowenig zweifeln sie daran, daß sie viel besser als der Herr des Landgutes in der Lage sein werden, den Laden zu schmeißen. »Wenn wir erst an der Macht sind und somit den Sklaven das

Landgut ja gehört«, wird Karl nicht müde zu predigen, »dann werden die befreiten Sklaven freiwillig und begeistert arbeiten und die Partei wird die Wirtschaft nach den Bedürfnissen der Sklaven hervorragend managen, denn die Partei kennt ja diese Bedürfnisse besser als irgendwer sonst …«

Da kann Michail nur lachen. Er ist mehr als skeptisch. »Mein guter Karl …« sagt er und klopft ihm kopfschüttelnd auf die Schulter, »was du da vorhast, funktioniert so nicht! Du gibst uns Sklaven keine Freiheit, sondern einen neuen Herrn: deine Partei. Und ob die den Laden besser schmeißt als unser alter Herr, bezweile ich. Ich fürchte eher, ihr werdet die Sklaven genauso auspressen wie der Alte, und obendrein versteht ihr noch weniger vom Geschäft.« Und dann erklärt er ihm seine Idee:

»Mir geht es nicht darum, diesen Laden zu übernehmen und ihn in Schwung zu bringen, damit er besser funktioniert. Ich will etwas ganz Neues schaffen, ein Leben, in dem die Freiheit obenan steht und nicht die Wirtschaft oder die Arbeit an sich. Das Dasein soll auch Spaß machen. Alles, was auf dem Gut getan werden muß, sollen die Menschen – und zwar alle Menschen! – selbst organisieren. Das, was sie zum Leben brauchen, können sie sehr gut selbst entscheiden. Nicht der Herr, nicht die Partei der Sklaven, nicht die Wissenschaft oder die Wirtschaft dürfen ihnen ihr Leben vorschreiben – sie selbst sollen es bestimmen.«

Wenn die Sklaven sich befreien wollen, so Michail, dürften sie nicht die alte Form der Sklaverei durch eine neue ersetzen. Es bestehe auch keine Notwendigkeit, den riesigen Betrieb unbedingt zentral zu managen. Warum sollten nicht verschiedene kleine, gut funktionierende Betriebe daraus entstehen? Dann könnten sich Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen und Neigungen mit Gleichgesinnten zusammenschließen.

»Vor allem aber«, sagt Michail und hebt beschwörend die Arme, »kannst Du die Menschen niemals zu ihrem Glück zwingen! Auch unser Herr behauptet ständig, er tue alles nur zu unserem Besten und eigentlich ginge es uns Sklaven ja gut. Als ob wir nicht selbst wüßten, was wir wünschen und wie unser Glück aussehen könnte! Was wir vor allem erstmal brauchen, ist Freiheit und Brot. In deinem System, lieber Karl, kriegen wir garantiert keine Freiheit, und ob wir dafür dann Brot haben werden, ist sehr fraglich. Laß uns lieber überlegen, wie wir unsere Herrschaften überlisten, und wie wir dann eine ganz andere Gesellschaft nach unseren Bedürfnissen schaffen. Du weißt so gut wie ich, daß wir Sklaven hinter dem Rücken unseres Herrn ja schon ganz anders miteinander verkehren. Im Alltag hilft doch jeder jedem, so gut er kann. Niemand will, daß sich einer zum neuen Chef aufspielt. Das sind die Ideen, aus denen eine neue Gesellschaft entstehen muß und nicht die Diktatur deiner merkwürdigen Partei, die doch nur den Herren nachäfft. Ich meine, wir sollten die Herrschaft abschaffen, nicht austauschen …!«

»Ja, ja … das will ich letztendlich ja irgendwie auch«, wirft Karl nun ungeduldig ein. »Aber du bist und bleibst halt ein Spinner. Wir hingegen sind Wissenschaftler, und wir haben erkannt, daß der Gang der Geschichte die Sklaven zur herrschenden Klasse bestimmt hat. Erst muß diese Klasse einmal eine knallharte Diktatur errichten, um ihre Feinde zu zerstören. Später dann stirbt die Herrschaft ganz von alleine ab …«
»Und warum …?«
»Ganz einfach: weil keine objektiven Gründe mehr für ihre Existenz da sein werden, denn wir sind ja alle gleich!«
»So ein Quatsch! Und die Bonzen deiner Partei, sind die auch so gleich wie die Sklaven? Werden sie dann einfach aufhören den Chef zu spielen und wieder arbeiten wie die anderen? Das kannst du deiner Großmutter erzählen!«
»Ich wußte ja, daß man mit dir nicht reden kann. Euch Anarchisten sollte man in der Diktatur der Sklaven am besten gleich mit umbringen …«

Wie schon so oft zuvor stampft Karl zornig mit dem Fuß auf, Michail rauft sich die Haare, und beide gehen zornig auseinander …

Eine alte Polemik

Dieser iktive* Dialog entspricht in groben Zügen der alten Polemik* zwischen Anarchisten und Kommunisten; wir brauchen nur die Wörter ›Sklaven‹ durch ›Proletarier‹* zu ersetzen, ›Herr‹ durch ›Kapitalist‹ und ›Landgut‹ durch ›Staat‹.

Wir sehen: Anarchisten und Kommunisten sind nicht ›fast dasselbe‹. Beide kommen zwar aus derselben geschichtlichen Epoche, beide begannen ihr Wirken im Schoß der ›Arbeiterklasse‹, beide wollten Unrecht und Ungleichheit bekämpfen und beide waren gegen das ›kapitalistische System‹. Zwischen ihrem Menschenbild, ihrer Vision einer neuen Gesellschaft und den Methoden, diese zu erreichen, lagen jedoch von Anfang an Welten.

In der Tat geht der Marxismus* und später insbesondere der Leninismus* davon aus, die Macht im Staate zu erobern, eine Diktatur des Proletariats mittels der Kommunistischen Partei zu errichten und diesen ›proletarischen Staat‹ zu einem starken, zentralen, alles kontrollierenden Gebilde zu machen, der dann – wie durch ein Wunder – irgendwann einmal ›absterben‹ soll. Dieser autoritäre Sozialismus konnte selbstverständlich die Konkurrenz einer antiautoritären Alternative niemals neben sich dulden.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als die Arbeiterbewegung noch in den Kinder-schuhen steckte und all das nichts weiter als vage Ideen und graue Theorie war, waren Kommunisten und Anarchisten in einer gemeinsamen Organisation zusammengeschlossen, der ›Ersten Internationale‹. Schon damals haben Anarchisten mit erstaunlicher Klarheit voraus-gesehen, wohin die diktatorischen Vorstellungen der Kommunisten führen würden, sollten sie je an die Macht gelangen. Unser erfundener Dialog zwischen ›Karl‹ und ›Michail‹ hat in jenen Jahren in zahllosen Varianten zwischen Marxisten und Anarchisten immer wieder stattgefunden. Wortführer dieses Streits waren Karl Marx und Michail Bakunin. Während Marx den Anarchisten die ›Wissenschaftlichkeit‹ absprach und sie als ›Kleinbürger‹ brandmarkte, warf Bakunin ihm vor, sich zum »Cheingenieur der Weltrevolution« aufzuspielen. Diese Polemik führte letztlich nicht zu besserer Einsicht, sondern zur Spaltung der Internationale. Seit 1872 gehen Kommunisten und Anarchisten getrennte Wege. Wohin der erstere geführt hat, ist bekannt. Was die Anarchisten angeht, so haben sie mit ihrer Kritik recht behalten, ohne indes ihre Alternative durchsetzen zu können.

Natürlich stecken auch im Marxismus freiheitliche Elemente, und man hat oft darauf hin-gewiesen, daß der Leninismus eigentlich eine Vergewaltigung des Marxismus sei und der Stalinismus* seine endgültige Pervertierung*. Das stimmt. Genauso richtig ist es aber, daß schon bei Marx die freiheitlichen Elemente eher kümmerlich und beliebig eingestreut waren, während das Zentralistische, Diktatorische und Autoritäre seine Lehre schlüssig durchzog und prägte. Nicht umsonst hat Bakunin ihn als einen »Preußen« charakterisiert. Wenn der Marxismus also von späteren Generationen pervertiert wurde, so konnte dies nur allzu leicht geschehen, denn die ›Perversion‹ war von vornherein angelegt.

Überhaupt ist es problematisch, ›Kommunismus‹ zu sagen, wenn eigentlich ›Marxismus‹ oder ›Leninismus‹ gemeint ist. ›Kommunismus‹ bezeichnet genau genommen eine Gesellschaft der Gleichheit. Eben das ist auch gemeint, wenn wir später vom »anarchistischen Kommunismus« etwa bei Peter Kropotkin hören werden. Das alles hat nichts mit der tausendfältigen Sektenbewegung ›kommunistischer‹ Parteien zu tun, die dafür sorgten, daß dieser Begriff für die meisten Menschen zu einer ungenießbaren Abscheulichkeit wurde.

Aber zurück zum Marxismus:

Viele Anarchisten haben durchaus Marxens wirtschaftliche Analysen und seine Kritik am Kapitalismus begrüßt. Einige seiner Thesen wurden vorbehaltlos geteilt, was nicht verwundert, wenn man weiß, daß Marx auf wichtigen Vorarbeiten aufbaute, die der Anarchist Proudhon geliefert hatte. Bakunin übersetzte das »Kommunistische Manifest« und Teile von Marx‘ Hauptwerk »Das Kapital« ins Russische. Die bisher einzige für den Normalmenschen verständliche Zusammen-fassung dieses komplizierten Buches schrieb der radikale Sozialdemokrat und spätere Anarchist Johann Most und machte es so den Arbeitern erstmals verständlich, für die es eigentlich hätte geschrieben sein sollen. Was aber Marxens Schlußfolgerungen angeht, so fanden er und seine Nachfolger in den Libertären immer engagierte Kritiker. Vor allem konnten sie nicht begreifen, wie er sich die überdrehte Theorie des historischen und dialektischen Materialismus* ausdenken konnte, die den Gang der Geschichte gewissen »objektiven Wahrheiten‹ unterordnet und mit fast religiöser Überzeugung vorauszusagen wagt, was, wann, wie und warum passieren muß: Alles sei wissenschaftlich beweisbar vorbestimmt. Handelnde Menschen passen nicht in dieses Konzept.

Die Geschichte hat gezeigt, daß sich Marxisten immer wieder und sehr gründlich geirrt haben, bis hin zu ihrem eigenen Scheitern. Wenngleich es auch in der anarchistischen Bewegung zeit-weise bedeutende Tendenzen gab, die mit dem Marxismus sympathisierten – namentlich nach der russischen Oktoberrevolution von 1917 und in der westeuropäischen Studentenrevolte nach 1968 –, so haben sie doch in einem Punkt dem Marxismus nie über den Weg getraut: in der Schizophrenie* nämlich, daß aus einer Diktatur irgendwann einmal Freiheit erwachsen könne.

Ein gutes halbes Jahrhundert vor den stalinistischen Greueln in der Sowjetunion schrieb Michail Bakunin: »Vorzugeben, daß eine Gruppe von Individuen, seien es die intelligentesten und mit den besten Absichten, in der Lage sind, die Seele, der leitende und vereinigende Wille der revolutionären Bewegung und der Wirtschaftsorganisation des Proletariats zu sein, ist eine solche Ketzerei gegen den Gemeinsinn, daß man mit Erstaunen fragt, wie ein so intelligenter Mensch wie Herr Marx das hat denken können. Die Einrichtung einer universellen Diktatur ( …) würde genügen, die Revolution zu töten, alle Volksbewegungen zu lähmen und zu verfälschen ( …). Man kann das Etikett wechseln, das unser Staat trägt, seine Form – aber im Grunde bleibt er immer der gleiche. Entweder muß man diesen Staat zerstören, oder sich mit der schändlichsten und fürchterlichsten Lüge, die unser Zeitalter hervorgebracht hat, versöhnen: der roten Bürokratie.«

Literatur:
Michail Bakunin: Freiheit und Sozialismus Berlin o.J. (1980?), Libertad, 28 S.
Rudolf Rocker: Absolutistische Gedankengänge im Sozialismus Darmstadt o.J. (1951?), Die freie Gesellschaft, 47 S.
Luigi Fabbri, Ch. Cornelissen: Historische und sachliche Zusammenhänge zwischen Marxismus und Anarchismus Berlin o.J. (1971?), 75 S.
Johann Most: Marxereien, Eseleien und der sanfte Heinrich Wetzlar 1985, Büchse der Pandora, 192 S., ill.
F. Amilie, H.D.Bahr, A.Kresic, R.Rocker: Anarchismus und Marxismus Berlin 1973, Karin Kramer, 132 S.
Fritz Brupbacher: Marx und Bakunin Berlin 1976, Karin Kramer, 222 S.
Pierre Ramus: Die Irrlehre des Marxismus Wien 1927, R. Löwit, 208 S.
Benjamin R. Tucker: Staatssozialismus und Anarchismus Berlin 1908, B. Zack, 14 S.
Maurice Cransion: Ein Dialog über Sozialismus und Anarchismus Berlin 1979, Libertad, 125 S. Daniel Guerin: Anarchismus und Marxismus Frankfurt a.M. 1975, Freie Gesellschaft, 25 S.
Bernd E. Elsner: Was ich Dir noch sagen wollte, Kommunist Karlsruhe o.J. (1978?), Laubfrosch, 18 S.
Murray Bookchin: Hör zu, Marxist! Wilnsdorf o.J. (1978?), Winddruck, 64 S.

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